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Region Neumarkt
Montag, 23. April 2018 25° 2

Kolumne

Die Tücken der Reinlichkeit

Über Hygiene lässt sich streiten. Sogar vor Gericht, wie Rechtsanwalt Geedo Paprotta in seiner Kolumne erzählt.
Von Rechtsanwalt Geedo Paprotta

Foto: Uli Deck/dpa

Neumarkt.Hygiene ist „die bewusste Vermeidung aller der Gesundheit drohenden Gefahren und die Betätigung gesundheitsmehrender Handlungen“, so definierte es Max Rubner einst im Jahre 1911. Der musste es wissen, denn er war einer der führenden Hygienekundigen seiner Zeit. Ob er auch blitzsauber war, ist nicht bekannt, immerhin aber war er blitzgescheit – sogar ein Bundesforschungsinstitut hat man nach ihm benannt.

Sauberkeit und Hygiene können aber im Übrigen durchaus zwei Paar Schuhe sein, die schon gerne einmal verwechselt werden. Zu sauber ist manchmal regelrecht ungesund. Das war allerdings eher nicht das Problem, mit dem sich das Verwaltungsgericht Karlsruhe herumschlagen musste – im Gegenteil. Die Stadt Pforzheim hatte beschlossen, ihre Bevölkerung vor besonders ekligen Gaststätten zu warnen. Sie wissen schon, vergammelte Miezekatze in Aspik, Kakerlakenburger in altem Öl … Nein, verzeihen sie, meine Schmuddelfantasie ging gerade etwas mit mir durch.

Rechtsanwalt Geedo Paprotta

Also genau wissen wir über den Fall nur, dass man eine konkrete Hygienewarnung bezüglich einer Gaststätte im Internet veröffentlicht hatte, und die betreffende Gaststätte fand das verständlicherweise nicht so gut und zog vor Gericht. So ein Hinweis ist ja quasi das Gegenteil von einem Michelin-Stern. Die Richter bestritten gar nicht, dass das angeprangerte Restaurant eklig war. Dennoch trafen sie eine für uns Kunden noch ekligere Entscheidung: Das Interesse des Wirtes an seinem guten Ruf wiege hier schwerer, als das Interesse der Öffentlichkeit, vor ihm gewarnt zu werden. Er durfte deshalb seinen „Antistern“ zurückgeben. Ob er danach aber eine weiße Weste, oder besser gesagt Schürze, hatte, wage ich zu bezweifeln (Az. K 2430/12).

Der Nachbar und sein Hygiene-Gau

In Münster hatte sich das Amtsgericht ebenfalls mit einem Hygiene-Gau zu befassen. Gerochen hatten es zunächst die Nachbarn. Durch die geschlossene Tür der betreffenden Wohnung kam ein abenteuerlicher Duft. Als der Vermieter eine Besichtigung durchführte, verschlug es ihm wahrhaftig den Atem. Der tödliche Dunst hatte seinen Ursprung im Bad und in der Küche – aber da musste man erst mal hinkommen! Die gesamte Bude war nämlich mannshoch zugemüllt. „Messies“ nennt man solche Zeitgenossen, und das Amtsgericht befand, dass Menschen mit einer dergestalt ausgelebten „Sammelleidenschaft“ als Mieter unzumutbar seien. Die fristlose Kündigung ging glatt durch (Az. 3 C 4334/10).

Man darf solche Messies übrigens nicht mit Knackis verwechseln, also den Bewohnern von Justizvollzugsanstalten. Ein Strafgefangener aus Bochum zum Beispiel wollte sogar besonders sauber sein, fein riechen und täglich duschen. Pustekuchen, sagte die Gefängnisleitung und das OLG Hamm sah das genauso. Zweimal Duschen in der Woche sei völlig ausreichend, an den anderen Tagen solle der Häftling sich eben gründlich waschen (Az. 1 Vollz (Ws) 529/15). Zumindest der Hautarzt des Mannes dürfte sich gefreut haben. Dermatologen bestätigen nämlich, dass zu häufiges Duschen zwar sauber sei - aber nicht gesund und daher auch nicht hygienisch.

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