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Abenteuer

Familie geht ein Jahr auf Reisen

Die Thumanns aus Neumarkt brechen alle Brücken ab und leben bald im Wohnmobil. Sophie (9) geht dann nicht mehr zur Schule.
Benjamin Weigl

Papa Moritz (35), Mutter Natalie (32), Tochter Sophie (9) und Sohn Jonas (2) (von links) werden Ende Juli in Richtung Süden starten - und wollen mindestens ein Jahr lang unterwegs sein.
Papa Moritz (35), Mutter Natalie (32), Tochter Sophie (9) und Sohn Jonas (2) (von links) werden Ende Juli in Richtung Süden starten - und wollen mindestens ein Jahr lang unterwegs sein.

Neumarkt.Knapp vier Wochen sind es noch. Dann werden die Thumanns ihre sieben Sachen ins Wohnmobil packen, den Wohnungsschlüssel abgeben und für mindestens ein Jahr lang verschwinden. Die Neumarkter Familie möchte quer durch Europa reisen - bis nach Nordafrika. Mama Natalie, Papa Moritz und die beiden Kinder Sophie (9) und Jonas (2) raufen sich statt auf 100 in Zukunft auf acht Quadratmetern zusammen. Bis der Plan stand, in der Heimat alle Zelte abzubrechen und sich auf eine ungewisse Reise zu begeben, haben Natalie und Moritz erst viele Fragen klären müssen. Die drängendste: Kann Sophie wegen der Schulpflicht überhaupt mitfahren?

Die Familie war schon auf mehreren kleineren Reisen. Nun folgt aber ein besonderes Abenteuer mit völlig offenem Ausgang.
Die Familie war schon auf mehreren kleineren Reisen. Nun folgt aber ein besonderes Abenteuer mit völlig offenem Ausgang.

„Vor einem Jahr haben wir gesagt: Jetzt ziehen wir´s durch“, erzählt Mama Natalie. In den Monaten zuvor hätten sie sich intensiv mit dem Thema Hausbau beschäftigt. Bauplan und Finanzierung - alles stand bereits fest. „Doch dann haben wir uns gefragt: Soll unser Leben wirklich so aussehen, dass wir noch mehr arbeiten, nur um das Haus abzubezahlen?“ Und so sei eines Abends bei einem Glas Wein die Idee entstanden, endlich zu wagen, von was die beiden Eltern schon lange träumten. „Wir wollen Reisen mit Zeit. Ohne Stress und ohne Druck“, sagt Natalie.

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Deutschen Wohnsitz aufgegeben

Ende Juli geht es los. Wäre es nach den Thumanns gegangen, wären sie schon längst weg. Aber zu klären, wie es mit Sophie, die eigentlich zur Schule muss, weitergehen soll, hat seine Zeit gebraucht. Doch die Eltern haben geschafft, diese Hürde zu umgehen: „Wir sind jetzt deutsche Staatsbürger, aber ohne deutschen Wohnsitz“, erklärt Moritz. Dieser Schritt war notwendig, um Sophie von der Schule zu befreien.

Sophie und Jonas werden im Wohnmobil einen eigenen abgetrennten Bereich bekommen.
Sophie und Jonas werden im Wohnmobil einen eigenen abgetrennten Bereich bekommen.

„Sophie hatte von Anfang an Probleme in der Schule“, erzählt Natalie. Als Ärzte bei ihrer Tochter, die heute in die zweite Klasse geht, ADHS diagnostizierten, entschieden sich die Eltern gegen eine Behandlung mit Medikamenten. Natalie fand es falsch, „einem Kind Tabletten zu geben, damit es still sitzt“. Die Eltern kritisieren das geradlinige Schulsystem, in dem Kinder strikt lernen müssten und keine Möglichkeiten zur Entfaltung bekämen. Während der Europareise soll sich das ändern: „Sophie kann selbst entscheiden, was sie lernen will“, findet ihr Papa. „Wir werden ihr bei allem helfen und sie unterstützen. Und wenn sie in die Schule gehen will, dann darf sie das auch.“

Neumarkter Familie geht ein Jahr auf Reise

Vier Paar Schuhe reichen

Natalie und Moritz möchten durch das Abenteuer endlich mehr Zeit für die Familie haben. „Wir haben uns bewusst für die Kinder entschieden“, sagt Natalie. Vor allem das hohe Arbeitspensum von Moritz ließ wenig Raum für schöne Momente und Erlebnisse. „Mein Job war keine richtige Herausforderung mehr und ich habe den Nutzen nicht mehr gesehen“, erzählt der 35-Jährige. Die Stelle in einer Werbeagentur hat er mittlerweile gekündigt. Auch die Neumarkter Wohnung ist schon fast leer geräumt.

Der Süden ist nicht zufällig das Ziel der Thumanns. Hier braucht es weniger Gepäck und das Wetter ist unproblematischer als im Norden.
Der Süden ist nicht zufällig das Ziel der Thumanns. Hier braucht es weniger Gepäck und das Wetter ist unproblematischer als im Norden.

Um sich das Abenteuer Europa leisten zu können, haben die Thumanns in den letzten Monaten einiges an Geld eingespart. Die Eltern machten einen Lebenswandel durch: „Unsere Denkweise hat sich verändert“, sagt Natalie. Die Familie lebt nun nach dem Prinzip des Minimalismus. Die 32-Jährige besaß vorher etwa 50 Paar Schuhe. „Jetzt darf jeder maximal vier Paar mitnehmen“, schmunzelt Moritz. „Wir haben gemerkt: Man braucht diese ganzen Dinge gar nicht“, ergänzt Natalie. Den Großteil ihrer Haushaltsartikel und Klamotten hat die Familie nun verkauft. „Das Grundkapital für zwei Jahre Reise ist gesichert“, sagt Moritz.

Sophie träumt davon, Meeresbiologin zu werden

Als Langzeitreisende wird die vierköpfige Familie, angeführt vom 2-jährigen gutgelaunten Energiebündel Jonas, sich in den folgenden Monaten Richtung Süden vorarbeiten. Zunächst verabschieden sie sich am Bodensee noch von Moritz´ Eltern. Von da aus planen die Thumanns, über Paris, die Normandie, die Nordküste Spaniens und Portugal bis nach Marokko zu fahren. Den Winter wollen sie dann in der Wärme Nordafrikas verbringen. Danach soll sie die Reise zurück über Italien weiter nach Osten führen. „Es kann aber sein, dass wir irgendwo einfach abbiegen und woanders langfahren“, sagt Moritz. „Wir wollen flexibel sein. Es kann auch passieren, dass es nach zwei oder drei Jahren immer noch Spaß macht.“

Acht Quadratmeter Wohnfläche - mit diesem Platz muss die Familie in den nächsten Monaten auskommen.
Acht Quadratmeter Wohnfläche - mit diesem Platz muss die Familie in den nächsten Monaten auskommen.

Auch Tochter Sophie soll von der Reiseerfahrung profitieren. „Ihr großer Traum ist derzeit, Meeresbiologin zu werden“, erzählt Natalie. „Ich denke, sie wird dafür auch lernen. Vielleicht mag sie viel lieber lernen, wenn sie das nicht mehr zwingend muss.“ Dass Sophie während der langen Zeit, in der die Familie unterwegs ist, auch viel Schulisches verpassen wird, wissen die Thumanns. Angst, dass ihre Tochter dadurch den Anschluss verlieren könnte, haben sie aber nicht. Durch das Internet könne man heutzutage jederzeit lernen. „Und durch das Reisen lernt man auch viel über Sprachen und Kulturen“, sagt Moritz.

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Gedanken an das Klima und an die Umwelt

Sollte das große Abenteuer der Thumanns bereits nach einem Jahr enden, soll Sophie in der dritten Grundschulklasse wieder einsteigen. Auch eine spätere Rückkehr in die Schule sei möglich - dann müsste das Mädchen einen Einstellungstest bestehen, um in einer weiterführenden Schule angenommen zu werden. „Man kann jederzeit als externer Schüler Prüfungen ablegen“, weiß Papa Moritz.

Das gebrauchte Wohnmobil hat 19 000 Euro gekostet. Drei Monate lang haben Moritz und Natalie damit zugebracht, es an den Wochenenden und in den Ferien zu sanieren und nach ihren Wünschen auszustatten.
Das gebrauchte Wohnmobil hat 19 000 Euro gekostet. Drei Monate lang haben Moritz und Natalie damit zugebracht, es an den Wochenenden und in den Ferien zu sanieren und nach ihren Wünschen auszustatten.

Bei aller Vorfreude haben sich Natalie und Moritz auch mit den Themen Klima- und Umweltschutz auseinandergesetzt. „Wir reisen maximal 30 000 Kilometer pro Jahr“, sagt der Familienvater. „Das fährt jeder, der täglich zur Arbeit pendelt. Dafür verbrauchen wir keinen Strom.“ Eine Solaranlage auf dem komplett umgebauten Wohnmobil macht die Familie autark. Ein erster Testurlaub in Österreich hat außerdem ergeben, dass 120 Liter Wasser für eine Woche reicht. „Man geht bewusster mit den Gütern um, wenn nicht alles aus der Steckdose und dem Wasserhahn kommt“, findet das Ehepaar. Die Familie möchte sich während ihrer Reise bewusster und regional ernähren - und Plastik einsparen. Vielleicht kehren sie mit ihrem Wohnmobil dann in einigen Monaten wieder nach Neumarkt zurück. Mit spärlichem Gepäck, aber einem reichen Erfahrungsschatz.

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