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Bildung

Ethisches Handeln kann man lernen

In Grund- und Mittelschule läuft Werteerziehung für Flüchtlinge nebenbei mit, die Berufsschule hat dafür ein eigenes Fach.
Von Heike Regnet und Nicole Selendt

Zusammen mit ihrem Lehrer Stefan Mößel besprechen Schüler einer Berufsintegrationsklasse die Lösungen einer Schulaufgabe. Fotos: Heike Regnet
Zusammen mit ihrem Lehrer Stefan Mößel besprechen Schüler einer Berufsintegrationsklasse die Lösungen einer Schulaufgabe. Fotos: Heike Regnet

Neumarkt.Das bekannte Sprichwort „andere Länder – andere Sitten“, das früher meist beim Urlaub in fernen Ländern zitiert wurde, hat heute im Alltag Einzug gehalten. In Stadt und Land leben Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammen. Ebenso unterschiedlich sind aber auch so manches Mal die Wertvorstellungen. Werte zu vermitteln, rückt daher in den Schulen zunehmend in den Fokus (siehe Seite 23).

Jousof, Hazem, Mouaz, Ezadin und Esrda kommen aus Syrien, Afghanistan, Äthiopien und dem Irak. In der JAF 11b der Berufsschule drücken die 18- bis 23-Jährigen gemeinsam die Schulbank. Sie besuchen am Berufsschulzentrum Neumarkt eine sogenannte Berufsintegrationsklasse. Die ist für sie – nach dem Ende der neunjährigen Schulpflicht – für zwei Jahre ebenfalls Pflicht, wie Christine Bucher, Oberstudienrätin und Abteilungsleiterin für die Flüchtlingsklassen, erklärt.

Oft Thema: Männer und Frauen

An diesem Nachmittag steht Ethik und Kommunikation auf dem Stundenplan. „Heute möchte ich mit euch die Schulaufgabe aus der letzten Woche besprechen“, sagt Lehrer Stefan Mößel. Vier Aufgaben galt es zu bearbeiten und wie sich danach zeigte, waren die Antwortmöglichkeiten vielfältig.

Stefan Mößel, Lehrer der Berufsintegrationsklasse an der Berufsschule Neumarkt
Stefan Mößel, Lehrer der Berufsintegrationsklasse an der Berufsschule Neumarkt

„Nicht alles, was hilft, einen Menschen zu verstehen, warum er ist, wie er ist, sieht man sofort“, sagt Mößel und deutet auf ein Eisbergmodell in Aufgabe eins. Während Kleidung, Sprache und Hautfarbe eindeutig sichtbar seien, sind Gefühle, Religion, Werte und Tabus nicht zu sehen. Das kann schon bei der Begrüßung zum Problem werden. „Die Hand zu geben, ist bei uns ganz normal“, sagt Mößel. „Bei uns ist das aber nicht so“, meinen die Schüler. Bucher hat schon oft bemerkt, dass unter den ausländischen Schülern oft eine große Verunsicherung herrscht – vor allem bei denen, die ohne ihre Familie in Deutschland leben.

Vor allem das Verhältnis von Mann und Frau werde oft im Unterricht thematisiert. In der Schulaufgabe wurde zum Beispiel nach „typischen“ Aufgaben für Frau und Mann gefragt. Das Ergebnis ist zunächst wie erwartet: Kinder, kochen und putzen sei eindeutig Frauensache, Arbeit, Geld verdienen, die Familie beschützen und Dinge reparieren Männersache. Doch der Lehrplan im Fach „Ethisches Handeln und Kommunikation“ sieht vor, dass sich die jungen Menschen mit genau diesen Vorstellungen kritisch auseinandersetzen. Sie sollen lernen, „das Menschenbild des Grundgesetzes und seine Bedeutung für das Verständnis von Frauen, Männern und Familien zu analysieren und ihm offen und aufgeschlossen gegenüber zu stehen“, wie es wörtlich im Lehrplan heißt.

„Ich finde es nicht gut, wenn einer sagt, Bauarbeiter reicht doch für dich, was willst du studieren?“

Schüler der Berufsintegrationsklasse

Dass der Werteunterricht den jungen Männern und Frauen in der Berufsintegrationsklasse Orientierung in Deutschland geben kann, das glaubt Christine Bucher schon. „Ich habe schon das Gefühl, dass die Schüler das annehmen. An den Fragen, die sie stellen, merkt man, dass hier viel Informationsbedarf herrscht.“

In der Schulaufgabe standen die Schüler folgender Szene auf dem Schulhof gegenüber: Ein Bild zeigt ein Mädchen mit Handy und entsetztem Blick, dahinter zwei Mädchen, die offenbar über sie lachen. „Was hat das Bild mit Toleranz und Gerechtigkeit zu tun?“ lautete die Frage. Ohne Respekt einen anderen auszulachen, gehe gar nicht, sind sich alle einig. „Und wie könnte die Geschichte weitergehen?“ fragt Mößel. Einfach weiterlaufen und ignorieren, meint ein Schüler. Wenn man es aber nicht ignorieren kann, dann der Familie oder dem Lehrer erzählen und die Polizei einschalten.

„Ich habe schon das Gefühl, dass die Schüler das annehmen. An den Fragen, die sie stellen, merkt man, dass hier viel Informationsbedarf herrscht.“

Christine Bucher, Oberstudienrätin Berufsschule Neumarkt

Eine konkrete Situation galt es in Aufgabe vier zu lösen. „Du kommst nach einem harten Tag von der Arbeit heim und deine Frau liegt schlafend auf dem Sofa, es steht kein Abendessen auf dem Tisch, die Wohnung ist nicht aufgeräumt. Was jetzt?“ Die Schüler zeigen sich verständnisvoll. „Dann koche ich für uns ein Essen“ – „Wenn ich Hunger habe, kaufe ich mir halt was“. Das will Mößel allerdings nicht so ganz glauben und hakt nach. „Ernsthaft? Ihr seid damit zufrieden?“

Eine Frage, der sich Schüler einer Berufsintegrationsklasse der Berufsschule Neumarkt in einer Prüfung gegenüber sahen
Eine Frage, der sich Schüler einer Berufsintegrationsklasse der Berufsschule Neumarkt in einer Prüfung gegenüber sahen

„Respekt ist wichtig“, meint ein Schüler, „aber wenn sie immer so faul ist, dann hilft nur Scheidung.“ Denn Schlagen geht hier in Deutschland gar nicht, das wissen die Schüler.

Hoffnung auf eine Lehrstelle

Die Berufsintegrationsklassen sind auf zwei Jahre angelegt. Im ersten Jahr sieht der Lehrplan die Fächer Deutsch, Mathematik, Bildungssystem und Berufswelt, Ethisches Handeln und Kommunikation und Sozialkunde vor. Die jungen Leute besuchen vormittags die Berufsschule, den Nachmittag haben sie frei, können jedoch freiwillig Praxisunterricht besuchen und sich Fertigkeiten in Bauberufen, als Friseure oder in anderen Sparten aneignen.

Im zweiten Schuljahr werden die gleichen Fächer nochmals vertieft. Dabei findet der Unterricht nun ganztägig statt, wochenweise aber im Wechsel mit Berufspraktika in Betrieben. Ziel sei es, wie Christine Bucher erklärt, dass sich die Schüler in ihren Praktika als potenzielle Lehrlinge so gut wie möglich verkaufen.

Im Unterricht an der Schule wird übrigens nicht nur das Verhalten der Migranten selbst auf den Prüfstand gestellt. Was wohl Deutsche von den Migranten erwarten? „Es gibt Leute, die sind generell gegen Ausländer“, meint einer. „Die denken, wir nehmen ihnen ihr Geld und werfen es dann zum Fenster raus.“ „Vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen gemacht“, so ein anderer. Das Stichwort Toleranz wird diskutiert. „Ich finde es nicht gut, wenn einer sagt, Bauarbeiter reicht doch für dich, was willst du studieren?“, erzählt ein Schüler. Mößel kann ihnen nur mit auf den Weg geben, offen zu sein: „Wenn man selbst offen ist, werden auch andere offener.“ Seite 23

Wie Flüchtlingskinder im Grund- und Mittelschulalter in der Schule Werte erlernen, lesen Sie hier.

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