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Demenz-Kranke löste große Suchaktion aus

Eine 84-Jährige lief aus einem Neumarkter Heim davon. Dabei wenden diese viele Tricks an, um solche Fälle zu verhindern.
von Wolfgang Endlein

Gehen Menschen mit Demenz ihre eigenen Wege, hat das nicht selten eine große Suchaktion von Angehörigen und Polizei zur Folge. Foto: Armin Weigel/dpa
Gehen Menschen mit Demenz ihre eigenen Wege, hat das nicht selten eine große Suchaktion von Angehörigen und Polizei zur Folge. Foto: Armin Weigel/dpa

Neumarkt.„Meine Mutter hält viel aufs Essen. Deswegen waren wir sicher, dass sie zu Mittag wieder da ist“, erzählt Petra Endres von jenem 1. Mai, an dem ihre 84-jährige Mutter aber auch zum Mittagstisch in einem Neumarkter Seniorenheim nicht auftauchte. Es war der Beginn von bangen Stunden für die Tochter.

„Ich habe mir vorgenommen, mich bis zum Abendessen um 17 Uhr nicht aufzuregen. Aber das sagt sich so leicht“, sagt Endres, die sich natürlich doch große Sorgen um ihre leicht demente Mutter machte. „Meine Mutter nimmt blutverdünnende Medikamente. Wenn sie hinfallen würde und sich eine blutende Wunde zuzieht…“, lässt die Tochter ihre schlimmsten Befürchtungen unausgesprochen.

Mehr über das Netz an Hilfsangeboten für pflegende Angehörige von Demenz-Erkrankten in Neumarkt lesen Sie hier.

Dass Menschen mit Demenz aus Seniorenheimen weglaufen, kommt immer mal wieder vor, wie mehrere Gesprächspartner aus dem Bereich der Seniorenpflege im Gespräch mit der MZ bestätigen. Konkrete Zahlen gibt es dazu aber nicht. Dagmar Bauer von der Heimaufsicht am Landratsamt ist im Rückblick auf ihre langjährige Tätigkeit aber überzeugt, das der Großteil der Fälle glimpflich ausgeht.

Seniorin lag tot am Wegesrand

Einzig an einen Fall erinnert sie sich, bei dem eine ältere Frau nur noch tot gefunden wurde. Die Seniorin sei immer wieder zu ihrem früheren Wohnhaus zurückgekehrt. Im besagten Fall, habe sie sich aber verlaufen. Die Suche nach ihr endete schließlich am Rand eines Feldwegs, wo die Seniorin tot lag.

Über die Krankheit Demenz spricht ein Experte des Klinikums Neumarkt in diesem MZ-Artikel.

Damit es erst gar nicht zu solchen Extremfällen kommt, unternehmen die Seniorenheime einiges. Wobei es für die Maßnahmen auch rechtliche Grenzen gibt. Abteilungen, in denen Menschen mit gerichtlichem Unterbringungsbeschluss hinter verschlossenen Türen leben, gibt es laut Dagmar Bauer nur noch zwei im Landkreis, in Parsberg und in Mühlhausen.

Was Demenz ist und wie viele davon betroffen sind, lesen Sie hier:

Rund um die Demenz

  • Begriff:

    Demenz ist der Oberbegriff für verschiedene Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten einhergehen.

  • Häufigkeit:

    In Deutschland leben laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft derzeit 1,6 Millionen Demenzkranke. Sofern kein medizinischer Durchbruch gelingt, dürfte diese Zahl bis 2050 auf rund drei Millionen ansteigen.

  • Hilfe:

    In Neumarkt gibt es ein breites Netz an Anlaufstationen, bei denen sich Angehörige und Betroffene beraten lassen können. Angebote halten die beispielsweise die Caritas, die Diakonie und das BRK in Neumarkt bereit.

Ansonsten müssen die Seniorenheime intelligent mit dem Bewegungsdrang manches Dementen umgehen. „Die Technik macht vieles möglich“, sagt Dagmar Bauer und denkt dabei vor allem an elektronische Hilfen. Auch im den beiden BRK-Seniorenheimen in Neumarkt habe man entsprechende Geräte installiert, berichtet deren Leiterin Stilla Braun. Betroffene Senioren tragen dabei einen Transponder bei sich, der ein Signal an die Heimmitarbeiter sendet, sobald die Senioren den Ausgang passieren.

Stilla Braun ist die Leiterin der BRK-Seniorenheime in Neumarkt. Foto: Friedl
Stilla Braun ist die Leiterin der BRK-Seniorenheime in Neumarkt. Foto: Friedl

Aber auch die Technik verspreche nicht 100-prozentige Sicherheit, betont Bauer. Weshalb sich Heime viele darüber hinaus gehende Gedanken machen. „Man muss sich anschauen, warum laufen Menschen weg“, sagt Braun, die der Ausbildung des Personals dabei eine große Bedeutung zuspricht. „Die Biografie der älteren Menschen ist dabei sehr wichtig.“ Möglicherweise waren sie einst beruflich viel draußen unterwegs oder sind regelmäßig mit dem Bus gefahren. Dem daraus resultierenden Bewegungsdrang versuchen die Heime, auf spielerische Art zu begegnen.

Da findet sich eine Bushaltestelle im Flur eines Heims, wo der ältere Bewohner auf den Bus warten kann, bis er wieder auf einen anderen Gedanken kommt. Andere Ideen, um das Weglaufen zu verhindern, sind beispielsweise, die Ausgangstüren zu verschleiern. Eine Folie auf der Tür, die ein Bücherregal zeigt, kann Wunder bewirken. Wirksam ist auch, wenn demente Heimbewohner weiter weg von Ausgängen wohnen und großzügig Raum für Spaziergänge im Heim vorhanden ist.

Hubschrauber kreiste über Stadt

Im Fall von Petra Endres Mutter half all dies nicht, auch weil sie noch nie zuvor weggelaufen war. Die Folge war eine große Suchaktion, bei der sogar ein Polizeihubschrauber über der Altstadt kreiste. „Wir werden immer dann sofort aktiv, wenn es klare Anhaltspunkte gibt, dass bei einem Verschwundenen eine Gefahr für Leib und Leben besteht“, erklärt Neumarkts Polizeichef Michael Danninger.

Auch ein Hubschrauber der Polizei (hier ein Hubschrauber bei einem anderen Einsatz) war bei der Suchaktion in Neumarkt beteiligt. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Auch ein Hubschrauber der Polizei (hier ein Hubschrauber bei einem anderen Einsatz) war bei der Suchaktion in Neumarkt beteiligt. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

„Ich muss der Polizei sehr danken, die sich sehr engagiert hat“, sagt Petra Endres, die den Dank aber auch auf eine Gruppe Jugendlicher ausweitet. Diese hatte sie bei ihrer Suche im Stadtpark getroffen. Die Jugendlichen hätten sich spontan bereit erklärt, zu helfen. Zudem hatte einer der Jugendlichen die 84-Jährige zuvor in der Innenstadt gesichtet. Was Endres zumindest etwas beruhigte.

Letztlich waren es aber nicht die Suchenden, die die 84-Jährige am späten Abend zurückbrachten, sondern ein Bekannter, der die Frau zufällig in der Stadt getroffen hatte. Dieser hatte gemeinsam mit der älteren Dame einen schönen Nachmittag verbracht, nicht ahnend, dass die Frau aus dem Heim unabgemeldet weggegangen war.

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