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Die Erinnerung droht zu versteinern

Vor 100 Jahren wütete der Erste Weltkrieg fern von Neumarkt. Das Gedenken manifestiert sich in der Region vor allem in den Kriegerdenkmälern.
von Wolfgang Endlein

  • Fast könnte man meinen, dem steinernen Soldaten im Neumarkter Kriegerdenkmal liefen zum 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs die Tränen das Gesicht hinab. Fotos: Endlein/Braun (1)
  • In Deinschwang erinnert die örtliche SRK im Vereinsheim an die Gefallenen mit einer Tafel. Foto: Braun
  • Das Kriegerdenkmal im Eichenhain an der Gabelung von Ingolstädter Straße und Regensburger Straße wurde in den 1930er Jahren erbaut. Dort wird an die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs erinnert. Foto: Endlein

Neumarkt.August Stadlmann starb mit 21 Jahren am 9. April 1915 im Wald von Lamorville. Wolfgang Bermüller fiel am 21. Oktober 1916 in Rumänien und Hans Schrott kam am 25. Juni 1918 im Irischen Kanal vor Großbritanniens Küste ums Leben. Die drei Beispiele von Neumarkter Gefallenen zeigen: Der Erste Weltkrieg spielte sich vor 100 Jahren fern von Neumarkt und der Region ab.

Die lange Zeit und die räumliche Distanz sind für die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg natürliche Erschwernisse. Zeitzeugen leben kaum noch, Zerstörungen gab es in der Neumarkter Region –anders als im Zweiten Weltkrieg – keine und auch bauliche Überbleibsel von beispielsweise den Lazaretten in Neumarkt sind nicht mehr vorhanden.

Zweiter Weltkrieg ist präsenter

Was bleibt also an greifbarer Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in der Region Neumarkt? Viel sei es nicht, sagt Rudi Bayerl. Der Zweite Weltkrieg habe den Ersten Weltkrieg in der allgemeinen Erinnerung überdeckt. „Mein Vater war Jahrgang 1900 und wurde als 17-Jähriger noch eingezogen. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er während meiner Kindheit groß darüber geredet hätte“, sagt der 1942 geborene Bayerl. Der kurz zurückliegende Zweite Weltkrieg war wesentlich eindrücklicher als der ferne Erste Weltkrieg.

Sehr wohl kann sich Bayerl aber noch an eine Tafel erinnern, die im Wirtshaus von Deinschwang hing. Darauf waren die Gefallenen des Ersten Weltkriegs im Bild zu sehen. Wo diese Gedenktafel inzwischen hängt, ist unklar. Im Vereinsheim von Deinschwang hängt nur noch die Tafel mit den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs.

Dennoch sind Gedenktafeln, die an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnern, im Landkreis keineswegs selten. Sie finden sich in unterschiedlichster Form in den meisten Orten des Landkreises. Neben Vereinen erinnern auch sehr oft Kirchen und Schulen mit Tafeln an ihre Gefallenen. So hängt beispielsweise im Eingangsbereich des Förderzentrums, der früheren Erwin-Lesch-Schule, eine solche.

Die offensichtlichsten Erinnerungsorte des Ersten Weltkriegs in der Region sind aber die Kriegerdenkmäler, wie beispielsweise jenes in Neumarkt an der Gabelung von Regensburger und Ingolstädter Straße, das in den 1930er Jahren erbaut wurde. Nur, wer hat diese Denkmäler, obwohl oder gerade weil sie sich seit Jahrzehnten ins Ortsbild einfügen, überhaupt noch auf dem Schirm?

„Der Erhaltung der Kriegerdenkmale gilt unser Hauptaugenmerk“, sagt Christian Emmerling, der Kreisvorsitzendes des Bayerischen Soldatenbundes (BSB). Dieser und die Bayerische Kameraden- und Soldatenvereinigung (BKV) sind mit ihren Ortsvereinen die Verwalter dieses Andenkens.

Die schwächelnden Bewahrer

Die Gefallenen vor dem Vergessen zu bewahren, war von Anbeginn das Ziel dieser Gemeinschaften. Viele Soldaten- und Kriegerkameradschaften wurden nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 gegründet. Ein zweite Gründungswelle folgte nach dem Ersten Weltkrieg. Beispielsweise gründete sich 1923 die SKK Schnufenhofen.

In deren Besitz wie auch der anderen Kameradschaften befinden sich andere Erinnerungsgegenstände an den Ersten Weltkrieg. Zum festen Inventar einer jeden Kameradschaften gehören Fahnen aus den unterschiedlichen Epochen – naturgemäß auch solche, die an den Ersten Weltkrieg und seine Gefallenen erinnern.

Eine Erinnerung an die Kriege ohne Glorifizierung, das sei die wahre Aufgabe der Soldaten- und Kriegerkameradschaften – trotz ihres kriegerischen Namens, sagt Emmerling. „Wir sind Mahner für den Frieden – nicht für den Krieg“.

Die Bewahrung der Erinnerung durch die Kriegervereine ist aber in Gefahr. Spätestens die Abschaffung der Wehrpflicht hat das Nachwuchspotenzial auch für die 32 Vereine aus dem Landkreis, die im BSB organisiert sind, und jene zwei Gegenstücke im BKV drastisch reduziert.

Spezielle Feiern anlässlich des Beginns des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren planen die Vereinigungen der Krieger- und Soldatenvereine im Landkreis nicht. Auch im Gedenkjahr bleibt der Volkstrauertag, in diesem Jahr fällt er auf den 16. November, die zentrale Veranstaltung des Erinnerns. Auch von Seiten des Landkreises und der Stadt sind außerhalb des Volkstrauertages keine besonderen Gedenkveranstaltungen geplant.

Es wird aber ab September eine Ausstellung im Neumarkter Stadtmuseum das Thema Erster Weltkrieg aufgreifen (wir berichteten). Dafür hoffen die Ausstellungsmacher um Stadtarchivar Dr. Frank Präger auf Leihgaben von Privatleuten (siehe Infostück).

Darauf ist das Museum und das Stadtarchiv auch angewiesen. Denn auch im Fall der beiden städtsichen Einrichtungen hat der Zweite Weltkrieg den Ersten Weltkrieg überlagert. Durch die Zerstörungen in Neumarkt wurde vieles, was an den Weltkrieg zuvor erinnerte, vernichtet.

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