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Themenwoche

Die vielen Aspekte der Landwirtschaft

Vom Neumarkter Bio-Bauern bis zur Verbraucherschützerin: Eine Woche lang beleuchten wir die Herkunft unserer Lebensmittel.
Von Katrin Böhm

Der Bio-Pionier

Für Erwin Ehemann ist es überhaupt keine Frage, welche Form der Landwirtschaft Sinn macht: Für ihn ist Öko-Landwirtschaft absolut alternativlos. „Unser Planet ist nicht vermehrbar. Und wir sind drauf und dran, ihn zu zertrampeln. Er hält aber nicht alles aus.“ Diese Überzeugung vertritt er seit Jahrzehnten. Seit Ende der 70er Jahre ist Ehemann Bio-Bauer in Oberndorf bei Freystadt, es war eine Zeit, in der man das, was heute „bio“ heißt noch als „ungespritzt“ bezeichnete. Belächelt wurde er damals, dann bekämpft und danach „schleimig einvernommen“. Jetzt, sagt er, sei die schlimmste Phase angebrochen, die schleimige. „Jetzt sind alle ein bisschen bio und verwenden ja sowieso nur ganz wenig Pflanzenschutzmittel, haben aber 35 bis 70 Gründe, wieso es mit Bio trotzdem nicht geht.“

Bio-Bauer Erwin Ehemann Foto: Öko-Modellregionen Bayern
Bio-Bauer Erwin Ehemann Foto: Öko-Modellregionen Bayern

Dabei sei das kein Hexenwerk. „Die Welt ist ein paar 1000 Jahre ohne Bayer und Monsanto ernährt worden.“ Allein die Tatsache, dass schon so viele Mittel vom Markt genommen worden seien, zeige, „dass wir gar nicht wissen, wie die miteinander wirken“. Ehemann sagt daher: „Entweder wir ernähren uns ökologisch oder gar nicht mehr.“

„Die Öko-Landwirtschaft ist die Zukunft.“

Erwin Ehemann

Diese Sichtweise will er auch jungen Landwirten wie seinem Sohn mitgeben, der vor zwei Monaten den Hof übernommen hat. Obwohl er fest auch davon überzeugt ist, dass die jungen Bauern „das machen sollen, was sie für richtig halten. Und nicht weil sie es müssen, Landwirt werden, sondern weil sie es wollen.“ Den Alten rät er, ihren Kindern nicht ständig zu sagen, dass es überall besser als in der Landwirtschaft sei und dass sie es besser haben sollen als sie. „Das stimmt einfach nicht.“ Denn die Öko-Landwirtschaft hat nicht nur Zukunft, ist Bio-Pionier Ehemann überzeugt – sie ist für ihn die einzig wahre Zukunft.

Was haben Tierwohllabel zu bieten? Unsere Grafik gibt Aufschluss:

Der BBV-Mann

Michael Gruber ist seit 30 Jahren Landwirt. Verändert hat sich in dieser Zeit rasend viel. Die Betriebe sind größer („früher hatte man 15, 20 Kühe, heute sind 60 bis 80 ganz normal“), die Höfe moderner, die Maschinen riesiger – und die Vorschriften mehr. Es gibt Qualitätsprogramme, Kulturlandschaftsprogramme, Sperrfristen. „Das ist so viel, da graust’s einem. Die Bauern leben alle ein bisschen in der Angst, einen Fehler zu machen.“ Als Gruber mit 16 Jahren anfing, „haben wir alles selbst gemacht“ – heute lässt er auf seinem Hof in Günching dreschen, Pflanzenschutzmittel spritzen, Mais silieren. „Es rentiert sich nicht mehr, Maschinen dafür zu kaufen.“

BBV-Kreisobmann Michael Gruber Foto: Friedl
BBV-Kreisobmann Michael Gruber Foto: Friedl

Apropos rentieren: Das spielt in immer mehr Betrieben eine Rolle: Ein Landwirt muss heute viel mehr Kaufmann sein und wirtschaftlich denken, sagt Gruber. Wer das nicht kann, hat verloren. Denn letztlich geht es immer nur um Preise. Für die Milch, fürs Getreide, für die Tiere. Alles ist global geworden, die Preise werden an den Börsen gehandelt. „Da kommt niemand mehr mit.“

„Bio-Betriebe haben ihre Daseinsberechtigung, aber wenn das andere schlecht gemacht wird – das hasse ich.“

Michael Gruber

Dennoch: Nicht alles ist schlechter geworden, findet der 56-Jährige. „Es ist super, einen neuen Bulldog zu fahren, vieles ist bequemer.“ Ihm persönlich gefällt auch, dass der kaufmännische Bereich größeres Gewicht hat. Und dass er – trotz aller bürokratischen Ketten – sein eigener Herr ist. „Wenn ich in den Wald gehen will, mach ich das.“

Dass konventionelle Landwirtschaft heute oft im Fokus von Kritik steht, ärgert Gruber. „Wir leisten einen Spagat zwischen Naturschutz und Nahrungsmittelerzeugung.“ Für ihn haben Bio-Betriebe durchaus ihre Daseinsberechtigung, „aber wenn das andere schlecht gemacht wird – das hasse ich. Wir brauchen ein gutes Nebeneinander.“

Die Verbraucher-Expertin

Kaufen tatsächlich immer mehr Menschen Bio oder ist das nur eine subjektive Wahrnehmung? „Wir beobachten, dass Bio ein langfristiger Trend ist“, sagt Daniela Krehl, Fachberaterin Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Bayern. Am wichtigsten sei den Kunden, dass sie keine Pflanzenschutzmittel an ihrer Nahrung haben möchten, direkt gefolgt vom Wunsch nach mehr Tierwohl. Auch die Gentechnikfreiheit spiele eine Rolle. „Die Bio-Branche nimmt stetig zu“, sagt Krehl.

Verbraucherschützerin Daniela Krehl  Foto: Robert Haas
Verbraucherschützerin Daniela Krehl Foto: Robert Haas

Die Marktanteile bekommen aber vor allem der Lebensmitteleinzelhandel und die Drogerien ab – die verstärkt Bio-Produkte in Eigenmarken anbieten. „Und wenn der Handel mit Eigenmarken reagiert, dann ist etwas Trend.“

Vertrauen können Verbraucher allen Bio-Siegeln, sagt Krehl, wenngleich das europäische Bio-Siegel eher „Einstiegs-Bio“ sei und bei weitem nicht die Kriterien von Bio-Verbänden erfülle. Zum Vergleich: In konventionell erzeugten Lebensmitteln seien über 300 Zusatzstoffe erlaubt, beim EU-Bio-Siegel seien es knapp über 30 und bei Bio-Verbänden nur etwa zehn.

„Das Bio-Siegel ist das Vorzeige-Siegel schlechthin, weil es gelungen ist, ein staatliches Siegel zu etablieren“.

Daniela Krehl

Generell hält Krehl das Bio-Siegel (erst war es eckig, in der neuen Version ist es ein stilisiertes Blatt) aber „für das Vorzeige-Siegel schlechthin, weil es gelungen ist, ein staatliches Siegel zu etablieren“. Kunden könnten auf die Kriterien vertrauen – egal, ob sie beim Billig-Discounter oder im Bio-Markt einkauften.

Dass viele Kunden nicht nur bio, sondern regional einkaufen wollen, stellt auch Krehl fest – denn weite Transportwege konterkarieren für viele den Bio-Gedanken. Hier empfiehlt Krehl das regionale, blaue Bayern-Bio-Siegel.

Der EU-Agrarpolitiker

Seit 24 Jahren ist Albert Deß EU-Agrarpolitiker – er schreibt der Landwirtschaft in der EU „nach wie vor hohen Stellenwert“ zu, sie ist für ihn seit über 50 Jahren „eine Klammer des europäischen Einigungsprozesses“. Eingebunden in die EU-Agrarpolitik ist auch das Thema Bio – Deß ist allerdings kein Verfechter des Wunschs, dieses Segment weiter zu fördern oder auszubauen.

EU-Agrarpolitiker Albert Deß Foto: Röhrl
EU-Agrarpolitiker Albert Deß Foto: Röhrl

Er sagt: „Es ist nicht Aufgabe der Politik, den Landwirten in Europa vorzuschreiben, in welcher Form sie ihre Betriebe bewirtschaften sollen.“ Wenn es einen Markt für Bioprodukte gebe, „werden die Landwirte diesen Markt auch bedienen“. Es wäre sogar schlecht für Bio-Bauern, wenn plötzlich alle umstellen würden, so Deß. „Dann wäre es keine Marktnische mehr.“ Abgesehen davon: Wenn es weltweit nur noch Bio-Bauernhöfe gebe, „bräuchten wir weltweit 70 Millionen Hektar Fläche mehr. Wo sollen wir die hernehmen?“ Gerade bei einer steigenden Weltbevölkerung von derzeit knapp acht auf zehn Milliarden im Jahr 2050 sei die Sicherung der Welternährung nur über „mehr Produktivität in der Landwirtschaft“ zu leisten. 75 Prozent der Weltagrarflächen seien Gras- und Weideland – diese Fläche stehe für die Ernährung nur zur Verfügung, wenn damit Tiere für die Milch- und Fleischproduktion gefüttert würden.

„Nirgendwo gibt es so strenge Richtlinien wie bei uns.“

Albert Deß

Für die Zukunft wünscht sich Deß, selbst Landwirt, „dass unsere Bauern nicht von früh bis abends mit überzogenen Vorschriften schikaniert werden“. Schließlich gebe es „nirgendwo so strenge Richtlinien wie bei uns“. Tier-, Verbraucher- und Umweltschutz seien natürlich wichtig, „aber oft wird übers Ziel hinausgeschossen.“

Die Supermärkte

Vor kurzem gab es im Rewe im Neuen Markt Auberginen aus Südeuropa für 2,99 Euro das Kilo, eine Woche später kamen sie aus dem Knoblauchsland und kosteten 4,99 Euro – deutlich mehr gingen von den fränkischen Exemplaren übers Kassenband. Das ist für Karl Seidl, den Regionalitätsbeauftragten der Rewe-Region Süd, bezeichnend. Seit gut zehn Jahren merkt Rewe einen gewaltigen Anstieg in der Nachfrage nach regionalen Waren.

Rewe-Regionalleiter Karl Seidl und Marktleiterin Elena Gaier Foto: Neumayer
Rewe-Regionalleiter Karl Seidl und Marktleiterin Elena Gaier Foto: Neumayer

Auslöser war der Dioxin-Skandal bei Eiern – die Leute kauften plötzlich Eier aus der Region, mittlerweile wird bei Eiern zu 70 Prozent regionale Ware verkauft, auch „Bio“ ist in diesem Sektor stark gefragt. „Unser Lieferant kommt gar nicht hinterher“, sagt Marktleiterin Elena Gaier.

Auch das Saison-Gemüse kommt zu 80 Prozent aus Franken, beim Obst ist der Anteil hingegen „minimal“. Kirschen, Erdbeeren, im Sommer ein paar Äpfel, „aber das ist nicht spürbar“ – es gibt zu wenig Obst in der Region. Dass sich der regionale Faktor derart entwickelt hat, liegt an den Kunden. „Die wünschen sich das.“ Daraufhin habe Rewe die Strukturen geschaffen, dass einzelne, kleine Erzeuger aus der Umgebung ihre Waren im Supermarkt verkaufen können.

„Die Leute ernähren sich hier sehr bewusst, schauen weniger aufs Geld.“

Elena Gaier

Mittlerweile habe sich auch bei den Landwirten herumgesprochen, dass diese Form des Verkaufs lohnt, so Seidl. „Wir zahlen den Preis, den die Bauern brauchen“, verspricht er.

Gerade in Neumarkt wird beim Einkauf weniger aufs Geld geschaut als anderswo, so die Erfahrung von Elena Gaier ein. „Die Leute ernähren sich sehr bewusst, schauen weniger aufs Geld und gehen mehr an die Frischetheke und auf Bio als anderswo.“

Der Tierschutz

87 Prozent der Verbraucher wünschen sich mehr Tierwohl, 88 Prozent sind bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen, wenn die Tiere besser gehalten werden – das belegt der Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums von 2017. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache – auch für den ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. „Tierwohl steht bei den Bundesbürgern hoch im Kurs. Eine klare und transparente Kennzeichnung ist für die Kaufentscheidung wichtig, denn nur so wird der Verbraucher in die Lage versetzt, solche Produkte zu erkennen, bei deren Erzeugung höhere als die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten wurden“, sagt Schmidt. „Mit dem staatlichen Tierwohllabel schaffen wir eine solche verlässliche Kennzeichnung.“

Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Konkret bedeutet das: Verbraucher sollen besser erkennen können, wie das Tier, das sie verspeisen, gehalten wurde. Das Tierwohllabel wird mit Schweinefleisch beginnen – die Kriterien dafür wurden laut Ministerium bereits diskutiert und „greifen die größten Probleme in der Schweinehaltung“ auf, also zum Beispiel den Platz. Die Kriterien des Tierwohllabels sollen bereits in der Eingangsstufe „weit über die gesetzlichen Standards“ hinausgehen. So sollen Schweine bis zu 33 Prozent mehr Platz haben, in der Premiumstufe sind es 70 bis 100 Prozent. Auch Zuchtbedingungen, Transportdauer und tierrelevante Belange wie die Amputation der Schwänze werden einbezogen.

„Das Projekt soll kurzfristig umgesetzt werden.“

Bundeslandwirtschaftsministerium

Das Ministerium rechnet damit, dass Schweinefleisch mit dem Tierwohllabel etwa 20 Prozent teurer wird. Das Projekt soll laut Ministerium nach der Regierungsbildung „kurzfristig umgesetzt werden“, danach können sich Höfe zertifizieren lassen.

Alle Teile zur Serie finden Sie unter www.mittelbayerische.de/verbraucher.

Hier finden Sie die große MZ-Verbraucherumfrage zu unserer Themenwoche:

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