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Geschichte

Erinnerung an die „Perle“ der Nürnberger

Die Hauptsynagoge galt als Zierde der Stadt – bis sie die Nazis einrissen. Nun werden die mächtigen Mauern neu errichtet – wenn auch nur virtuell.
von Thomas Tjiang

  • Die einstige Hauptsynagoge um 1900: Zunächst war sie eine „Perle der Nürnberger Silhouette“, dann von den Nazis als „Die Schande von Nürnberg“ diffamiert. Foto: Stadtarchiv Nürnberg
  • Der Zeitzeuge und heutige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Arno Hamburger, Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner und der Chef des Stadtarchivs, Dr. Michael Diefenbacher (v. l.)

Nürnberg. Als zwei Nazigrößen, der Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel und Gauleiter Julius Streicher, am 10. August 1938 zur „großen Kundgebung“ zum des Abbruchs der jüdischen Hauptsynagoge auf den Hans-Sachs-Platz luden, war auch ein 15 Jahre alter Jude dabei. Der heute 90-jährige Arno Hamburger, Stadtrat und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, hat schlimme Erinnerungen.

„Der Platz war bis auf den letzten Pflasterstein gefüllt“, weiß er noch heute. „Die Nazi-Reden waren für mich als 15 Jährigen schlimm“, berichtet er bei der Gedenkveranstaltung in der Nürnberger Norishalle. „Es war einfach... ich finde kein Wort“, sagt er am Rednerpult. Dazu kam die Angst, unter all den jubelnden Nazis als Jude entdeckt zu werden. Denn die jüdische Hauptsynagoge war „damals nicht nur Heimat der Nürnberger Juden, sie war auch bei Touristen geschätzt“.

Das Bauwerk, so ergänzt Nürnbergs Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner, wurde eigentlich als „Perle in der Silhouette und Zierde der Stadt“ bewundert. Sie sei „beschämt und betroffen angesichts dieses Teils der Nürnberger Stadtgeschichte“. Zumal sich 2013 nicht nur der Abbruch der Hauptsynagoge zum 75. Mal jährt, sondern auch die Reichskristallnacht im November, die Machtübernahme der Nazis sowie die Bücherverbrennung vor 80 Jahren. Mit entsprechenden Veranstaltungen habe das Kulturreferat „ein breites Publikum zum Erinnern und kritischem Reflektieren“ erreicht.

Die Synagoge verband „Elemente christlicher Kirchenarchitektur mit orientalisierender Dekoration“, sagte Dr. Michael Diefenbacher, Leiter des Stadtarchivs. Die Hauptsynagoge stand nach 400 Jahren städtischem Judenverbots für eine Integration der Juden. Das Selbstbewusstsein des liberalen, bürgerlichen Judentums spiegelte sich in der Größe und Lage der Synagoge und im „Alhambra-Stil“ mit seiner maurischen Dekoration wider.

Erst in den 20er-Jahren formierten sich feindselige Stimmen. „Es kam zu Übergriffen auf Nürnberger Juden“, andererseits beschützten Polizisten das Gebäude noch im Jahr 1934, als SA-Männer nach dem Reichsparteitag versuchten, die Synagoge zu stürmen. Einen Höhepunkt der Hetze machte Diefenbacher in einem Pressebericht über die „Schande von Nürnberg“ aus.

Als Nazi-Oberbürgermeister Liebel hörte, dass in München ein jüdisches Gotteshaus abgerissen worden war, erkundigte er sich „noch am gleichen Tag, auf welcher Rechtsgrundlage“ das geschehen war. Für Diefenbacher ist der Abriss der Nürnberger Hauptsynagoge ein „Musterbeispiel für die Mischung aus formaljuristischer Korrektheit und tatsächlich gröbster Missachtung jeglicher Rechtsstaatlichkeit“.

Zwar verlangte der Stadtrat mehrfach, dass die jüdische Kultusgemeinde „dem Abriss freiwillig zuzustimmen habe“, doch der Gemeindevorstand lehnte ab. Hamburger weiß es noch aus erster Hand, „unter welchem physischen und psychischen Druck der Vorstand stand“. Es wurde angedeutet, welche Konsequenzen es gäbe und „es fiel das Wort Dachau“. Am Ende findet die Nazi-Verwaltung einen formaljuristischen Weg, die Hauptsynagoge abzureißen.

Anlässlich des Gedenktags wird die Ausstellung „Der Dank des Vaterlandes ist Euch gewiss! Diskriminierung, Kristallnacht und Holocaust“ in der Norishalle um erweitert. Wenig bekannte Fotos von Bau, Zerstörung und Folgen sind zu sehen, aber auch eine Videoanimation, die die Hauptsynagoge von außen und innen zeigt. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Synagoge – wenn auch nur digital – wiedersehe“, sagt ein ergriffener Hamburger, „Manchmal werden Träume noch war.“

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