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Trost

Dietfurterin hilft Trauernden mit Fotos

Kerstin Jakobs gehört einer Gruppe Fotografen an, die „Sternenkinder“ ablichten. Das sind Neugeborene, die nur kurz lebten.
Von Christiane Vatter-Wittl

Mit ihrer Kamera will Kerstin Jakobs trösten.Foto: Christiane Vatter-Wittl
Mit ihrer Kamera will Kerstin Jakobs trösten.Foto: Christiane Vatter-Wittl

Dietfurt. Ein Kind bekommen zu dürfen, ist eines der schönsten Erlebnisse, das es auf dieser Erde gibt. Ein Kind zu verlieren, ist damit wohl auch eines der tragischsten. Ein Schicksal, das man niemandem wünschen möchte und selbst genauso wenig erleben möchte. Doch was bleibt, wenn es passiert ist? Was bleibt, wenn nach einigen Wochen Schwangerschaft festgestellt wird, dass etwas mit dem Baby nicht stimmt? Was bleibt, wenn man sich Monate auf ein Kind freut und es gibt bei der Geburt Komplikationen? Was bleibt, wenn plötzlich das kleine Herz aufhört zu schlagen?

Auf diese Fragen antwortet Kerstin Jakobs: „Es bleibt jede Menge Liebe. So viel Liebe, dass sie in einem Raum richtig greifbar wird.“ Kerstin Jakobs sorgt dafür, dass ein paar Erinnerungen bleiben, die die Eltern aufbewahren können. Die 45-jährige ist Fotografin und hat sich nach der Geburt ihrer Tochter Johanna entschlossen, dass sie gerne etwas zurückgeben möchte. Zurückgeben dafür, dass es ihrer Tochter und ihrer Familie gut geht. So ist die leidenschaftliche Fotografin auf das Projekt „Sternenkind“ gestoßen.

Totgeburten oder zu früh gestorben

Als Sternenkinder bezeichnet man Kinder, die totgeboren werden oder bereits kurz nach der Geburt verstorben sind. Kerstin Jakobs ist nach der Geburt von Töchterchen Johanna zufällig auf das Thema gestoßen und hat sich lange damit beschäftigt: „Anfangs war die Distanz zu meiner Tochter nicht gegeben, da ich sonst immer nur Parallelen gezogen hätte, doch das Thema hat mich nicht ausgelassen!“ Mittlerweile ist Johanna ein Vorschulkind und Kerstin Jakobs hat sich als sogenannte Sternenkindfotografin registrieren lassen. Seit fast einem Jahr engagiert sie sich in der Organisation „Dein-Sternenkind.eu“ ehrenamtlich.

Ein Beispiel für Sternenkindfotografie. Foto: Kerstin Jakobs
Ein Beispiel für Sternenkindfotografie. Foto: Kerstin Jakobs

„Leider ist das Thema bei uns auf dem Land noch nicht so groß, dass man darüber spricht. In den Großstädten hingegen ist das sehr wohl der Fall. Dabei kann es so viel helfen, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Eltern sind dankbar für unsere Arbeit!“, so die Fotografin. Im Gespräch mit unserem Medienhaus zeigte Jakobs, wie ein Einsatz für ein Sternenkind abläuft.

Auf der Website für die Fotografen, die in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig sind, hat jeder Fotograf verschiedene Bereiche angegeben, in denen er tätig werden kann. Zwei große Kreise zeigen, für welches Gebiet die Dietfurterin zuständig ist. Von Kelheim und IngolDie Sternenkindfotografinstadt über Straubing bis nach Bayreuth, Weiden, Augsburg und Bamberg geht ihr Gebiet. Gibt es ein sogenanntes „Sternenkind“, dann werden die Fotografen über eine Alarm-App alarmiert, anschließend tauschen sie sich in einem gut vernetzten Forum aus, wer den Einsatz übernehmen kann. Danach telefoniert man meist mit dem Krankenhaus oder gleich der begleitenden Hebamme und bespricht das Vorgehen.

„Sicher muss man sich auch die eine oder andere Träne verdrücken.“

Kerstin Jakobs

Voraussetzung ist, dass die Eltern des Kindes einverstanden sein müssen, wenn jemand zu ihnen ins Krankenhaus oder auch noch in den Kreißsaal kommt, um zu fotografieren. So werden die Koordinatoren meist vom Krankenhaus, Freunden oder der Familie verständigt.

Im Krankenhaus angekommen, arbeitet Kerstin Jakobs eng mit der Hebamme zusammen. Zusammen mit dieser und mit großem Respekt geht sie zur Familie. Schließlich ist ihr bewusst, dass sie sich in eine besondere Situation begibt, die zwar von Trauer, aber auch von noch mehr Liebe, die überall spürbar ist, geprägt ist. „Sicher muss man sich auch die eine oder andere Träne verdrücken, aber ich kann mich an meiner Kamera festhalten und wenn man dann auf Hebammen trifft, die einfach genial in ihrer Arbeit und in ihrer Herzlichkeit sind, dann ist das ein ganz besonderes Teamwork.“

Kurze Augenblicke verewigen

Im Gespräch merkt man der Fotografin an, dass es ihr bei ihrer Arbeit um eine wichtige Dienstleistung geht. Dabei nimmt sie sich persönlich ganz zurück, schließlich geht es nicht um Effekthascherei: „Mir ist einfach wichtig, den Eltern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und ich habe den Anspruch, gute Bilder zu machen und den Eltern die Erinnerungen an die kurzen Augenblicke mit ihrem Kind zu schenken.“ Und das tut sie. Im Kreißsaal wird das Baby von den Hebammen angezogen und fotografiert. Ob alleine oder mit den Eltern ist von der jeweiligen Situation abhängig. „Hier mache ich die ersten und letzte Fotos des Kindes. Genau darüber sind die Eltern extrem dankbar und das ist der schönste Lohn, den es gibt!“ Bei ihren Einsätzen hat die 45-Jährige auch immer einen genähten Sternenbären und ein passendes Herz dabei. Ein Teil bleibt dann beim Kind und eines können die Eltern als Erinnerung behalten. Kommt die Situation sehr überraschend für die Eltern, so hat sie auch noch kleine Anziehsachen, Mützchen oder Deckchen für das „Sternchen“ dabei. Dabei wird sie von den Beilngrieser Näherinnen unterstützt, die sich in ihrer Arbeit ebenfalls ehrenamtlich für Frühchen und Sternenkinder engagieren.

Das ist „Dein Sternenkind“

  • Zur Person:

    Kerstin Jakobs ist 45 Jahre alt und betreibt ein Fotostudio in Dietfurt.

  • Ehrenamtlich

    engagiert sie sich als Sternenkindfotografin. Ehrenamt ist das auch deshalb, weil sie für ihre Arbeit kein Geld verlangt. Jeder gefahrene Kilometer, das Material für jedes Foto und das Porto für jedes Paket übernimmt sie gerne. Den Eltern entstehen keine Verpflichtungen und Kosten.

  • Infos

    unter www.dein-sternenkind.eu oder auch bei Nähen für Frühchen und Sternenkinder auf Facebook. (ucv)

Zurück im Studio sichtet Kerstin Jakobs dann erst einmal die Bilder und wählt die schönsten für die Eltern aus. Dabei wird aber kaum etwas bearbeitet, schließlich waren die Eltern dabei und möchten ihr Kind so in Erinnerung behalten, wie es ist. Da muss man nichts retuschieren. Da gehören dann zum Beispiel auch die Veränderungsprozesse im Hautbild mit dazu, die irgendwann unweigerlich eintreten. Je nach Situation stellt Jakobs dann ein kleines Paket für die Eltern zusammen. Ausgedruckte Fotos gehören ebenso dazu wie eine CD mit allen Bildern. Manchmal macht sie auch ein kleines Fotobuch zur Erinnerung. „Am wichtigsten ist die CD“, so die Dietfurterin, „ein Papa hat einmal gesagt, er werde die Bilder so oft speichern, dass sie niemals verlorengehen können!“ Aber selbst dafür wäre vorgesorgt, auf der Website der Sternenkindfotografen werden die Fotos für immer gespeichert. Ist das Paket dann fertig geschnürt und bei den Eltern angekommen, dann auch Kerstin Jakobs auch damit abschließen. „Oft kommt von den Eltern aber noch eine Karte als Dankeschön zurück, das bestätigt mich dann in meiner Arbeit und ich freue mich sehr darüber, dass ich die Erinnerungen festhalten konnte. Aber es wäre auch in Ordnung, wenn nichts zurückkäme!“, so Jakobs.

„Gerade, weil es so tragisch ist, wenn das Schicksal so gnadenlos zuschlägt, ist unsere Arbeit umso wichtiger, damit die Erinnerungen bleiben.“

Kerstin Jakobs

Ehrenamtlich heißt auch wirklich ehrenamtlich, denn alle Kosten, die entstehen tragen die Fotografen selbst. Von den gefahrenen Kilometern bis hin zu CDs oder gedruckten Fotos schenken die Fotografen den Eltern, so dass diesen keinerlei Kosten entstehen.

Auch Kai Gebel, dem Initiator der Organisation „dein-sternenkind“, ist es wichtig, dass diese Dienstleistung ehrenamtlich ausgeführt wird und es ein rein humanitäres Geschenk der Fotografen an die Eltern ist.

Fotos trotz aller Tragik wertvoll

„Es ist schade um jedes Sternchen, das gehen muss. Gerade, weil es so tragisch ist, wenn das Schicksal so gnadenlos zuschlägt, ist unsere Arbeit umso wichtiger, damit die Erinnerungen bleiben!“, sagte die 45-jährige Mutter.

Es gebe allerdings auch schöne Momente in der ehrenamtlichen Arbeit von Kerstin Jakobs. „Da gibt es zum Beispiel die Bitte, zu einem Termin, bei dem alle Prognosen sehr schlecht stehen, zu kommen. Dann wird aber noch die letzte Ultraschalluntersuchung abgewartet. In enger Rücksprache mit den Ärzten und Hebammen warten wir bereits auf unseren Einsatz. Dann aber setzt eben diese letzte Untersuchung noch einmal alles auf Anfang und es wird doch alles gut! Dann ziehen wir uns Fotografen wieder zurück und sind froh, dass wir nicht gebraucht werden! Auch das ist ein schönes Gefühl!“, so Jakobs.

Gerade, wenn es um den Verlust des eigenen Kindes geht, ist es so wichtig, die Trauer auch entsprechend zu verarbeiten. Dabei empfiehlt Jakobs auch ein entsprechendes Beerdigungsinstitut, dem es nicht nur um schnellen Profit geht, sondern wirklich darum, die trauernden Angehörigen zu begleiten und mit ihnen diesen schweren Weg zu gehen, damit die Eltern den Abschied verarbeiten können.

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