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Titel-Jubiläum

FCN: Im Bett mit dem Meisterteam

Vor 50 Jahren gewann Nürnberg seinen letzten Meistertitel. Drei Neumarkter Cluberer erinnern sich an ihre Helden von einst.
Von Thorsten Drenkard

Hans Gleisenberg (v.l.), Helmut Weiß und Kurt Weininger fiebern seitdem sie kleine Buben waren mit ihrem Club mit – auch heute noch als erwachsene Familienväter und Opas. Fotos: Drenkard
Hans Gleisenberg (v.l.), Helmut Weiß und Kurt Weininger fiebern seitdem sie kleine Buben waren mit ihrem Club mit – auch heute noch als erwachsene Familienväter und Opas. Fotos: Drenkard

Nürnberg.Am Abend, wenn sich Helmut Weiß zum Schlafen ins Bett legt, denkt er zunächst an seine Liebsten. Seine Ehefrau, die neben ihm liegt, seine Kinder und seine Enkel – und an seine Helden der Jugend. An jene legendäre Fußballmannschaft des 1. FC Nürnberg, welche 1968 die bis heute letzte Meisterschaft für den Traditionsverein aus Franken gewann.

Dann geht der 67-Jährige die Spieler von einst in Gedanken durch, die Volkerts, Popps, Strehls, Wenauers und wie sie alle heißen. Weiß sieht sie vor seinem inneren Auge noch einmal aufleben, wie sie sich in ihren roten Trikots und schwarzen Hosen für den Club in den Dreck werfen, wie sie grätschen, passen, schießen und jubeln. „Das ist wie ein schönes Gehirntraining vor dem Schlafen“, sagt der Erasbacher über sein nächtliches Ritual und schmunzelt dabei.

Das Team FCN-Team mit der Meisterschale Foto: Karl Schnörrer/dpa
Das Team FCN-Team mit der Meisterschale Foto: Karl Schnörrer/dpa

Wenn jemand das Meisterteam von Coach Max Merkel im Schlaf aufsagen kann, dann der 67-Jährige, der seit 1963 in mittlerweile zehn dicken Ordnern sämtliche Zeitungsartikel rund um die Spiele des FCN dokumentiert hat. Nicht nur für ihn ist diese Club-Mannschaft von einst, deren Triumph vor 50 Jahren heuer mit etlichen Feierlichkeiten des Vereins und der Stadt Nürnberg gewürdigt wird, für immer unvergessen. Auch MZ-Mitarbeiter Hans Gleisenberg (67 Jahre), der nur zwei Häuser weit von Weiß entfernt wohnt, und Kurt Weininger (82) aus Mühlhausen können nicht anders, als in schwärmerischen Worten von der Saison 1967/68 zu berichten.

Am Esstisch im Hause Gleisenberg sitzen die drei befreundeten Club-Fans beisammen und schwelgen in Erinnerungen ans Meisterjahr – und diese sind frisch und detailliert. Weiß hat sofort die Bilder des letzten Spieltags vor Augen, jenem Tag, an dem der Mannschaft die Meisterschale überreicht wurde.

Hans Gleisenberg
Hans Gleisenberg

„Es war der 25. Mai, ein Heimspiel gegen Borussia Dortmund an einem sonnigen Sonntag. Das Wetter war herrlich und das Städtische Stadion mit 60.000 Zuschauern voll“, muss Weiß nicht lange überlegen. Auch die Torfolge sitzt problemlos. „Wir lagen durch ein Gegentor von Lothar Emmerich zurück, der Club hat dann das Spiel durch Tore von Heinz Müller und Heinz Strehl gedreht und 2:1 gewonnen“, weiß Weiß, der die Übergabe der Meisterschale von Block sieben, hoch oben in der Fankurve, verfolgte.

Ein 7:3 gegen den FC Bayern

Natürlich fehlt bei den Höhepunkten der 68er-Saison das aus heutiger Sicht unglaubliche 7:3 gegen den FC Bayern München mit Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller ebenfalls nicht. Auch hier kommen die Antworten der drei Club-Fans schnell und präzise – ein solches Erlebnis vergisst man eben nicht.

Kurt Weininger: „Es war trübes Wetter.“ Hans Gleisenberg: „Es war frisch bei Null grad.“ Helmut Weiß: „Brungs hat fünf Tore geschossen.“ Sechs zu Null habe der Club zwischenzeitlich geführt, stimmt das Trio einander zu. Hans Gleisenberg: „Das war der Wahnsinn.“ Damit habe ja niemand rechnen können, ergänzt Weininger. Weiß sagt: „Das war sehr überraschend.“ Und ist bis heute ganz wunderbar, da ist sich die launige Runde der FCN-Fan-Veteranen einig.

Helmut Weiß
Helmut Weiß

Wie überhaupt die gesamte Meistersaison 1967/68 für die drei unvergesslich bleibt. Natürlich waren sie damals so oft es ging im Städtischen Stadion (Weininger: „Ein schmuckloser Betonbunker“) dabei, um ihren Club spielen zu sehen. Das Publikum von damals ist mit dem von heute nicht mehr vergleichbar.

Der gewöhnliche Fan war ein erwachsener Mann, der einen Mantel am Leib und einen Hut auf dem Kopf trug – Fanutensilien wie heute gab es nicht, das Wort Merchandising war unbekannt. Vereinzelt seien Fans mit Schals und Mützen in den Vereinsfarben zu sehen gewesen, „das war dann alles selbst gemacht“, weiß Weininger.

Kurt Weininger
Kurt Weininger

Aus ihm, seinen Freunden Helmut Weiß und Hans Gleisenberg sind seit der Meistersaison vor einem halben Jahrhundert längst stolze Väter und Opas geworden. All ihre Familien haben dabei eines gemein: Sie müssen die drei mit dem 1. FC Nürnberg teilen, denn für das Fan-Trio ist der ruhmreiche Club bis heute ein treuer Freund.

Dass Liebe schmerzt, das haben die drei im Lauf der Jahre mehrmals fühlen müssen. So wie im Jahr nach der Meisterschaft, als dem Club das unfassliche Missgeschick gelang, als amtierender Titelträger abzusteigen.

Einen ganz persönlichen Kommentar zum Meisterteam von 1968 lesen Sie hier:

Kommentar

Große Ohren am Esstisch – Papa sei Dank

Ich habe niemals Roland Wabra nach einem Ball hechten, Georg Volkert lossprinten oder Goldköpfchen Franz Brungs ein Tor erzielen sehen. In der Meistersaison...

„Der Merkel war schuld. Der hat unsere besten Spieler verkauft“, ist sich das Trio einig und denkt dabei vor allem an Franz Brungs, der gegen seinen Willen zur Hertha verscherbelt wurde. Als das Meisterteam des Club sich tatsächlich aus der höchsten deutschen Spielklasse verabschieden musste, traf das den damals jugendlichen Helmut Weiß schwer. „Ich habe geweint“, sagt er.

Beim zweiten legendären Abstieg des 1. FC Nürnberg im Jahr 1999, als sich der heutige Tagblatt-Kolumnist Günther Koch einst am BR-Radio vom Abgrund aus dem Frankenstadion meldete, blieben die Augen zwar trocken, dennoch machte dieses Drama am letzten Spieltag die drei Club-Fans fassungslos.

Helmut Weiß und Kurt Weidinger blättern in Zeitungsartikeln über ihren ruhmreichen FCN.
Helmut Weiß und Kurt Weidinger blättern in Zeitungsartikeln über ihren ruhmreichen FCN.

Und da wäre noch der Abstieg 2008, ein Jahr nachdem das Team unter Coach Hans Meyer den DFB-Pokal gewonnen hatte – noch so ein zweifelhaftes Alleinstellungsmerkmal des Club. Nicht umsonst heißt es aus dem Mund der leidgeprüften Club-Fans: „Der Glubb is a Depp!“ Das wissen auch Weiß, Gleisenberg und Weininger. Aber er ist eben ihr geliebter Depp, „der mich schon fast mein ganzen Leben begleitet“, sagt Weiß.

Bereut haben sie es nie, sich dem Club verschrieben zu haben. Der 1. FC Nürnberg „hat mir viel Freude und einigen Ärger eingebracht“, versichert Weininger glaubhaft und Gleisenberg ergänzt. „Beim Club ist immer etwas los. Mit diesem Verein wird es nie langweilig.“

Wissenswertes rund um die Saison 1967/68 im Info-Block:

Die Saison 1967/68

  • In der Abschlusstabelle

    der Saison 1967/68 landete der 1. FC Nürnberg vor dem SV Werder Bremen. Der Vorsprung auf die Hanseaten betrug drei Zähler, damals herrschte noch die Zwei-Punkte-Regelung.

  • Tabellenletzter wurde

    in dieser Spielzeit der Karlsruher SC, der lediglich 17 Punkte einsammelte. Als zweiter Absteiger stand der Tabellenvorletzte Borussia Neunkirchen (19 Punkte) fest.

  • Hannes Löhr (1. FC Köln)

    war mit 27 Treffern der Top-Torjäger der Liga.

Jetzt geht es mit ihrem 1. FC Nürnberg nach dem achten Aufstieg in der Vereinsgeschichte wieder nach oben in die Bundesliga. Große Erwartungen an das Team hat das Trio nicht, die Skepsis überwiegt. Kurt Weininger hat „schlimme Befürchtungen, dass wenn der Verein nicht viel Geld in die Hand nimmt und den Kader verstärkt, wir sofort wieder absteigen“. Eine Dauerkarte hat er sich trotzdem für die kommende Bundesliga-Saison gesichert, Ehrensache.

Dass sie zu ihren Lebzeiten ihren Club noch einmal die Meisterschale werden gewinnen sehen, daran wollen die drei FCN-Fans nicht glauben. Sie durften das legendäre Meisterteam von 1968 miterleben – dafür sind sie dankbar. Und daran denken sie noch heute gerne zurück.

So wie Helmut Weiß, wenn er sich abends ins Bett legt und vom Club träumt.

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