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Porträt

Er kam Martin Luther ganz nahe

Der Sengenthaler Hans Tratz hatte 1983 eine besondere Begegnung mit dem Reformator. Er spielte in einem Luther-Film mit.
Von Andreas Meyer

Diese Szene zeigt Hans Tratz (links) als Kaufmann in dem Lutherfilm aus dem Jahr 1983. Foto: Tratz

SENGENTHAL.2017 waren 500 Jahre Reformation gefeiert worden. Der 72-jährige Sengenthaler Johann Tratz hat eine ganz persönliche Beziehung zu Martin Luther – und die begann 1983. Damals wurde der 500. Geburtstag des Reformators gefeiert. EIKON, „Gemeinnützige Gesellschaft für Fernsehen und Film mbH“ drehte damals für das ZDF einen Zweiteiler über Martin Luther. Zur besten Sendezeit am Karfreitag und am Ostersonntagabend wurde er ausgestrahlt. Regisseur war Rainer Wolffhardt, den Martin Luther spielte Lambert Hamel, dem die Rolle durch Größe und Aussehen wie angegossen passte, erinnert sich Tratz.

Als Komparse war Hans Tratz auch als Adliger gefragt. Foto: Tratz

Dreh und Angelpunkt der Filmaufnahmen war die Lorenzkirche in Nürnberg. Sie fungierte – je nachdem, welche Szene gedreht wurde – als Kloster, Kaisersaal, Schlachtfeld, Beichtstuhl, Wittenberg, Wartburg, Augsburg oder Rom.

In einem Guss erzählt Hans Tratz die Einzelheiten, als ob es erst gestern gewesen wäre. Immer wieder blättert er in seinem DINA-4-Ordner nach, in dem er alles aus dieser Zeit aufbewahrt hat, Bilder, Zeitungsausschnitte und persönliche Aufzeichnungen.

Casting sucht 700 Komparsen

Auf einen Aufruf in der Zeitung hin hatte er sich als Komparse gemeldet. Etwa 700 Komparsen wurden für den 180-Minuten-Film gesucht. Ein großer Saal im Arbeitsamt in Nürnberg diente als Casting-Raum. „Da ich damals selbst schon seit zwanzig Jahren Super- 8-Schmalfilmer war, interessierte ich mich für diesen Aufruf“, so Tratz. Schon beim ersten Vorstellungstermin waren gut 150 Leute anwesend. Als Tratz an der Reihe war, fragten sie ihn, ob er sich für vier Drehtage als Mönch zur Verfügung stellen könnte, da er so ein ehrliches Gesicht habe, erzählt der 72-Jährige. Er sollte in schwarzen Schuhen erscheinen und ihm wurde eine Tonsur geschnitten.

Die Tagesgage für die Komparsen betrug damals stolze 70 Mark, der Hauptdarsteller habe 1000 Mark am Tag bekommen, sagt Hans Tratz. „Das war alles sehr verlockend. Aber die folgende Nacht habe ich sehr unruhig geschlafen.“ Das mit der Tonsur sei ihm nicht aus dem Kopf gegangen. Gleich am nächsten Morgen habe er den Filmleuten mitgeteilt, dass er damit nicht einverstanden sei.

Hans Tratz blättert gerne in den Unterlagen von 1983. Foto: Meyer

Doch wie es der Zufall wollte, rief ihn eine Woche später die Regieassistentin an und fragte, ob er einen Adeligen für drei bis vier Drehtage spielen könnte. „Da für diese Rolle mein Haupthaar geschont blieb, sagte ich dieses Mal fest zu.“

Am ersten Drehtag musste jeder Komparse um 7 Uhr im Kostümraum der ehemaligen Ballettschule in der Theatergasse erscheinen. Die erste Anprobe dauerte eine halbe Stunde, bis die Kleidung richtig saß, anschließend ging es in den Schminkraum. Die Gruppe der Adeligen bestand aus sechs Personen, die Gesamtgruppe mit Bürgern, Priestern, Mönche, Kardinal, Bischof, Bettler und Ziegenhirt umfasste 40 Personen. Bunt gemischt sei der Trupp durch die Fußgängerzone zur Lorenzkirche marschiert, erzählt der 72-Jährige. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie verblüfft die Fußgänger waren, die uns auf dem Weg begegneten.“ Doch die Komparsen hätten den Auftritt genossen, gibt er lachend zu.

In der Lorenzkirche sei ein Teil der Kirchenbänke abmontiert worden, damit genügend Platz war für die Kameras. In der Mitte stand eine große Bühne, bestückt mit vielen Scheinwerfern für besondere Effekte. „Da konnte ich mir für meine Schmalfilmerei einiges aneignen“, erinnert sich Tratz.

Regisseur Rainer Wolffhardt erklärte den Komparsen die wichtigsten Verhaltensregeln. Geduld und Disziplin, gerade wenn die Kamera und die Tonmaschine laufen, seien das Wichtigste. Die Gruppe der Adeligen musste sich auf die Empore begeben, während das Volk, Bauern, Bürger, Händler unten vor der Kanzel Luthers Worten lauschte. Nach gut zwei Stunden war die Szene im Kasten – im Film waren dann jedoch nur 15 Sekunden zu sehen.

Die moderne Stadt hat Tücken

Einfach war der Dreh in der Frankenmetropole nicht: So kämpfte der Tonmeister mit dem Lärm außerhalb der Kirche, wenn beispielsweise ein Auto hupte oder Moped vorbei knatterte. „Das passte nicht ins 16.Jahrhundert.“ Also musste die Szene ein weiteres Mal gedreht werden. Und Hauptdarsteller Lambert Hamel, der Luther spielte, sprach manchmal fünf Minuten lange Textpassagen, die auch entsprechend oft unterbrochen – und wieder von vorne begonnen werden mussten.

An den fünften Drehtag erinnert sich Hans Tratz besonders: Bis zu vier Stunden mussten die Adeligen vor Luther stehen, der sich mit dem Kardinal auseinandersetzte. „Das war ganz schön anstrengend.“

Nicht nur als Mönch – auch als Henker war Tratz zu sehen. Foto: Tratz

Ab dem sechsten Drehtag schlüpfte der Sengenthaler in zwei weitere Rollen als Henker mit einem großen Beil in der Hand und in einer Szene als Kaufmann. Und ein lustiges Ereignis ist ihm im Gedächtnis geblieben: Aus einer Zuschauergruppe rief einer: „He Hanni woas machstn du doa“? In dem Mann erkannte Tratz seinen früheren Dienststellenleiter vom Rangierbahnhof.

Letztendlich war Hans Tratz an zehn Drehtagen dabei. Was blieb, waren Freundschaften mit anderen Komparsen – und Erkenntnisse für den Umgang mit seiner Super-8-Kamera.

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Hans Tratz

  • Lebenslauf:

    Hans Tratz wurde im Neumarkter Ortsteil Pölling w geboren und wohnt seit 1977 in Sengenthal.

  • Beruf:

    Koordinator der Deutschen Bahn am Rangierbahnhof Nürnberg

  • Prominenz:

    Für viele ist Hans Tratz kein Unbekannter. Der Allroundmusiker beherrscht rund zehn Instrumente und nennt sich selbst „Multiinstrumentalist“.

  • Engagement:

    Seit zehn Jahren bläst er an Sylvester um Mitternacht das neue Jahr an. Seit 30 Jahren ist er Naturschutzwächter im Landkreis Neumarkt, für die Stadt Neumarkt, Berg und Lauterhofen. Der einst gefürchtete Bayernligaspieler des ASV Neumarkt war viele Jahre lang als Trainer in Sengenthal, Berching und Woffenbach unterwegs und stand öfters auch als Auswahlspieler in der deutschen Eisenbahnerauswahl auf dem Feld.

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