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Tiere

Hemdsärmliger Kämpfer für Nürnbergs Zoo

Dag Encke bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Tierrechtlern, Politik und den alltäglichen Problemen eines Tiergartens.
Von Katrin Böhm

Er ist viel unterwegs und wird nie müde, für seine Anliegen einzutreten: Tiergarten-Direktor Dag Encke.
Er ist viel unterwegs und wird nie müde, für seine Anliegen einzutreten: Tiergarten-Direktor Dag Encke. Foto: Böhm

Nürnberg.Dag Encke ist eine Kämpfernatur. Meist läuft er mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und Cordhosen durch den Tiergarten, seine Kollegen erzählen, er gönne sich gerne mal einen 20-Stunden-Tag. Sie halten ihn aber auch über alles auf dem Laufenden. Ein Mitarbeiter ist krank? „Richten Sie ihm beste Grüße aus.“ Ein Rohr ist verstopft? „Ich hatte gestern schon meinen Arm drin, bis es nicht mehr weiterging.“ Natürlich ist er zwischendurch auch mal abgekämpft, im Prinzip aber gilt für ihn: „Wir sind dafür geboren, uns in die Politik einzumischen.“ Mit „wir“ meint Dag Encke Zoodirektoren und alle, die etwas von Zoo verstehen. Und, dass die sich einmischen müssen, hält Encke, Leiter des Nürnberger Tiergartens, für wichtig, „weil es in unserer Gesellschaft momentan eine sehr ernsthafte Debatte über die Haltung von Tieren gibt“. Besonders über Delfine – „die gehören zu den exponiertesten Tieren in der Haltung“.

Grundsätzlich findet Dag Encke einen Diskurs gar nicht verkehrt, wohl aber die Art und Weise, wie manches Mal gegen Zoos vorgegangen wird. Dass regelmäßig vor dem Tiergarten gegen die Haltung der Delfine demonstriert wird, daran hat er sich schon gewöhnt.

„Kein einziges Tier ist zufällig hier“

Schlimmer sind für ihn andere. Große Tierrechtsorganisationen beschäftigten mittlerweile Juristen, die nach Gesetzeslücken suchten und „hochprofessionell“ vorgingen, so Encke. „Mittlerweile habe ich mehr Angst vor Organisationen, von denen ich nichts höre, denn die sind politisch am aktivsten.“

Dem Credo, alle Tiere, ob Heuschrecke oder Orang-Utan, auf eine Stufe zu stellen, könne er schon als Biologe nicht folgen. Der Mensch sei faktisch als einziges Lebewesen in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. „Und wenn man dem Menschen Verantwortung für Tiere zuspricht, dann sind wir zum Handeln gezwungen. Und wer handelt, muss Abwägungen treffen.“

Hier stecke man bereits mitten in der gesellschaftlichen Debatte: Wie darf ein Zoo über ein Individuum verfügen, um eine Population zu erhalten? Denn das ist der gesetzliche Auftrag für Zoos. Um das zu schaffen, sei ein Populationsmanagement zwingend nötig. Das bedeutet: Tiere werden in Zoos weltweit gezielt zusammengebracht, damit bei der Nachzucht „auch in 100 Jahren die optimale genetische Diversität vorhanden ist“.

„Kein einziges Tier bei uns ist zufällig hier. Das ist alles geplant, jedes Individuum.“

Zoodirektor Dag Encke

„Kein einziges Tier bei uns ist zufällig hier. Das ist alles geplant, jedes Individuum“, sagt Encke. Abgesehen vielleicht von Schwarmtieren wie Fischen. Eine zehn Millionen Euro teure Software, mit der alle Zoos vernetzt sind, listet nicht nur jedes Tier in jedem Zoo mit allen Eckdaten auf, sondern berechnet auch, welches sich mit welchem paaren soll.

Bei Affen wird das Töten schwierig

So weit, so gut. Doch wenn beispielsweise 45 weibliche Mendesantilopen nachgezüchtet werden sollen, gibt es zwangsläufig mindestens ebenso viele Männchen. Was passiert dann mit denen? „Tierschützer würden sagen, dass die männlichen Antilopen tiergerecht untergebracht werden müssen. Wir sagen: Das geht auf Dauer nicht, dafür haben wir den Platz nicht. Wir haben als Tiergarten die Aufgabe, so viele Tiere wie möglich zu halten“, sagt Encke. Das bedeutet: „Wir verfüttern diese Tiere.“ Das Verfüttern an und für sich sei nach dem Tierschutzgesetz ein „vernünftiger Grund“, um ein Tier zu töten. Und Populationsmanagement „führt einfach zu mehr Tieren als man brauchen kann“. Die überzähligen Tiere zu töten, falle niemandem leicht, es sei aber unerlässlich. Und das bei allen Tieren – schwierig werde es natürlich bei Affen, Elefanten oder Sympathieträgern wie Erdmännchen. Aber auch da komme man nicht aus. Vor mehreren Jahren habe der Tiergarten ein Pavianmännchen einschläfern müssen, im vergangenen Jahr wurden insgesamt 60 Tiere getötet.

Für eine Welle der Empörung sorgte im Februar 2014 der Tiergarten Kopenhagen, als dort die 18 Monate alte Giraffe Marius getötet und verfüttert wurde, um die genetische Vielfalt zu erhalten. Dag Encke hielt diese Entscheidung schon damals für „richtig und mutig“ – und wünscht sich zwei Jahre später Verständnis und Unterstützung für diese Art zu handeln. Dass der Direktor des Magdeburger Zoos vor sechs Jahren vor Gericht verurteilt wurde, weil er drei Tigerbabys kurz nach deren Geburt einschläfern ließ, da sich – erst nachdem das Weibchen trächtig war – herausstellte, dass der Vater kein reinrassiger sibirischer Tiger war, ist in seinen Augen falsch. Obendrein, da die Ethikkommission sich hinter die Entscheidung gestellt hatte. Denn: Um Arten zu erhalten, „brauchen wir eine saubere Linie“.

Zweimal pro Jahr in Brüssel

Um Zoos in der Politik für Anliegen wie diesem Gehör zu verschaffen und „teilweise sehr ideologische Streits zu entschärfen“, trifft sich Encke regelmäßig mit Politikern aller Ebenen. Etwa zweimal im Jahr ist er in Brüssel, vornehmlich bei Politikern aus dem Landwirtschafts- und Umweltausschuss, sein Stellvertreter Dr. Helmut Mägdefrau wird regelmäßig als Sachverständiger in Berlin angehört. „Diese Themen in die Politik zu tragen, ist mein Revier. Das ist spannend und hochinteressant.“

Hier lesen Sie Neuigkeiten aus Brüssel, die die Tiergärten betreffen:

Die neue Verbotsliste der EU

  • Eindringlinge:

    Fremde Tiere können einheimische Tiere verdrängen und ihnen ihr Futter wegfressen – wenn dem so ist, gelten sie als „invasive Art“. „Die Hälfte des Artensterbens wird durch invasive Arten verursacht“, sagt Dag Encke. Um die Biodiversität zu erhalten, habe die EU sich die Bekämpfung invasiver Arten zum Ziel gesetzt – „dieser Ansatz ist auch völlig vernünftig.“

  • Umsetzung:

    Die EU hat eine Liste mit 37 Arten herausgegeben, die nicht mehr gezüchtet oder transportiert werden dürfen, ihr Bestand innerhalb der EU soll aufgelöst werden. Jedes Land durfte ein oder mehrere Tiere, die als schädlich betrachtet werden, vorschlagen – bei der Risikobewertung galt, dass mindestens zwei Länder von einem Tier betroffen sein müssen, ehe es auf die Liste gesetzt werden konnte.

  • Tiergarten:

    Auf der Liste stehen jedoch etwa mit dem Nasenbären, dem Waschbären oder dem Muntjak-Hirsch Tiere, die in vielen Zoos gehalten werden – Nürnberg ist in diesem Fall nur mit einem Muntjak betroffen. Dass auch Tiergärten diese Arten nicht mehr halten dürfen, hält Encke für einen großen Fehler. „Wir wären Multiplikatoren, um die Akzeptanz für die Bekämpfung dieser Arten zu stärken. Wir könnten zeigen: Leute, ja, der Waschbär ist süß, aber er ist auch schädlich, besonders für die Amphibien.“ Durch den Beschluss, der die Zoos betrifft, würde „jede Sympathie für diese Verordnung torpediert“ – denn auf der Liste stünden ja „hochsympathische Arten“.

  • Ausnahmen:

    Polen möchte gerne den Sika-Hirsch listen lassen, inklusive aller Unterarten. Der in Vietnam vorkommende Sika-Hirsch gilt allerdings in freier Wildbahn als ausgerottet. „Da kommen wir zu dem spannenden Punkt, bei dem sich Zielkonflikte ergeben“, so Encke. Zoos dürften diesen Hirsch nicht mehr züchten – seien aber eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet. Die EU-Kommission genehmige nun die Zucht unter strengen Auflagen. Für edukative Zwecke wie etwa beim Waschbären gibt es keine Ausnahmen.

Ein heißes und umstrittenes Thema etwa ist das des Flugunfähigmachens von Vögeln. Nach dem Gesetz ist es verboten, Vögel dauerhaft flugunfähig zu machen, sie quasi zu amputieren.

Erlaubt ist, sie regelmäßig zu stutzen, damit sie nicht ausbüxen – denn das ist wiederum gesetzlich verboten. Für die Tiere, so sagt Encke, ist es aber ein größerer Stress, wenn sie zwei- bis dreimal im Jahr gefangen werden müssen – sie versuchen jedes Mal, wegzufliegen, können aber nicht und haben dadurch Todesangst. Würde man die Flügel so zurechtschneiden, dass sie nie wieder fliegen können, bliebe ihnen das erspart.

„Wir hier sind doch alle vernarrt in Tiere. Wir würden alles für sie tun.“

Zoodirektor Dag Encke

Würde man das Stutzen generell einstellen, müssten etwa die Pelikane oder Flamingos in eine Voliere – auch wenn ihnen bisher eine große Schwimmfläche und eine weit vom Publikum entfernte Insel „größtmögliche Lebensqualität“ bieten. Denn nicht für jeden Vogel gelte die Maxime, dass er unbedingt fliegen wolle – für Pelikane etwa sei das Schwimmen viel wichtiger, sagt Encke. „Wir halten es daher für artgerechter, einen Pelikan dauerhaft flugunfähig zu machen und ihm dafür einen großen See zur Verfügung zu stellen als ihn in einer Voliere zu halten.“ Daher will Encke das dauerhafte Flugunfähigmachen „für einzelne Arten“ erwirken.

Denn eben jenes Abwägen bei jedem Tier macht für Dag Encke gute Haltung aus. „Es geht immer darum, was artgerecht ist. Wir hier sind doch alle vernarrt in Tiere. Wir würden alles für sie tun.“

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