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Tiergarten Nürnberg

Es geht um mehr, als Tiere anzustarren

Wildtiere faszinierten schon vor 400 Jahren die Menschen – damals wurden sie noch über den Marktplatz geschleift.
Von Katrin Böhm

  • Das Manatihaus ist für Dr. Helmut Mägdefrau ein Paradebeispiel für die Darstellung eines gesamten Lebensraums – eines tropischen Urwalds. Foto: Böhm
  • Ausgestorben: der Carolina Sittich und die Wandertaube. Im Zoo gibt es nur noch zwei ausgestopfte Vögel. Foto: Böhm

Nürnberg.Im 16. Jahrhundert gab es keine Zoos. Da wussten die Leute nicht, was ein Nashorn ist. Einen Löwen bekam man nicht zu sehen. Man erzählte sich schaurige Geschichten über diese Tiere. Und ab und an kam ein Herrscher, der dem Volk seine Macht zeigen wollte, auf die Idee, sich aus fernen Ländern ein wildes Tier holen zu lassen und publikumswirksam zu präsentieren. So soll das zum Beispiel der portugiesische König Emanuel mit einem indischen Nashorn getan haben – danach sollte das Tier als Geschenk zum Papst nach Italien gebracht werden, auf dem Weg nach Genua ging das Schiff samt Nashorn allerdings unter.

Der Wunsch der Menschen, spektakuläre Tiere zu sehen, blieb. Über Jahrhunderte wurden Exoten nach Europa geholt und in Großstädten ausgestellt – ab Mitte des 18. Jahrhunderts eröffneten die ersten Zoos, der Tiergarten Schönbrunn in Wien (1752) und die Ménagerie du Jardin des Plantes in Paris (1793). In Nürnberg wurde der Tiergarten kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1912 am Dutzendteich begründet – nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Tiergarten 1939 an den Schmausenbuck umgesiedelt, weil der Zoo dem geplanten Reichsparteitagsgelände im Weg war.

Schon damals machte man sich viele Gedanken um die Haltung der Tiere, sagt Dr. Helmut Mägdefrau, stellvertretender Direktor des Nürnberger Tiergartens – das Thema Vergesellschaftung von Tieren, also dass verschiedene Tierarten in einem Gehege leben, war schon damals aktuell. Auch die Erhaltungszucht spielte bereits vor 100 Jahren eine Rolle – so wurde beispielsweise im Jahr 1923 die Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents gegründet, das im Jahr 1919 als ausgerottet galt. „Dank der Zoos konnte es gerettet werden. Heute leben in freier Natur wieder 3000 Wisents, in den Zoos sind es 1500“, sagt Mägdefrau.

Beim Beutelwolf versagten die Zoos

Allerdings, so bedauert er, hätten die Tiergärten das bei so manchem Tier nicht geschafft. Der australische Beutelwolf, die Wandertaube oder der Carolina Sittich sind ausgestorben. „Die hätte man mit Erhaltungszucht problemlos über die Runden bringen können – aber da wurde einfach der Moment verpasst, das zu stabilisieren.“

Was sich heute in der Erhaltungszucht verändert hat, ist die Tatsache, dass die Tiergärten stärker darauf schauen, warum es manche Tiere in der Natur einfach nicht mehr schaffen – und erst dann die Tiere wieder in der Natur ansiedeln, wenn die Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt sind, sagt Mägdefrau.

Beispiel Bartgeier: Bis in die 80er-Jahre war das Thema Wilderei in den Alpen ein großes Problem, es gab kaum mehr Bartgeier – erst nachdem der Staat das Problem in den Griff bekommen hatte, wurden 1986 die ersten Bartgeier wieder in die Freiheit entlassen. „Heute muss man im Alpenraum kaum noch etwas machen.“ Stattdessen engagiert sich der Tiergarten gerade in den Pyrenäen für die Wiederansiedlung der Bartgeier.

„Der Knackpunkt ist: Die Wiederansiedlung funktioniert dauerhaft nur, wenn wir die Lebensräume der Tiere erhalten.“

Helmut Mägdefrau

„Der Knackpunkt ist: Die Wiederansiedlung funktioniert dauerhaft nur, wenn wir die Lebensräume der Tiere erhalten. Darum müssen wir in den Zoos verstärkt versuchen, Ausschnitte aus dem Lebensraum abzubilden, also die Lebensbedingungen zu zeigen“ (siehe Artikel links). Allerdings: Sterben Tiere, weil Menschen in irgendeiner Form kulturell damit zu tun haben, „ist das ganz schwierig einzufangen“. Zum Beispiel sterben in Indien reihenweise Bartgeier, weil sie tote Kühe fressen, die Diclofenac bekommen haben – ein Schmerzmittel, mit denen Inder den heiligen Tieren zum Ende ihres Lebens etwas Gutes tun wollten. „Da kann man ganz schwer etwas ändern.“

Mehr Naturschutzgebiete nötig

Weltweit, so ist Mägdefrau überzeugt, hapert es vor allem an der Ausweisung von Naturschutzgebieten. Da muss man gar nicht so weit schauen. „Selbst im Bayerischen Wald ist das ein Problem“, sagt er. „Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, können wir den Naturschutz vergessen.“

Dass die moderne Zootierhaltung mit der Darstellung von ganzen Lebensräumen am Ende angelangt ist, glaubt Mägdefrau nicht. „Und zwar längst nicht. Unsere Erkenntnisse werden ja immer mehr.“ Und nicht nur das Wissen, sondern auch die Anforderungen. Vor zwei Jahren ist das neue Säugetiergutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums herausgegeben worden – darin ist genau geregelt, wie Säugetiere vom Affen bis zum Zebra in Zoos, aber auch in privaten Haushalten gehalten werden müssen.

Unterschiedliche Richtlinien

Im Tiergarten wird das Gutachten in manchen Punkten durchaus kritisch betrachtet. „Was mich auf die Palme bringt, ist, dass die Richtlinien nicht einheitlich sind“, sagt Mägdefrau. So werde etwa an die Haltung von Tieren im Zoo ein höherer Standard angelegt als an die auf einem Bauernhof. „Es ist sehr kompliziert, da ein vernünftiges Regelwerk zustande zu bringen.“

Und bei der Bewertung der Unterbringung müsse man ganz genau hinschauen. „Wenn ein Bär 16 Stunden in einer Höhle liegt und schläft, ist alles okay, wenn er aber die Hälfte der Zeit davon aktiv ist, muss ich was unternehmen.“ Dass der Tiergarten die Anforderungen an die Innenräume der Gehege bei den Giraffen und Gorillas nicht erfüllen könne, sei „okay, weil wir ihnen dafür sehr viel bieten“ – zum Beispiel haben die Tiere immer Zugang zur Außenanlage. „Es ist im Winter eine Schau zu sehen, mit welcher Begeisterung eine Giraffe Schnee frisst.“ Es gehe doch nicht „um irgendwelche Quadratmeter“, sondern darum „was die Tiere in ihrer Zeit machen können“.

„Wir müssen aufhören, mit Bauchgefühl zu arbeiten. Wir dürfen nicht fragen, was wir wollen, damit es unseren Emotionen gut geht, sondern wir müssen fragen, was die Tiere wollen.“

Helmut Mägdefrau

Generell warnt Mägdefrau ohnehin vor einer Emotionalisierung der Tierhaltung. „Wir müssen aufhören, mit Bauchgefühl zu arbeiten. Wir dürfen nicht fragen, was wir wollen, damit es unseren Emotionen gut geht, sondern wir müssen fragen, was die Tiere wollen.“

Und da könne man sich durchaus in die Irre leiten lassen. Beispiel Gepard: Wenn man in das Gehege der edlen Raubkatze blickt, sieht man ausgetretene Pfade. „Da befürchtet man gleich stereotypes Verhalten.“ Aber: „Der Gepard läuft einfach immer auf dem gleichen Weg, weil der schön glatt gelaufen ist und ihn da nichts piekst“, sagt Mägdefrau. Für ihn das A und O in der Tierhaltung, auch in Zukunft: „Wir müssen unser Handeln regelmäßig in Frage stellen und immer wieder schauen, ob das passt, was wir machen – sowohl von der Haltung als auch von der Zusammensetzung der Arten.“

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Wie kommen Tiere in den Zoo?

  • Tiere sind keine Handelsware:

    Früher war es üblich, dass Zoos Tiere kauften und verkauften – das ist längst verboten. „Das ist ein großer Vorteil. Es geht nicht mehr darum, wer am meisten zahlt, sondern wo die Haltung am besten ist“, sagt der stellvertretende Zoodirektor Dr. Helmut Mägdefrau. Mitte der 80er-Jahre traten die ersten Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) in Kraft. Seitdem haben nicht mehr die Zoos die Entscheidungsfreiheit, welche Tiere sie halten möchten, sondern das wird über das EEP bestimmt – dabei geht es sowohl um genetische Diversität in den Zoos als auch um den Kampf gegen das Aussterben bedrohter Arten.

  • Charlotte und die jungen Tiger gehen:

    Eisbären-Baby Charlotte ist mittlerweile eineinhalb Jahre alt – auch sie muss irgendwann den Tiergarten Nürnberg verlassen. Wohin sie kommt, wird über das EEP bestimmt. Einer der beiden jungen Tiger wird nach Auskunft Mägdefraus bereits im Herbst/Winter in den Zoo nach Hannover umziehen, wohin der andere geht, wurde noch nicht entschieden.

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