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Abschied

Der streitbare Datev-Chef geht von Bord

Neun Jahre stand Kempf an der Spitze des Nürnberger Unternehmens. Er hat sich nie davor gescheut, seine Meinung zu sagen.
Von Thomas Tjiang

Noch-Datev-Chef Dieter Kempf ist stolz auf den neuen, abhörsicheren Entwickler-Campus.
Noch-Datev-Chef Dieter Kempf ist stolz auf den neuen, abhörsicheren Entwickler-Campus. Foto: Tjiang

Nürnberg.Bissig war der Datev-Vorstandschef Professor Dieter Kempf schon immer. Aber auch an Selbstironie, eine nicht gerade häufig vorkommende Tugend in den Führungsetagen, hat es ihm nie gemangelt. Etwa wenn er seine Führungsaufgabe als „Manager auf Zeit“ leicht despektierlich als „Gutsverwaltertätigkeit“ bezeichnet. So kommentiert er seine Auszeichnung mit der IHK-Ehrenmedaille, die höchste Auszeichnung, die die Kammer verleihen kann.

„Damit wird wohl ganz offenbar zum Ausdruck gebracht, dass man diese Tätigkeit wohl nicht ganz unerfolgreich durchgeführt hat“, stapelt er etwas tief. Gleichwohl ist er über die Anerkennung auch stolz, selbst wenn er bereits mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande dekoriert wurde. Wenn die IHK Nürnberg für Mittelfranken „mir diese Auszeichnung als Münchner zuteil kommen lässt, müssen sie schon Überzeugungstäter sein“, stichelt er mit Blick auf die tief verwurzelte Rivalität zwischen der Frankenmetropole und der Landeshauptstadt.

Die Datev ist als Genossenschaft ein Software- und Beratungsdienstleister insbesondere für Steuerberater und deren Mandanten. Kempf hat in seiner Zeit das Geschäft solide ausgebaut und weiterentwickelt. Das mag auch an der für den Laien nur als Steuerirrsinn zu bezeichnenden Steuergesetzgebung plus Verordnungen und Gerichtsurteilen liegen. Der verheiratete Familienvater stimmt dem nur teilweise zu: „Das Selbstbewusstsein des Gutsverwalters sagt, daran allein kann es nicht liegen.“ Andererseits ist es so, dass „der Gesetzgeber uns schon immer mit neuen Aufgaben verwöhnt“. Um manche der Aufgaben wäre er aber gern herumgekommen, sie seien „gesetzgeberische Bocksprünge“.

Gleichwohl sieht Kempf die Gründe für die fehlende Steuervernunft nicht allein bei der Bundespolitik. „Jetzt bin ich fast in der Situation, die Politik an der Stelle in Schutz nehmen zu wollen.“ Eine kleine Überraschung, denn der scheidende Datev-Chef hat sich nie gescheut, die Steuergesetzgebung deutlich und kritisch zu kommentieren. Eine zentrale Ursache sieht er woanders. „Am Ende liegt es an uns allen.“

Die deutschen Steuerbürger würden quasi „zeitgleich mehr steuerliche Vereinfachung“ und eine „höhere Einzelfallgerechtigkeit“ fordern. „Diese Gleichung ist nicht zu lösen.“ Je nach „Politikphase“, gemeint ist etwa vor oder nach Wahlen, würde unter Einfluss von Wahlversprechen, Parteiprogrammen und Lobbygruppen ein Steuergesetz „häufig unter zeitlichem Zwang“ gestrickt. Sein Appell „an uns alle als Steuerpflichtige: Lasst uns überlegen, ob wir durch einen Verzicht auf die letzte Stufe der Einzelfallgerechtigkeit nicht viel Komplexität aus dem System nehmen können.“ Stattdessen sollte einer „Pauschalierung“ der Vorzug gegeben werden, also das Ende für jeden fleißigen Belegsammler für Sonderaufwand.

Für Kempf, passionierter Skifahrer und Zigarrenraucher, klemmt es aber noch an anderer Stelle. Während in Unternehmen und Gesellschaft die Digitalisierung weit fortgeschritten ist, hinkt Vater Staat noch deutlich hinterher. „Bei den digitalisierten Verwaltungsprozessen gibt es unterschiedliche Grundgeschwindigkeiten von freier Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung.“ Diese Kluft findet sich aber auch in der Wirtschaft wieder. Während einige Unternehmen sich mit neuen Möglichkeiten der Digitalisierung in der Produktion beschäftigen, machen manche weiter wie bisher. Manch ein Handwerksbetrieb habe es noch nicht begriffen, dass ein Standardprodukt schon heute aus einem 3-D-Drucker kommen könne.

Auch beim Umgang der Verbraucher mit ihren Daten im Internet plädiert Kempf für ein Umdenken. Gemäß des deutschen Postulats der Datensparsamkeit solle man sich mal ein „entsprechend lückenhaftes Telefonbuch“ vorstellen. Das sei vielleicht „etwas weit hergeholt“, beinhalte aber die Frage, „wem eigentlich welche Daten gehören“. „Datensparsamkeit war eine Antwort auf die Volkszählung, heute haben wir Datenvielfalt.“

Vor diesem Hintergrund schlägt Kempf vor, die „Datenvielfalt mit der informationellen Selbstbestimmung“ zu verknüpfen. Technisch könnte das dadurch geschehen, dass man eine Art Umschlag um die Daten packt. Der Dateneigentümer entscheidet, wer dieses Kuvert für welche Zwecke öffnen und verwenden kann. Er kann sogar ein Preisschild dranhängen. „Ich könnte sagen, mein Geburtsdatum ist für alle weiblichen Nachfrager kostenlos, Anbieter gesundheitsmedizinischer Dienste müssten dafür bezahlen.“ Letztere wollen nur „Altersverschleierungspillen“ verkaufen. „Das ist keine Utopie, es gibt solche Lösungen bereits.“ Wenn Kempf 63-jährig bei der Datev ausscheidet, ist er noch zu jung für den Ruhestand. Man darf gespannt sein, wie er sich weiter in die Tagespolitik einmischt.

Die Datev

  • Umsatz:

    Als Kempf 1996 das Ruder übernahm, hatte die Datev einen Umsatz von knapp einer Milliarde DM. Zuletzt erreichte der Umsatz 843 Millionen Euro.

  • Mitarbeiter:

    Von 1996 bis Ende 2014 stieg die Zahl der Mitarbeiter von mehr als 4700 Beschäftigten auf fast 6800.

  • Ausbildung:

    Die 53 Azubi-Plätze für September 2015 sind fast alle besetzt. Erstmals werden auch die Ausbildungsgänge Medientechnologie Druck und Elektroniker angeboten.

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