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Region Neumarkt
Dienstag, 17. Juli 2018 28° 2

Serie

Ein Netz fängt pflegende Angehörige auf

BRK und Caritas unterhalten im Landkreis Neumarkt Hilfen für alle, die sich Tag für Tag einer großen Herausforderung stellen.
Von Lothar Röhrl

Monika Rupp (l.) und Eva-Maria Fruth neben dem Satz, der pflegenden Angehörigen Kraft geben soll.Foto: Röhrl
Monika Rupp (l.) und Eva-Maria Fruth neben dem Satz, der pflegenden Angehörigen Kraft geben soll.Foto: Röhrl

Neumarkt.Für den Betroffenen ist die Diagnose „Demenz“ schlimm. Mindestens genauso betroffen macht dies sicher dessen Angehörige. Doch mittlerweile ist im Landkreis ein Netz an Beratung, Begleitung und Entlastung geschaffen worden, das Angehörigen bei der Pflege des Erkrankten beisteht. Wir haben uns mit zwei Vertreterinnen des BRK-Kreisverbandes und der Caritas getroffen: Eva-Maria Fruth von der BRK-Fachberatungsstelle für Pflege und Demenz sowie Monika Rupp von der Caritas-Sozialstation Neumarkt. Beide Organisationen bieten diese Unterstützung an.

Dabei ist es aber zweitrangig, ob diese Pflege wegen Demenz nötig ist. Auch Situationen der Pflege von an MS oder Parkinson erkrankten Menschen, von Schlaganfallpatienten oder von mit einer spastischen Lähmung betroffenen Kindern und Erwachsenen werden berücksichtigt. In allen Fällen steht ein Leitspruch über allen Dingen: „Ich pflege als der, der ich bin.“ Diesen hat die Schweizer Ordensschwester Liliane Juchli formuliert. Sie hat unter anderem ein Pflege-Lehrbuch herausgegeben.

Die Ängste werden genommen

Die Angst vor einem kompletten Bruch mit dem gewohnten Alltag, die Sorge um eventuell auftretende, die Existenz gefährdende finanzielle Belastungen und nicht zuletzt die bange Erwartung eines wohl unausweichlichen Abschieds von der Planung eines gemeinsamen Lebens im Alter: Genau diese Gefühle lasteten schwer auf direkten Angehörigen wie Ehefrau oder Ehemann beziehungsweise den Kindern. Bei einer Demenz komme noch hinzu, dass sich das Vergessen auf den Partner wie eine Vereinsamung auszuwirken drohe. „Er vereinsamt mit dem Partner und damit in der Beziehung“.

Zu diesem Netz gehören bei BRK und Caritas landkreisweit rund 130 Laienhelfer. Dabei handelt es sich oft um Angehörige, denen diese Unterstützung während der Zeit ihrer Pflege zuteil geworden war. Nach dem Ableben des Menschen, dem sie zur Seite gestanden waren, wollten sie sich mit eigenem Engagement für die gewährte Hilfe bedanken.

Pflegen – erst bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, dann wenigstens mit Auszeiten zum Durchschnaufen: So hat Rosa P. (Name von der Redaktion geändert) die vergangenen Jahre erlebt. Sie pflegt ihre an Demenz erkrankte Mutter. Ihre Geschichte dürfte der vieler anderer Angehöriger ähneln. Denn diese hat mit einer langsamen und dennoch immer stärker wahrnehmbaren Veränderung des Verhaltens ihrer Mutter begonnen.

Die Tochter stellte fest, dass ihre Mutter begann, Pakete zu verschnüren. Weil sie aus ihrer Heimat vertrieben worden war, dachte sich die Tochter nichts Besonderes. „In Langzeiterinnerungen tauchte der Fluchtgedanke von damals wieder auf. Daher nahm ich das noch nicht als bare Münze.“ Doch bald stellte Rosa P. fest, dass es der Mutter nicht mehr gelang, die Kaffee- und vor allem die Waschmaschine zu bedienen. Die häusliche Hygiene habe die früher sehr genaue Senioren zunehmend vernachlässigt. Und sehr stutzig wurde Rosa P., als sie bei einem ihrer Besuche einen völlig leeren Kühlschrank vorfand. „Erst dachte ich, dem Problem mit einer Anmeldung beim Roten Kreuz für Essen auf Rädern begegnen zu können. Ich traf dort auf eine sehr nette Dame, die mir nach dem Hören meiner Geschichte den Rat gab: Wissen Sie nicht, dass vom Roten Kreuz eine Demenzgruppe angeboten wird?“ Und so habe sie Eva-Maria Fruth kennengelernt.

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„Das ist eine sehr hohe Qualität“

Schnell habe sie gemerkt, für welch hohe Qualität die von Eva-Maria Fruth aufgebaute Begleitung der pflegenden Angehörigen sorgen kann. „Erst war meine Mutter einen halben Tag in der Gruppe. Dann zwei Mal in der Woche. Nach drei Mal in der Woche wurden fünf daraus. Und zusätzlich traf sich meine Mutter mit Laienhelfern zu Spaziergängen oder einfach nur zum Plaudern.“ Das Vertrauen zu diesen Laienhelfern sei schnell gefasst worden, weil die Mutter von Rosa P. diese schon von Demenzgruppen her gekannt hatte.

Mittlerweile ist Rosa P. sicher, dass sich ihre Mutter auf die regelmäßigen Gruppentreffen freut. Denn dort werde gemeinsam gesungen, gespielt und alle werden gut bekocht.“ All das tue ihrer Mutter mental gut. Ab Freitagmittag und das ganze Wochenende über kümmere sie sich dann selbst um die Mutter.

Wenn sie über diese Unterstützung nicht verfügen könnte, hätte sie ein massives Problem – betonte Rosa P. im Gespräch mit dem Tagblatt. Denn von Montag bis zumindest den ganzen Donnerstag sei voll eingespannt. Oft müsse sie gar die Mittagspause ausfallen lassen. Freilich: Mit spontan einmal über ein Wochenende wie früher wegfahren ist nichts mehr drin. Und dennoch arrangiere sie sich mit der jetzigen Situation dank der Mithilfe des BRK. „Ich bin froh, dass meine Mutter in extrem gute Hände gekommen ist. Die Ehrenamtlichen dort bieten eine gute menschliche Betreuung.“ Daher glaubt sie, dass sie noch einige Zeit ihre Mutter nicht in ein Heim abgeben muss. „Dort gibt es zudem eine längere Wartezeit.“

Freilich: Irgendwann, so ist es Rosa P. bewusst, wird wegen des Fortschreitens der Erkrankung der Punkt kommen, an dem die Betreuung der Mutter nur in einem Pflegeheim garantiert werden kann. „Wer werden den Kampf gegen Demenz nicht gewinnen. So aber konnten wir jetzt zwei, drei, vier Jahre gewinnen, in denen meine Mutter noch Lebensqualität und Freude haben kann.“

Hilfe auch bei Pflegestufen

Als sehr wertvoll empfindet es Rosa P., wie ihr Eva-Maria Fruth bei der Begleichung der durch die Erkrankung ausgelösten Kosten helfen konnte. „Ich denke, sie kann schnell den Grad der Erkrankung beurteilen. Bei uns sorgte sie dafür, dass schnell und dann auch erfolgreich auf Antrag auf Einteilung meiner Mutter in die Pflegestufe III gestellt wurde.“ Rosa P. weiß aber auch, dass es durchaus für die wirtschaftliche Existenz andere Töchter sehr gefährlich werden könnte – vor allem, wenn ein Heimaufenthalt ihres nahen Angehörigen fällig werde. Denn gerade bei erkrankten Frauen komme das Problem hinzu, dass es in der Nachkriegsgeneration völlig normal war, dass sich Frauen ganz auf ihre Hausfrauen-Tätigkeit und somit die Erziehung von Kindern konzentriert haben. Da war mit beruflicher Tätigkeit und somit der Chance auf eine höhere Rente im Alter nicht viel drin.

Neben viel Respekt vor allem für die Laienhelfer hat Rosa P. ein großes Gefühl der Dankbarkeit entwickelt. Aus diesem heraus kann sie sich vorstellen, dass auch sie einmal Laienhelfer wird. Genau das entspricht der Erfahrung, die Eva-Maria Fruth und Monika Rupp als Organisatorinnen der Unterstützung für betreuende Angehörige gemacht haben.

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