mz_logo

Region Neumarkt
Dienstag, 17. Juli 2018 28° 6

Herbizid

Glyphosat-Verbot: Dietfurt prescht voran

Die Stadt hat als einzige Kommune im Landkreis Neumarkt Glyphosat von ihren Feldern verbannt. Dem BBV gefällt das nicht.
Von Katrin Böhm

Umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel – gegen Glyphosat gibt es Proteste. Foto: Daniel Karmann/dpa
Umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel – gegen Glyphosat gibt es Proteste. Foto: Daniel Karmann/dpa

Dietfurt.Als der ehemalige CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt im November 2017 in Brüssel ohne Absprache für die weitere Verwendung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosats in der EU stimmte, war nicht nur die Bundeskanzlerin alles andere als freudig überrascht. Der Zorn über den Alleingang zog sich durchs ganze Land und kam auch in Dietfurt an. SPD-Bürgermeisterin Carolin Braun erinnert sich noch genau an den 27. November – und vor allem, wie sauer sie auf Schmidt war. „Ich habe mich fürchterlich geärgert. Das war ein Eklat. Und es stand nicht im Koalitionsvertrag.“

„Ich habe als Verbraucher den Eindruck gewonnen: Keiner will es haben.“

Bürgermeisterin Carolin Braun

Als das Mittel Glyphosat, das bis dahin kaum jemand kannte, daraufhin überall in der Presse und den sozialen Medien thematisiert wurde, hörte sich auch die Bürgermeisterin bei ihren Bürgern um. „Und ich habe als Verbraucher den Eindruck gewonnen: Keiner will es haben.“ So verbannte sie es mit Hilfe des Stadtrats im Dezember von sämtlichen kommunalen Flächen – mit 14 zu fünf Stimmen endete die Abstimmung mit einem deutlichen Ergebnis. Auch bei der Neuverpachtung von städtischen Flächen und bei der Verlängerung von Pachtverträgen darf Glyphosat künftig nicht mehr eingesetzt werden.

Mit gutem Beispiel wollte Dietfurt damit vorangehen, sagt Braun. „Weil die meisten Bürger Glyphosat nicht wollen.“ Und weil die Stadt Dietfurt viel unbebaute Fläche hat, die landwirtschaftlich verpachtet wird oder kommunal genutzt wird: 350 Hektar Wald und mindestens 150 Hektar landwirtschaftliche Flächen sind es, sagt Braun – allein das entspricht einer Gesamtfläche von mehr als 700 Fußballfeldern. Hinzu kommen unzählige kleine Flächen wie Spielplätze, kleine Grünanlagen, Hecken und die Grünstreifen neben den Straßen – 120 Kilometer hat die Stadt hier zu pflegen. „Das läppert sich ganz schön.“

Was ist Glyphosat eigentlich? Unser Erklärvideo klärt auf:

Vom plötzlichen Aufschrei bis zur breiten gesellschaftlichen Debatte: Wir zeichnen den Weg des Unkrautvernichtungsmittels nach. Video: K. Böhm

Künftig darf Unkraut hier nicht mehr mit Glyphosat bekämpft werden, sondern mechanisch, mit Hitze oder anderen, umweltverträglichen Präparaten. „Wir haben hier eine Eigenverpflichtung“, sagt Braun. Mit einigen Landwirten, die rund um Dietfurt die Felder bewirtschaften, habe sie schon vor dem Stadtratsbeschluss gesprochen, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu verschaffen. „Viele haben von sich gesagt, dass sie es meist ohnehin nur in Einzelfällen verwenden.“

Auch nach der Entscheidung habe sie keinen Sturm der Entrüstung erlebt. Obwohl das Potenzial dazu vorhanden gewesen wäre – die Pachtverträge füllen einen dicken Ordner, alles in allem haben etwa 100 Leute Flächen zwischen 200 Quadratmetern und mehreren Hektar von der Stadt gepachtet. Tenor: Es freue sich zwar niemand riesig, der Verzicht auf Glyphosat sei aber für die Landwirte machbar.

Diese Flächen in Hallenhausen hat die Stadt mit ihrer Bürgermeisterin Carolin Braun vor kurzem gekauft – sie sollen in Bälde an neue Pächter vergeben werden. Der darf hier kein Glyphosat verwenden. Foto: Böhm
Diese Flächen in Hallenhausen hat die Stadt mit ihrer Bürgermeisterin Carolin Braun vor kurzem gekauft – sie sollen in Bälde an neue Pächter vergeben werden. Der darf hier kein Glyphosat verwenden. Foto: Böhm

Ob man in der Gemeinde nicht einfach alles beim Alten hätte belassen können, wenn Glyphosat ohnehin kaum eingesetzt wird? Naja, sagt Braun, es gehe hier schon darum, ein Zeichen zu setzen für die Bürger, „die das nicht wollen“. Sicherlich sei es für einen Nebenerwerbs-Landwirt, der tagsüber einen anderen Job habe, einfacher, Glyphosat zu verwenden („das versteh ich schon“), andererseits fühle „ich mich als Verbraucher aber nicht wohl mit dem Gedanken, dass Glyphosat verwendet wird“. Schließlich vernichte Glyphosat sämtliche Pflanzen – auch diejenigen, die Insekten so dringend benötigten. Dass die Stadt mit der Entscheidung den Nerv der Zeit getroffen habe, bestätigten ihr die Bürger, so Braun: Immer wieder werde sie etwa beim Einkaufen auf den Beschluss angesprochen – und zwar positiv. „Ich höre immer wieder Lob.“ Und das komme selten vor.

Ist Glyphosat nun krebserregend oder nicht? Hier bezieht ein Neumarkter Gefahrstoffberater Stellung.

Noch größer am Rad drehen und die Stadt zur komplett pestizidfreien Kommune umrüsten will Braun allerdings nicht, da ist sie Realistin genug. „Wenn ich sämtliche Pestizide verbiete, könnte es auf unseren Flächen nur noch mit Bio-Landwirten gehen.“ Und davon gebe es rund um Dietfurt kaum welche. Außerdem „wäre das eine Benachteiligung der konventionell wirtschaftenden Landwirte, und das ist die große Mehrheit.“

„Ich halte das absolut für daneben, dass sich eine Gemeinde aufspielt und meint, sie könne sagen, ob das angewendet wird.“

Michael Gruber

Überhaupt nicht einverstanden mit der Dietfurter Entscheidung ist der Bauernverband „Ich halte das absolut für daneben, dass sich eine Gemeinde aufspielt und meint, sie könne sagen, ob das angewendet wird. Das ist der falsche Weg“, ärgert sich BBV-Kreisobmann Michael Gruber. „Entweder es ist ein zugelassenes Mittel oder nicht.“ Und da stelle sich für ihn die Frage, auf welcher Basis ein Mittel zugelassen werde. „Entscheidet das die Gesellschaft oder tun das Wissenschaftler in der EU?“

BBV fürchtet Präzedenzfall

Dass eine Gemeinde die Verwendung von Glyphosat verbiete, betrachtet Gruber als grobe Einmischung. „Bloß weil die Gesellschaft dagegen ist. Da hört es bei mir auf. Das ist ein zugelassenes Mittel von der EU, das brauche ich eigentlich gar nicht verteidigen. Hier werden wissenschaftliche Erkenntnisse absolut ignoriert und Gesetze unterlaufen.“

Gruber fürchtet: „Das öffnet Tür und Tor für weitere Fälle.“ Und es könnte „der Anfang vom Ende der Pflanzenschutzmittel sein“. Die seien aber eben immer wieder nötig. Kein Landwirt spritze gern und unnötig, jeder Bauer gehe achtsam mit den Mitteln um, ist der BBV-Kreisobmann überzeugt. Viel zu häufig werde aber „der Landwirtschaft der schwarze Peter zugeschoben. Und das geht nicht.“

Will sie gar nicht, sagt die Bürgermeisterin dazu. Im Gegenteil. „Wir möchten niemanden bestrafen. Wir wollen etwas Gutes tun.“ Noch steht Dietfurt im Landkreis Neumarkt mit seiner Entscheidung alleine da – sie ist die einzige Kommune, die Glyphosat offiziell verbannt hat. Zumindest thematisiert wird es aber auch in anderen Orten.

Diese Kommunen in Bayern haben Glyphosat und Pestizide verbannt - unsere interaktive Karte mit Daten des BUND zeigt es:

Das weiß auch Landrat Willibald Gailler. Dass die Stadt Dietfurt als einzige Gemeinde im Landkreis Glyphosat verbannt, betrachtet er aber neutral. „Das ist kommunale Hoheit, was die Kommunen machen. Da mischen wir uns nicht mit erhobenem Zeigefinger ein.“

Landrat Gailler gibt sich neutral. Foto: Pechl
Landrat Gailler gibt sich neutral. Foto: Pechl

Auch im 1344 Quadratkilometer großen Landkreis hat das Landratsamt viele freie Flächen zu pflegen – alles ohne Glyphosat, sagt Gailler. Stattdessen verwende man Heißwassergeräte. Das bedeute zwar einen erhöhten Aufwand für die Mitarbeiter, aber auch, dass keine Giftmittel gespritzt würden.

„Die Landwirte gehen sehr verantwortungsvoll mit Glyphosat um.“

Landrat Willibald Gailler

Die Verwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft betrachtet Gailler differenziert. Sicherlich sei es richtig, den Einsatz von Glyphosat deutlich einzuschränken, „aber es müssen Alternativen entwickelt werden“. Zu Hause setze er zwar keine Pflanzenschutzmittel ein, „aber bei den Bauern ist das eine andere Situation“. Hier müsse man den Spagat zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und der Situation der Landwirte, die im Wettbewerb stünden und wirtschaften müssten, schaffen. Seiner Kenntnis nach gingen Landwirte „sehr verantwortungsvoll“ mit Glyphosat um.

Alle Teile unserer Landwirtschafts- und Verbraucherserie finden Sie hier.

Hier geht es zu unserer großen MZ-Verbraucherumfrage.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht