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Gesellschaft

Der Kampf gegen Klischees in der Pflege

Wenig Geld, Überarbeitung, keine Lobby: Neumarkter Experten haben es satt, immer nur Negatives über die Pflege zu hören.
Von Katrin Böhm

So viel Sinn, der sich direkt auf den Menschen auswirkt, haben wenige Berufe: Ein Altenpfleger kümmert sich um eine alte Dame. Foto: Markus Scholz/dpa
So viel Sinn, der sich direkt auf den Menschen auswirkt, haben wenige Berufe: Ein Altenpfleger kümmert sich um eine alte Dame. Foto: Markus Scholz/dpa

Neumarkt.Die Pflege hat ein Imageproblem. Schlechte Bezahlung, überarbeitete Beschäftigte und obendrein keine Lobby. „Wir sind niemals erste Wahl“, bringt es Norbert Bittner, Leiter der Caritas-Seniorenheime Freystadt und Deining auf den Punkt. Zu Veranstaltungen kommen selten die, die eigentlich eingeladen werden, sondern sie kommen gar nicht wie aktuell Minister Albert Füracker, der eigentlich schon zugesagt hatte, oder schicken zweite oder dritte Stellvertreter.

Oft Leute, die von nichts eine Ahnung haben. Ungerecht und ärgerlich, finden die Leute, die sich in der Pflege engagieren und auskennen – die Vertreter der Wohlfahrtsverbände, die im Landkreis 13 Pflegeeinrichtungen betreiben und sich im Bündnis „Pflege & Du“ zusammengetan haben, um das Image der Branche aufzupolieren.

Sie sind guten Mutes, auch wenn die Bedingungen nicht immer einfach sind: die Vertreter des Aktionsbündnisses „Pflege & Du“. Foto: Böhm
Sie sind guten Mutes, auch wenn die Bedingungen nicht immer einfach sind: die Vertreter des Aktionsbündnisses „Pflege & Du“. Foto: Böhm

Denn der Pflege werde unrecht getan, sagen sie. Punkt eins, die Bezahlung: 2800 Euro verdient ein ausgebildeter Altenpfleger in Neumarkt im ersten Berufsjahr, sagt Josef Bogner, Geschäftsführer der Caritas-Sozialstation und Sprecher des Bündnisses. „Da kann ein Schreiner oder Schlosser froh sein, wenn er das bekommt“, sagt Gerhard Binder, Leiter des Caritas-Heims in Berching. Generell sind die Tarife der Wohlfahrtsverbände in Neumarkt an die Tarife des öffentlichen Diensts angelehnt, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Zimmermann.

Private zahlen deutlich weniger

Doch woher kommt dann der schlechte Ruf bei der Bezahlung? Denn erst vor wenigen Tagen hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass der Brutto-Stundenlohn eines Altenpflegers mit durchschnittlich 14,24 Euro unter dem Mittelwert aller Beschäftigten von knapp 17 Euro liegt. „Das liegt daran, dass der Gesetzgeber privaten Trägern erlaubt, bis zu 30 Prozent unter Tarif zu bezahlen“, sagt Binder.

Und was ist mit der vielen Arbeit? Klar, viel zu tun gibt es, und Überlastung ist ein Thema, gibt Bogner zu, „aber der Beruf ist erfüllend, die Wertschätzung der Patienten, die Sinnhaftigkeit des Berufs darf man nicht unter den Tisch fallen lassen.“ Das, was man in überregionalen Medien lese und höre, spiegle nicht unbedingt den Zustand in Neumarkt wider, meint auch Zimmermann. „Viele Dinge sind hier schon noch in Ordnung“, sagt er.

„Das Problem ist der enorme Zeitdruck.“

Lutz Reichert

Und an einer Sache fehlt es den Pflegern und Pflegeschülern sicher nicht, sind sich alle einig: Empathie. „Das Problem ist der enorme Zeitdruck. Die Personalschlüssel sind viel zu niedrig für die Aufgaben“, sagt Lutz Reichert, Leiter des Seniorenzentrums in Pyrbaum und des Martin-Schalling-Hauses in Neumarkt. Auch Schüler seien voll im Stellenplan eingetaktet. Und da es in der Pflege eine relativ hohe Ausfallquote gebe, müssten diese auch voll einspringen. Zwar habe die Politik angekündigt, den Personalschlüssel zu erhöhen, die angekündigten 0,3 Prozentpunkte würden aber „definitiv nicht ausreichen“.

Josef Bogner ist Geschäftsführer der Caritas-Sozialstation und Sprecher des Bündnisses. Foto: Böhm
Josef Bogner ist Geschäftsführer der Caritas-Sozialstation und Sprecher des Bündnisses. Foto: Böhm

Der Zeitdruck ist auch für Sabine Schlegl, Leiterin der Berufsfachschulen für Altenpflege und Altenpflegehilfe, entscheidend. „Unsere Pflegekräfte sind alle empathisch, aber sie haben viel zu wenig Zeit, weil sie in zwei, drei Stunden viel zu viele Leute pflegen müssen.“ An der Unterfinanzierung und dem Pflegeschlüssel müsse dringend etwas geändert werden.

Eltern haben oft Probleme

Wären diese Rahmenbedingungen besser, wäre es auch das Image, sind sich die Vertreter des Bündnisses einig. „Denn der Pflegeberuf ist ein schöner, ein erfüllender Beruf“, sagt auch Maria Losch, Schulleiterin am Haus St. Marien. Hemmschwellen, zum Beispiel, wenn es um das Wickeln eines alten Menschen geht, seien bei den Schülern schnell überwunden. „Es überwiegt das Positive.“ Probleme mit dem Beruf haben öfter die Eltern, das erlebt auch Sabine Schlegl, zum Beispiel bei Berufsmessen. „Da müssen wir eher die Eltern überzeugen, die zu ihren Kindern sagen, dass sie sich das doch nicht wirklich antun wollen.“

„Wir haben Anfragen für Plätze, dass sich die Balken biegen.“

Gerhard Binder

Dabei habe sich der Beruf verändert, auch was körperliche Tätigkeiten angeht: Es gibt Lifte, höhenverstellbare Betten, Aufstehhilfen – Pfleger haben nicht mehr automatisch in älteren Jahren ein Rückenleiden. Wenn es mit der Zeit klappt. Denn wenn die Zeit knapp ist, geht es im Zweifel doch schneller, sich zu bücken oder dieses oder jenes Gerät nicht zu holen.

Zum Alltag von Altenpflegern gehört auch, Medikamente auszuteilen. Foto: Arno Burgi/dpa
Zum Alltag von Altenpflegern gehört auch, Medikamente auszuteilen. Foto: Arno Burgi/dpa

Auch bei den Arbeitszeiten sind die Einrichtungen im Landkreis bereit, flexibel zu sein. Es gibt Familienschichten, man kann auch mal sein Kind mitbringen. Natürlich gebe es keinen klassischen 9-to-5-Job, aber jeder Arbeitgeber gebe sich große Mühe, verspricht das Bündnis.

Abgesehen davon sei der Beruf krisensicher, sagt Gerhard Binder augenzwinkernd. „Wir haben Anfragen für Plätze, dass sich die Balken biegen.“ Die Demografie schlage schon jetzt voll zu – und werde es in ein paar Jahren noch viel mehr tun.

Und was erzählen diejenigen, die in der Pflege arbeiten?

Wir haben mit zwei Neumarkter Pflegerinnen gesprochen.

Messe zur Pflege

  • Informationsoffensive:

    Bei der Veranstaltung „Image – Pflege & Du“ wollen die Verantwortlichen am Donnerstag, 21. Juni, ab 9 Uhr im Saal des Landratsamts mit Klischees aufräumen. Bei der kleinen Messe gibt es Infostände und Workshops, außerdem ist ein Improtheater zu Gast. Die Veranstaltung ist für die breite Öffentlichkeit gedacht, eingeladen sind auch Schüler und Lehrer.

  • Pflege & Du:

    Das Aktionsbündnis gibt es seit dem Jahr 2015. Darin haben sich die 13 Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände im Landkreis zusammengeschlossen. Sie wollen unter anderem das Image des Pflegeberufs aufpolieren. (ks)

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