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Ultratrail

Halluzinationen auf Junut kommen vor

Gerhard Börner hat den Junut ins Lebens gerufen. Er weiß, was es braucht, um fünfeinhalb Marathons am Stück zu bewältigen.
Von Thorsten Drenkard

Gerhard Börner (Mitte) hat den Junut ins Leben gerufen. Archivfoto: ufb
Gerhard Börner (Mitte) hat den Junut ins Leben gerufen. Archivfoto: ufb

Dietfurt.Am Freitag machen sich rund 120 Extremläufer beim Junut (Jurasteig Nonstop Ultratrail) von Dietfurt aus auf die große Jurasteig-Runde. Zwischen 239 und 170 Kilometer legen die Ultratrail-Läufer dabei am Stück zurück. Organisator Gerhard Börner spricht mit der Mittelbayerischen über die Mentalität der Läufer, Halluzinationen beim Laufen während der Nacht und die härtesten Abschnitte der Strecke.

Herr Börner, was muss man eigentlich für ein Typ sein, um beim Junut mitzulaufen?

Es schadet nichts, wenn man einen gehörig an der Waffel hat (lacht).

Wie kommt man auf die Idee, über mehrere Tage und Nächte hinweg hunderte Kilometer und tausende Höhenmeter zu laufen?

Ich bin seit 2005 Ultratrail-Läufer. Für mich war das eine logische Entwicklung. Ich bin zuvor jahrelang hobbymäßig Marathon gelaufen. Irgendwann bin ich zeitlich nicht mehr voran gekommen. Zwar gab es damals auch Straßenläufe von 50 oder 100 Kilometern in Deutschland. Aber immer nur auf Asphalt laufen, war nichts für mich. Dann bin ich auf einen Lauf in Frankreich gestoßen, den Ultratrail du Mont Blanc. Dabei ging es 160 Kilometer und 8000 Höhenmeter rund um den Mont Blanc. Dieses Erlebnis hat etwas in mir infiziert. Seitdem lässt mich das Ultratrail-Laufen nicht mehr los.

In Dietfurt gehen die Läufer an den Start. Foto: Johann Grad
In Dietfurt gehen die Läufer an den Start. Foto: Johann Grad

Was reizt Sie an diesem extremen Laufen bergauf und bergab, auf schmalen Pfaden, über Stock und Stein, bei Tag und bei Nacht?

Es geht dabei vor allem um das Austesten der eigenen Grenzen und ein außergewöhnliches Erlebnis in der Natur. Man erlebt Sonnenunter- und Sonnenaufgänge, ist in der Finsternis im Wald unterwegs, ist Gewittern oder Stürmen ausgesetzt. Das alles ist sehr intensiv.

Um die 239-Kilometer- beziehungsweise die 170-Kilometer-Strecke zu bewältigen, muss man körperlich fit sein. Wie wichtig ist bei all diesen Grenzerfahrungen die Psyche?

Bei Distanzen, die über 160 Kilometer hinaus gehen, ist die mentale Einstellung ausschlaggebend. Denn irgendwann kommt bei jedem Läufer der Punkt, an dem der Körper sich meldet und nicht mehr will. In dieser schwierigen Phase ist das Erreichen des Ziels Kopfsache.

Malerisch verläuft der Jurasteig. Archivfoto: Börner
Malerisch verläuft der Jurasteig. Archivfoto: Börner

Hat Ihnen Ihre Psyche auch schon beim Laufen etwas vorgemacht?

Einmal habe ich mir nachts bei einem Ultratrail in Italien eingebildet, über ein herrenloses Damenbein gestolpert zu sein. Das Bein gab es natürlich nicht. Generell hat fast jeder, der im Ziel ankommt, grenzwertige Erlebnisse in der Nacht gehabt. Da hört man im Wald beunruhigende Geräusche oder glaubt Dinge zu sehen, die nicht sein können.

Wie viele Läufer kamen vergangenes Jahr ins Ziel?

Auf der 239-Kilometer-Strecke waren es rund 30 Prozent, die im vergangenen Jahr die volle Distanz gelaufen sind.

Video-Impressionen des Junut 2018:

Das klingt nach sehr wenig. War die Strecke zu anspruchsvoll?

Viele, die sich über diese Distanz gemeldet hatten, haben die Option genutzt, bei 170 Kilometern am Versorgungspunkt in Kastl auszusteigen, weil sie damit auch in die Wertung einliefen. Damit ist heuer aber Schluss. Wer sich über die 239 Kilometer anmeldet, der läuft das Ding entweder zu Ende oder kommt nicht in die Wertung. Dadurch erwarte ich, dass bis zu 60 Prozent finishen werden.

Was zeichnet den Junut aus?

Wir haben einen hohen Anteil an Wiederholungstätern, die bereits mehrmals dabei waren. Das zeigt, dass unsere Organisation mit all ihren Unterstützern und Helfern vor Ort Anklang findet. Es ist ein Stück weit die familiäre Atmosphäre und die Herzlichkeit der Menschen, aber auch die schöne Landschaft und die anspruchsvolle Strecke spielen eine Rolle für den Zuspruch.

Wissenswertes rund um den Junut im Info-Block:

Rund um den Junut

  • Verpflegung:

    Für die insgesamt 124 angemeldeten Starter stehen an den Versorgungsstellen insgesamt rund 80 Kilo Brot, 35 Kilo Wurst, 25 Kilo Käse und vegane Aufstriche, 50 Kilo Bananen und Äpfel sowie 20 Kilo Trockenfrüchte und 750 Frucht- und Energieriegel zur Verfügung.

  • Feuerwehr Matting:

    Bei der Feuerwehr in Matting gibt es für hungrige Läufer gar Pizza im kulinarischen Angebot.

  • SV Schmidmühlen:

    Beim SV Schmidmühlen können die Teilnehmer unter anderem zwischen verschiedenen Eintöpfen und Nudelsalat wählen.

  • TuS Hohenburg:

    Beim TuS Hohenburg hat man für die Starter weiterhin Kartoffelbrei im Angebot.

  • SV Deining:

    Beim SV Deining gibt es für die Läufer zudem Nudeln mit Soße. Getrunken Die Läufer trinken im Lauf der Junut-Veranstaltung rund 500 Liter Cola, Schorle, Säfte und Bier (alkoholfrei und mit Alkohol).

  • Orientierung:

    Jeder Teilnehmer erhält eine Übersichtskarte des Wanderwegs. Die Verpflegungsposten sind dort aber nicht eingezeichnet.

  • Übernachtungen:

    In Schmidmühlen und in Deining kann geschlagen werden.

  • Startzeiten:

    Das Hauptfeld startet in der frühen Gruppe um 10 Uhr, die späte Gruppe der schnellen Läufer erst um 15 Uhr. Diese Aufteilung hat folgenden Grund: Wenn besonders schnelle Läufer gemeinsam mit dem Hauptfeld starten würden, müssten im letzten Drittel der Strecke die Versorgungsstellen bis zu 24 Stunden besetzt sein. Dies ist logistisch kaum machbar. Mit den versetzten Startzeiten lässt sich das entschärfen.

Welche Abschnitte auf der Strecke sind besonders herausfordernd für die Läufer?

Gleich die ersten beiden Etappen von Dietfurt nach Riedenburg und von Riedenburg nach Kelheim haben es in sich. Sie sind mit jeweils rund 25 Kilometern sehr lang. Allgemein ist das Laufen nachts eine Herausforderung für jeden. Deshalb bilden sich dann häufig Gruppen. Da behält man besser die Orientierung und die Zeit vergeht schneller. Die erste Nacht überstehen die meisten noch ganz gut, aber in der zweiten gibt es eine Passage zwischen Habsberg und Deining, wo es durch einen Windpark über einen Landwirtschaftsweg geht, der scheinbar nicht endet. Das ist für viele sehr schwer.

So lief der Jurasteig Nonstop Ultratrail 2018.

Hat schon einmal jemand komplett die Orientierung auf der Strecke verloren?

Dass man sich in der Nacht mal verläuft, das kommt vor, trotz GPS und Markierungen auf der Strecke. Einmal aber hatten wir einen Läufer, den haben wir in Burglengenfeld eingesammelt (lacht).

Hier sehen Sie eine Bildergalerie des Junut:

Der Jurasteig Nonstop Ultratrail

Was passiert, wenn jemand aufgeben muss?

Wenn jemand an einer Versorgungsstelle aussteigen muss, bringen wir ihn mit einem Shuttle-Service nach Dietfurt zurück. Das bedeutet aber auch, dass zwischen den Versorgungspunkten jeder für sich selbst verantwortlich ist. Das weiß aber jeder, der am Junut teilnehmen will.

Gab es in der Vergangenheit Unfälle oder Verletzungen?

Bisher gab es glücklicherweise keine ernsthaften Verletzungen der Läufer. Wobei das natürlich immer relativ ist. Schürfwunden an Beinen und Händen nach einem Sturz im nächtlichen Wald und blutig gelaufenen Füße gehören irgendwie zum Junut auch dazu. Wir brauchten aber bisher weder ärztliche Hilfe noch einen Rettungsdienst. Die Teilnehmer verpflichten sich auch dazu, sich untereinander gegenseitig Hilfe zu leisten.

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