MyMz
Anzeige

Schicksal

Die Freisings – eine jüdische Geschichte

Sie waren eine angesehene, wohlhabende Familie. Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht – und die Sulzbürger verloren alles, auch ihr Leben.
Von Prof. Dr. Heide Inhetveen

  • Auf dem großen Tisch ihrer Wohnküche hat Prof. Dr. Heide Inhetveen Unterlagen ausgebreitet, die sie zu der Geschichte der Familie Freising zusammengetragen hat. Foto: Gaupp
  • Dieses Foto zeigt Gustav Freising im Jahre 1943 Foto: Monika Springer, priv.
  • Landshuter Straße 14B – hier wohnte die Familie Carl Freising in Regensburg. Vor diesem Haus werden Anfang Juni die Stolpersteine zu ihrem Gedenken verlegt. Foto: Tost
  • Auf dem jüdischen Friedhof in Sulzbürg liegt Doris Freising begraben. Foto: Gleisenberg
  • So präsentiert sich das ehemalige Wohnhaus der Familie Freising heute. Foto: Gaupp
  • Diese alte Postkarte aus der Sammlung „Schiller, Sulzbürg“ zeigt das Wohnhaus der Familie Freising, wie es früher ausgesehen hat.

Sulzbürg.„Mein Geschäft ist verkauft, wenn die Genehmigung kommt, wird es übernommen. [...] Ich bekam für die ganze Geschäftseinrichtung fast nichts. Die Ware wird zum Einkaufspreis übernommen! Was dann, ist grau in grau...“ Als Carl Freising am 26.Juli 1938 seiner 17-jährigen Tochter Ruth nach Amerika schreibt, hat das Novemberpogrom noch nicht stattgefunden. Aber er und seine Familie, seine Verwandten und Freunde ahnen bereits die Katastrophe.

Dabei hatte das Leben der Familie Freising so hoffnungsvoll begonnen: Karl Freising wurde 1886 als erstes Kind von Simon und Doris Freising in Sulzbürg geboren. Bis 1900 kamen sechs weitere Geschwister zur Welt: Gustav, Julius, Benno, Siegfried, Irma und Thekla. 1888 kaufte Vater Simon ein Anwesen im benachbarten Freystadt und eröffnete dort einen Eisenwaren- und Geschirrhandel. 1897 kehrte die Familie nach Sulzbürg zurück und verlegte auch das Geschäft hierher. Die Kinder gingen in die jüdische Schule gleich gegenüber ihres Wohnhauses. 1913 erhielt die Familie das ersehnte Heimatrecht.

Karl und seine Brüder absolvierten nach der Volksschule eine kaufmännische Lehre. Im Ersten Weltkrieg standen alle fünf Söhne der Familie Freising im Feld. Siegfried und Benno Freisings Namen sind auf dem Kriegerdenkmal in Sulzbürg verzeichnet, Gustav wurde verwundet, Karl für Verdienste im Feld ausgezeichnet.

Ein Neuanfang in Regensburg

Karl Freising hätte als Ältester das Geschäft des Vaters übernehmen können, aber was bot das kleine Dorf einem strebsamen jungen Mann an Aufstiegs- und Lebensmöglichkeiten? Er zog 1919 mit seiner frisch angetrauten Frau Irma, geb. Kaufmann, nach Regensburg. Bereits am 21.Januar 1920 wurde sein Geschäft „Eisen-, Holzwaren, Werkzeuge“ unter dem Namen Carl Freising – das ländliche „K“ des Vornamens nun zu „C“ modernisiert – im Handelsregister eingetragen. 1920 gebar Irma die erste Tochter Anna Ruth, 1927 Doris und 1928 Alfred.

1931 hatte Carl Freising auch die Reparaturannahmestelle und den Alleinverkauf von Sägen der Sägenfabrik Gottfried übernommen. Trotz Weltwirtschaftskrise und beginnender Judenverfolgung stand Freisings Geschäft in der Oberen Bachgasse 21 sehr gut da.

Im Rückblick der Wiedergutmachungsakten aus der Nachkriegszeit handelte es sich um eine bekannte und angesehene Firma, die über einen langjährigen, weit verzweigten Kundenkreis verfügte und ansehnliche Gewinne abwarf.

Familie wähnt sich in Sicherheit

Der Nazi-Terror hatte in Regensburg schon lange vor 1938 mit besonderer Heftigkeit begonnen. Doch die Familie Freising ignorierte zunächst die Gefahr, fühlte sich geschützt durch Carls Kriegs-Auszeichnungen, ihre solide finanzielle Basis, den guten Kundenstamm, ihre weit gespannten Verwandtschafts- und Freundschaftsnetze.

Erst Ende 1937 erkannte die Familie die lebensbedrohliche Entwicklung. „Ich sehe es jetzt ein, daß wir ein 1/2 Jahr zu spät dran sind“, gesteht sich Carl im August 1938 traurig ein. Doch nur das Emigrationsgesuch für die älteste Tochter Ruth war erfolgreich. Sie verließ im Januar Europa und erreichte New York im Februar 1938.

Der Terror spitzte sich zu. Im Juni 1938 wurde verfügt, dass für alle jüdischen Gewerbebetriebe Vermögensaufstellungen abzugeben seien. Jüdische Geschäftsleute wurden aufgefordert, ihre Geschäfte aufzugeben. Sie durften keine Behörden mehr betreten. Die Kredite, die Carl Freising bei der Vereinsbank hatte, wurden ihm entzogen.

In dieser schrecklichen Lage blieb für Carl Freising nur noch ein Ausweg: der sofortige Verkauf seines trotz der Nazi-Schikane noch immer blühenden Geschäftes an die Sägen- und Werkzeug-Firma Wilhelm Gottfried & Co. zum Wert von Inventar und Warenlager – also weit unter seinem eigentlichen Wert.

Welch ein trauriger Trost, als Carl Freising mündlich von den neuen Eigentümern zugesagt wurde, dass er bei ihnen die Sägenfabrikation erlernen könne, um sich – wenn nötig – für den Aufbau einer neuen Existenz im Ausland zu qualifizieren.

Ausreise in die USA wird unmöglich

Der Terror gegen die jüdische Bevölkerung nahm in unvorstellbarerweise zu. Die Briefe Carl Freisings an seine Tochter Ruth vom Juli und August 1938 spiegeln die zunehmende Verfolgung einerseits und die große Rat- und Hilflosigkeit der Betroffenen andererseits: „Außer Manes, Hirschfeld ist hier jedes Geschäft verdeutscht (d.h. arisiert). [...] Onkel Emil möchte auch in Amerika siedeln, Onkel Fritz weiß nicht was er tun soll. Andere wissen es auch nicht.“

Der Vorschlag Ruths, dass jetzt möglichst schnell erst Vater Carl, dann Mutter Irma emigrieren, scheiterte an vielem: unter anderem am Gesundheitszustand von Irma, an fehlenden Bürgschaften im Auswanderungsland sowie an den langwierigen Ausreiseprozeduren. Zudem ist die Finanzlage schwierig: „Wenn ich das Geld behalten darf, das heißt, wenn es mir durch irgend ein [eingefügt: Sonder]Gesetz nicht weggesteuert wird, hätten wir für lange zu leben.“

Beleidigungen und Schikanen

Noch kann Carl Freising von seiner Autofahrt nach Sulzbürg und Treffen mit Freunden und Verwandten berichten, noch besitzt er seinen Führerschein, der dann mit Erlass vom 3. Dezember 1938 abgegeben werden musste. Beleidigungen und Schikanen sind an der Tagesordnung. „Das Leben wird schöner + schöner“, wie Carl ironisch kommentiert. Ein großer Trost in dieser Zeit war für die Familie, dass auch die beiden anderen Kinder in eine – wie sich später zeigte nur scheinbare – Sicherheit in Belgien gebracht werden konnten.

In der Pogromnacht am 9. November 1938 blieb die Freisingsche Wohnung in der Landshuter Straße als eine der wenigen verschont. Am eiskalten Vormittag des 10.November wurde Carl Freising mit über 20 Leidensgenossen nach einer namentlichen und fotografischen Registrierung in einen Bus verladen und direkt in das KZ Dachau gefahren. Das unsägliche Zwangsexerzieren und der sogenannte „Regensburger Schandmarsch“ blieben ihm erspart, nicht aber das Erleben von Misshandlungen und Mord im Konzentrationslager. Nach 14 Tagen kehrte er nach Regensburg zurück.

Zwangsumzug in ein „Judenhaus“

Im Dezember 1938 musste das Ehepaar Freising seine Wohnung in der Landshuter Straße aufgeben und in eines der vier sogenannten „Judenhäuser“ ziehen. Am 14. März 1939 wurde das Freisingsche Konto bei der Bayerischen Vereinsbank, Filiale Regensburg, gesperrt. Carl Freising durfte für sich und seine Familie lediglich 400 Reichsmark pro Monat abheben. Neben all den Demütigungen und der zunehmenden Rechtlosigkeit wurde nun auch die alltägliche Versorgung zum Problem. Einkaufsmöglichkeiten wurden genommen, Lebensmittel wurden rationiert oder für Juden verboten. Doch mitleidige Menschen leiteten ihnen über den neuen Geschäftsinhaber heimlich Lebensmittel weiter.

Unterbringung im „Altenheim“

„Es dauert doch noch bis Frühjahr bis wir kommen können“, hatte Carl Freising im August 1938 an Ruth geschrieben. Dazu sollte es nicht mehr kommen. In Sulzbürg hatte Carls Vater Simon Freising Haus, Hof und Garten verkaufen müssen und war im Frühjahr 1940 nach Regensburg in eines der sogenannten Altersheime – in Wahrheit Sammelunterkünfte für die Deportation – gezogen. Er war 83 Jahre alt. Carl musste monatlich für die Unterbringung seines Vaters 90 Reichsmark an das Altersheim zahlen. Simon Freising starb am 19. Januar 1941 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Regensburg beerdigt.

Das schrecklichste Ereignis für die Eltern Freising war es jedoch, als ihre Kinder Doris und Alfred beim Einmarsch der Deutschen in Belgien (Mai 1940) wieder nach Regensburg zurückgeschickt werden. Und so begann der nun 54-jährige Carl, ab Oktober 1940 zusammen mit anderen jüdischen Leidensgenossen als Hilfsarbeiter in der Sägenfabrik der Käufer seines Geschäftes zu arbeiten.

Dabei hat er noch immer die leise Hoffnung, ins Exil zu gehen und dort in die Sägenfabrikation einsteigen oder eine Hühnerfarm betreiben zu können, denn mit der Hühnerhaltung kannte er sich seit seiner Kindheit in Sulzbürg aus. Schon 1938 hatte er begonnen, hierfür Englisch zu lernen.

Deportation und Tod im KZ

Am 30. März 1942 gab Carl Freising einen Brief mit 1000 Reichsmark an den Käufer seines Geschäftes mit der Bitte, das Geld an seine Kinder zu geben, falls er nicht mehr zurückkäme. Am Karsamstag, 2. April 1942, wurden Carl, seine Frau Irma, ihre 15-jährige Doris und der 14-jährige Alfred mit anderen Juden am Regensburger Ostbahnhof verladen. Am Ostersonntag trafen Juden aus Straubing, Landshut und Weiden, am Ostermontag aus München und Fischach in Regensburg ein. Fast 1000 Juden wurden über Weiden nach Lublin mit dem Ziel „Auffanglager“ Trawniki deportiert.

Einige gelangten in das Durchgangslager Piaski, von dort aus in die Vernichtungslager Majdanek, Treblinka und Sobibor. Das Schicksal von Carl und Irma Freising sowie ihren Kindern Doris und Alfred endet an den Todesorten in Polen. Sie wurden mit Beschluss des Amtsgerichts Regensburg vom 25.August 1948 für tot erklärt. Carls Schwester Thekla aus Nürnberg sowie Carls Tante Emilie aus Regensburg wurden ins KZ Theresienstadt deportiert.

Nur Carls Brüder Gustav und Julius und seiner Schwester Ida war es rechtzeitig gelungen, nach Brasilien bzw. Amerika zu emigrieren und der Todesmaschinerie zu entkommen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht