MyMz
Anzeige

Bücher

Golly Hertleins Zeitreise

Der Musiker und Wirt der Oberweilinger Kneipenbühne hat ein Buch verfasst. Wer es lesen will, kann es im Internet herunterladen. Das kostet nichts.
Von Lothar Röhrl

Golly Hertlein

Oberweiling.Zeitreisen – sie sind ebenso faszinierend wie unbuchbar. Der Gedanke, was wäre wenn ich dieses und jenes noch einmal erleben könnte, um mich dann ganz anders zu entscheiden, gehört zum Durchstöbern alter Fotos oder zum Sehen eines alten Filmes. „Zeitreisen“: Kaum etwas ist so fiktiv, aber auch so persönlich. Und langsam dürfte es jeden, der sich damit befasst, dämmern: Der Menschheit wird es trotz allen technischen Fortschritts nicht gelingen, in die Vergangenheit zurückreisen zu können, umso manche schlimmen Fehler etwa im Bezug auf den Erhalt dieses Planeten zu vermeiden. Von Besuchen aus der Zukunft findet sich weit und breit keine Spur.

Freilich: In der Literatur oder in Science-Fiction-Filmen wie der „Zeitmaschine“ gibt es sie – diese Kreuzfahrten durch Zukunft und Vergangenheit. Auf eine solche Reise in die Vergangenheit lädt Golly Hertlein mit seinem neuen literarischen Werk „Lucky und Bajazzo“ ein. Das tut er aber nicht mit herkömmlichen Mitteln, denn dieses Buch existiert bisher nur als PDF-Datei zum Herunterladen und als schickes eBook zum Online-Lesen auf der Homepage der „Kneipenbühne Oberweiling“, deren Motor Hertlein seit gut drei Jahrzehnten ist (http://www.kneipenbuehne.de).

Versuch eines neuen Vertriebswegs

„Lucky und Bajazzo“ ist nicht nur eine Reise zurück bis ins Jahr 1976. Es ist auch Golly Hertleins Versuch, einen neuen, vielleicht zukunftsträchtigen Weg der Vermarktung eines literarischen Werks zu gehen. Gebunden gibt es diesen Roman – zumindest derzeit – noch nicht. Man darf ihn aber komplett online lesen oder ihn mit einem Mausklick herunterladen; gratis versteht sich!

Allerdings kann jeder Leser einen beliebigen Betrag auf das Konto des Vereins Projekt Film & Kunst e.V. überweisen (die Kontonummer findet sich auf der Startseite der Kneipenbühnen-Homepage), falls er „Lucky und Bajazzo“ für förderungswürdig erachtet. Kommt genügend Geld zusammen, um eine Drucklegung zu ermöglichen, erhält jeder Spender als Dankeschön eine gebundene Version zum Anfassen – oder einfach, um sie ins Bücherregal zu stellen. Das Risiko ist also äußerst gering, denn wie gesagt – der Roman darf ja gratis gelesen werden.

Zudem könnte der Leser Hertleins Idee unterstützen, traditionellen Wegen des Vertriebs von Literatur ein Schnippchen zu schlagen. Denn: Bei jedem Autor kommt nur ein Bruchteil des Preises an, der für ein Buch verlangt wird. Dieses System will Hertlein unterlaufen. „Ich bin nicht auf Gewinn aus, hoffe aber schon auf eine kleine Anerkennung.“ Und vielleicht auf eine größere als bei seinem ersten Roman „Reïnklonation“.

Erster Roman „bei Null“

Den gab es in gedruckter Form. Zweihundertfünfzig Stück stapelten sich im Medienraum von Golly Hertleins Wohnung, dem stattlichen alten Schulhaus von Oberweiling. „Die meisten Exemplare konnte ich verkaufen. Der Gewinn war also rein ideeller Natur“, berichtete Roland „Golly“ Hertlein dem Neumarkter Tagblatt, der das Romanschreiben für sich als höchst genussvolle Tätigkeit entdeckt hat und materiellem Gewinn nur eine zweitrangige Bedeutung zumisst. „Schließlich geht es mir bei meinem ‚Spendenaufruf‘ nur darum, darauf hinzuweisen, dass auch ideelle Arbeit einen Wert hat. Denn wenn Applaus das Brot des Künstlers ist, dann verhungert er. Ich spreche hier nicht von mir, sondern von den unzähligen Künstlerkollegen, die mit ihrer die Menschheit beglückenden und deshalb eigentlich unbezahlbaren Tätigkeit am Rande des Existenzminimums leben müssen. Und ich, der das Glück hat, ein sorgenfreies Leben führen zu können, möchte meinen Kollegen nicht den Akkord kaputt machen“, sagte Golly Hertlein dem Tagblatt.

Anders als im Roman „Reïnklonation“, der eine Reise in die Zukunft zu einem 405 Jahre alt gewordenen Mann beschreibt, leuchtet „Lucky und Bajazzo“ die vergangenen 36 Jahre aus, also eine Zeitspanne, in der die meisten von uns gelebt haben. Hertlein lässt die Freunde erst 1986, dann 1976 und zum dritten Mal 2010 treffen. Ort der Handlung ist Nürnberg mit seinen Straßen, Plätzen und Kneipen.

Ob Zufall oder Fügung: Jedes dieser drei Treffen gibt dem Leben der beiden Freunde eine neue Richtung. Dabei führt Hertlein zwei Typen zusammen, deren Lebensweise kaum unterschiedlicher sein könnte. Hier der aus ärmlichen Verhältnissen stammende, geniale aber ewige Student Lucky, den seine unzähligen Studienwechsel bis ins ferne Berlin führen. Dort Bajazzo, der Sohn aus gutem Hause. Als Lehrer hofft er ein materiell geordnetes Leben führen zu können. Komplett unzufrieden ist er mit seinem Liebesleben. Hiervon kann „Weiberheld“ Lucky bei den Treffen allerdings genau das Gegenteil berichten.

Weil jede – letztlich drogen- und alkoholgeschwängerte Zusammenkunft nicht mit „Servus“, sondern mit „Was liest Du gerade“ beginnt, wird schnell klar, dass es um Befindlichkeiten, Bewusstsein und politische Großwetterlage in 1986, 1976 und 2010 geht. Die hohe Zeit der Punkmusik, die Hausbesetzer-Szene bis hin zur unumkehrbaren Globalisierung aller Chancen, aber auch Gefahren für die Menschheit geben jeder Unterhaltung dieser drei Treffen einen authentischen Anstrich.

Diese lässt Golly Hertlein aber nicht akademisch trocken, weil hie und da mit zeitgeschichtlichen Fakten durchzogen, ablaufen. Dass die beiden – durch gemeinsame Schulzeit und gemeinsam gepflegte Hobbys – zusammengeschmiedeten Freunde die Lust am Wortwitz und den Hang zur Alberei teilen, sei die Grundlage für ein sehr amüsantes und amüsierendes Werk, meint der Autor.

Das Finale? Selbst erlesen!

Und so stehe am Ende der Geschichte der Beziehung der beiden Freunde eine völlig unerwartete und einigermaßen verrückte Wendung. Worum es sich dabei handelt, wollte Hertlein im Gespräch mit dem Tagblatt nicht verraten. „Das sollte sich jeder selbst erlesen“.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht