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Historie

Gedenksteine für Nazi-Opfer

Fünf Menschen aus Neumarkt, ein Schicksal: Die Neustädters wurden in Vernichtungslagern ermordet – weil sie Juden waren.
Von Katrin Böhm

Die Gedenksteine in der Bahnhofstraße 9 in Neumarkt weisen auf das Leben, die Verfolgung und Ermordung von Kathi und Jakob Neustädter hin. Foto: Böhm
Die Gedenksteine in der Bahnhofstraße 9 in Neumarkt weisen auf das Leben, die Verfolgung und Ermordung von Kathi und Jakob Neustädter hin. Foto: Böhm

Neumarkt.„Heute sind es die letzten Zeilen, welche ich Ihnen sende (...), wir kommen diese Tage mit einem größeren Transport weg. Wohin, und was mit uns geschehen soll, wissen wir nicht, jedenfalls liegt das fest, daß wir mit unserem Leben abschließen müssen auf dieser Welt.“ Was Siegfried Neustädter am 7. März 1942 durch den Kopf geht, als er einen letzten Brief an Babette Burger, eine Nachbarin in Sulzbürg, die ihm „treu und aufopfernd zur Seite stand“ verfasst, kann man 77 Jahre später allenfalls erahnen.

Er weiß nicht genau, was auf ihn zukommt („Verzeihung diese Schrift, ich kann nicht mehr schreiben. Die Aufregung ist groß“), aber er weiß: Es wird nichts Gutes sein. Und es wird mit dem Tod enden („Dann haben wir endlich einmal Ruhe und sind erlöst von den Strapazen und Quälereien“). Vier Tage später wird Siegfried Neustädter ins polnische Izbica deportiert, wenig später in einem Vernichtungslager getötet. Die Initiative „Stolperstein“ verlegte am Dienstag zum Gedenken an ihn und vier weitere ermordete Mitglieder der Familie Neustädter Gedenksteine.

Martha Neustädter wurde Opfer des Euthanasieprogramms

Zu ihnen zählt auch Siegfried Neustädters Frau Martha. Die beiden heiraten im Oktober 1919, doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Im Frühjahr 1920 erkrankt Martha an der Spanischen Grippe, von der sie sich nie mehr erholen sollte. Von 1925 an wird sie in einem Pflegeheim in Schwäbisch Hall betreut, doch dort gibt es ab 1940 offiziell keine Abteilung für jüdische Kranke mehr.

Schüler des Ostendorfer Gymnasiums stimmten mit melancholischer Musik auf die dramatische Lebensgeschichte der Neustädters ein. Foto: Böhm
Schüler des Ostendorfer Gymnasiums stimmten mit melancholischer Musik auf die dramatische Lebensgeschichte der Neustädters ein. Foto: Böhm

Im November 1940 kommt Martha in die „Staatliche Heilanstalt Weinsberg“, wenige Wochen später wird sie mit dem Vermerk „In eine andere Anstalt verlegt“ entlassen. Die „andere Anstalt“ ist ihr Todesurteil: Martha Neustädter wird mit 52 Jahren in Grafeneck ermordet, sie ist Opfer der Aktion T4, das Teil des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten war, in dem zehntausende Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen systematisch umgebracht wurden.

Fünf neue Stolpersteine

  • Neumarkt:

    In der Schützenstraße 15 wurde am Dienstag ein Stolperstein zum Gedenken an Julius Neustädter verlegt, in der Bahnhofstraße 9 wurden zwei für Jakob und Kathi Neustädter eingelassen. Zusätzlich wurden zwei Platzhalter für die Kinder des Paars, Charlotte und Kurt, geschaffen. Den beiden gelang die Flucht, im nächsten Jahr sollen auch ihnen Stolpersteine gewidmet werden.

  • Sulzbürg:

    Am Hinteren Berg 14 wurden Stolpersteine für Siegfried Neustädter und seine Frau Martha in den Boden eingelassen.

  • Gedenken:

    In Neumarkt und Sulzbürg gibt es nun 37 Stolpersteine. Die Initiative „Stolperstein“ gibt es europaweit, Sprecherin der Initiative in der Region ist Dr. Heide Inhetveen aus Sulzbürg. Bei der Verlegung betonten alle Anwesenden, wie wichtig es gerade in der heutigen Zeit sei, der Verfolgung und Ermordung der Juden zu gedenken.

  • Botschaft aus Israel:

    Die Nachfahren der Familie, Hila, Hannah und Schlomo Neustädter schickten aus Israel ihre Botschaft: „Mögen die Opfer des Nazi-Terrors nicht vergessen werden. Möge die Erinnerung an diese Menschen zum Segen werden.“

Die Familie Neustädter war weit verzweigt in der Region Neumarkt, viele Familienmitglieder kamen in Sulzbürg zur Welt, einige von ihnen zogen nach Neumarkt.

So wie Julius Neustädter. Er zieht 1885 mit seinen Eltern und Geschwistern in die Marktstraße 14 (heute Café Wittl) und wohnt dort auch mit seiner Frau Minna. Die ersten Anfeindungen erlebt er im Januar 1929, als bei ihm und anderen jüdischen Familien in Neumarkt die Fenster eingeworfen werden. Im Jahr 1935 muss Julius Neustädter sein gesamtes Anwesen verkaufen. Seine Frau flieht 1936 nach Südafrika, Julius Neustädter aber bleibt in Neumarkt.

„Der Jude hatte sich in seiner Wohnung unter dem Bett versteckt und wurde von einem Trupp SA-Leute dort hervorgeholt und mit einem Stock so heftig auf den Kopf geschlagen, dass das Blut wie eine Fontäne spritzte.“

Ein Zeuge im Nachkriegsprozess 1950

Dort muss er 1938 seinen Viehhandel abmelden und wird in der Pogromnacht vom 9. November fürchterlich verprügelt. „Der Jude hatte sich in seiner Wohnung unter dem Bett versteckt und wurde von einem Trupp SA-Leute dort hervorgeholt und mit einem Stock so heftig auf den Kopf geschlagen, dass das Blut wie eine Fontäne spritzte“, heißt es in einem Zeugenbericht anlässlich des Nachkriegsprozesses im Jahr 1950.

Neumarkt: Fünf neue Stolpersteine für jüdische Mit

Wenige Tage später kommt Julius Neustädter für einen Monat nach Dachau, am Karfreitag des Jahrs 1942 wird er von der Gestapo verhaftet und in der Gastwirtschaft Ostbahn festgehalten. Alles, was er noch besitzt, sein Fahrrad und 11,85 Reichsmark, wird ihm abgenommen. Julius Neustädter wird mit fast 1000 weiteren Menschen ins Auffanglager Trawniki nach Polen deportiert und stirbt im Ghetto von Piaski. Wie er umkam, ist unbekannt.

Auch zum Gedenken an die Familie Haas wurden in Neumarkt bereits Stolpersteine verlegt.
Auch zum Gedenken an die Familie Haas wurden in Neumarkt bereits Stolpersteine verlegt.

Ebenfalls aus Sulzbürg stammt Jakob Neustädter, der 1909 nach Neumarkt zieht und zwei Jahre später Kathi Weinstein aus Zirndorf heiratet. Die beiden bekommen zwei Kinder, Kurt und Charlotte. In der Reichspogromnacht werden auch Jakob und Kathi Neustädter und ihre Tochter Charlotte in Neumarkt verhaftet. Kathi muss drei Tage im Gefängnis bleiben, obwohl sich der Gefängnisaufseher Alois Schmidt für ihre vorzeitige Entlassung einsetzt, da „Gefahr für ihr Leben“ bestehe, Jakob wird erst am 24. November entlassen. Im September 1939 zieht die Familie nach Nürnberg.

Immerhin: Die Kinder waren in Sicherheit

Zwei Jahre später werden Jakob und Kathi Neustädter nach Jungfernhof bei Riga deportiert. Sie gehören zum ersten Transport, der am 2. Dezember 1941 mehr als 1000 Juden aus Franken auf das Gut Jungfernhof bringt. Auf dem Güterbahnhof in Riga begegnete Kathi Neustädter einem Neumarkter Soldaten, der von einem Heimaturlaub auf dem Weg zurück an die Front ist. Die letzten Sätze, die sie ihm noch nachrufen kann, sind, dass sie und ihr Mann Neumarkt niemals wiedersehen werden – dass aber immerhin die Kinder in Sicherheit seien. Charlotte und Kurt war tatsächlich die Flucht gelungen. Jakob und Kathi Neustädter werden kurz darauf in einem Todeslager ermordet.

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