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Kultur

Das Musical ist mit seinen Darstellern gereift

Neue Erkenntnisse und Erfahrungen fließen in „Den letzten Brief“ ein. Insofern erwartet auch das Publikum ein neues Stück.
Von Eva Gaupp

Auch wenn das Musical ein ernstes Thema aufgreift, kommt der Spaß bei den Ensemblemitgliedern nicht zu kurz.

Neumarkt. Fünf Jahre ist es her, dass Schüler des Ostendorfer Gymnasiums die Geschichte der Ilse Haas als Musical auf die Bühne gebracht haben. Die Ergebnisse eines Religionsprojekts waren damals sensationell – und noch außergewöhnlicher war die Tatsache, dass Ilses Bruder Ernest Haas extra aus New York angereist war, um eine Vorstellung zu besuchen.

Seitdem ist viel passiert: Die Stadt hat begonnen, aktiv ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Es hat unter anderem eine Ausstellung im Stadtmuseum gegeben und Hans Georg Hirn hat ein 500 Seiten starkes Buch über die Spuren jüdischen Lebens in Neumarkt verfasst. Viele geschichtliche Details hat der pensionierte Lehrer unter anderem durch Gespräche mit Zeitzeugen ans Licht gebracht. Und so scheint es nur natürlich, dass das Musical „Der letzte Brief“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Historischen Vereins wieder aufgeführt wird.

Titel und Handlung sind zwar dieselben geblieben. Trotzdem ist es nicht mehr dasselbe Stück. „Es ist kein Schülertheater mehr“, sagt Franz Müller, der zusammen mit Max Gmelch das Musical geschrieben und produziert hat. Zum einen haben sie aus den Erfahrungen der Aufführungen heraus Passagen gestrafft und überarbeitet, zum anderen sind die Erkenntnisse aus Hirns Buch eingeflossen.

Der wichtigste Aspekte jedoch sind die Darsteller: Die meisten sind keine Schüler mehr und bringen ihre inzwischen gewonnene Lebenserfahrung in ihre Rolle mit ein. „Wir haben intensive Rollenanalysen gemacht, gefragt, wie stehen die Figuren zueinander. Das kann man mit Schülern nicht so in dem Maße, wie wir es dieses Mal getan haben“, erklärt Müller.

„Die Oma war viel zu dramatisch damals“, nennt Anja König ein Beispiel. „Jetzt spiele ich sie eher sinnierend.“ Inzwischen studiert die 20-Jährige Englisch und Spanisch, hat einige Monate in Australien und Barcelona gelebt und freut sich, dass sie dieselbe Rolle wie damals übernehmen durfte.

Auch Anja Ibler ist ein vertrautes Gesicht auf der Bühne: Damals wie heute verkörpert sie die Karin, die auf dem Dachboden ihrer Oma eine Truhe mit Briefen findet, Ilses Briefen. „Für mich sind das Musical und die Geschichte heute noch emotional berührender als vor fünf Jahren“, sagt sie. Heute denke sie über die Tragweite der Handlung noch mehr nach. Und: „Mir ist erst jetzt klar geworden, dass Karin nur am Leben ist, weil Ilse gestorben ist.“ Denn ihre Großmutter war sozusagen die zweite Wahl ihres Großvaters nach Ilse gewesen. Franz Müller bringt es auf den Punkt: „Sie begreifen teilweise erst heute, was sie damals ergriffen hat“.

Wieder mit dabei ist auch Tobias Thumann, allerdings nicht mehr in der Rolle des „Joschi“, sondern in der des Lehrers. Ihm sei durch die Beschäftigung mit dem Schicksal der Jüdin Ilse und dem Holocaust klar geworden, was für eine Bereicherung das Judentum für die deutsche Gesellschaft bedeutet hatte. „Diese Natürlichkeit im gemeinsamen Zusammenleben wird es nie wieder geben können.“

Wie auch die anderen Ensemble-Mitglieder berührt ihn das neue Lied „Meine Heimat“ auf besondere Weise. Max Gmelch hat es komponiert, um die Reaktion von Ernest Haas darin widerzuspiegeln, der nach dem Musicalbesuch gesagt hatte, nun habe er seine Heimat wiederbekommen. „Ich kann mich mit dem Lied sehr gut identifizieren“, sagt Tobias Thumann. „Was wäre, wenn ich plötzlich meine Heimat verlassen müsste? Das macht die persönliche Tragödie größer.“

Die emotionale Verdichtung des Stücks lässt auch die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht kalt. Im Gegenteil, bei einigen Szenen und Liedern müssten sie sich zusammenreißen, damit die Gefühle nicht zu stark würden, sagt Ilse-Darstellerin Maria Nicklas. Dieses Musical habe die ehemaligen Klassenkameraden auch über das Abitur hinaus verbunden – und zum Teil hat es ihre Entscheidung mit beeinflusst, Religion zu studieren.

Andreas Flierl, der inzwischen zwar als Programmierer arbeitet, aber nebenher Musicals für „Just for Fun“ schreibt, ist als „Neuer“ zum Ensemble gestoßen. Er geht in seinem Rückblick sogar noch etwas weiter: „Das Wichtigste fürs Leben habe ich durch die Musicals gelernt, Teamarbeit, Organisation oder auch Verantwortung“.

Aufführungen: Samstag, Sonntag, Montag jeweils um 19.30 Uhr, Sonntag auch um 16 Uhr; Karten in der Tourist-Info, im Ticketshop der Sparkasse und an der Abendkasse; Kosten 12 Euro, ermäßigt sechs Euro.

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