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Justiz

Hier wird für Gerechtigkeit gesorgt

Am Neumarkter Amtsgericht werden nicht nur Strafsachen verhandelt. Es bildet das Leben im Landkreis ab. Entsprechend umfassend ist es aufgestellt.
Von Tom Müller

  • Sie vertreten das Gesetz: Jugendrichter Danny Schaller, Direktor Dr. Harald Müller und Familienrichter Leonhard Spies sorgen mit fünf weiteren Kollegen dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt. Foto: Müller
  • Von dem Kriegsbomben weitestgehend unberührt, hat Neumarkt sicher eines der schönsten Amtsgerichte in Deutschland. Foto: Tom Müller

Neumarkt. Es ist die Aura des Spektakulären, des Geheimnisvollen und die der übermächtigen Staatsmacht, die ein Gericht umgibt. Und es ist genau diese Aura, die Tag für Tag Millionen TV-Zuschauer in die Gerichtssäle der Privatsender entführt, in denen meist recht reißerische Rechtsfälle verhandelt werden.

Neumarkts Jugendrichter Danny Schaller kann dieser Art des Voyeurismus wenig abgewinnen. „Für unsere Verhandlungsführung sind diese Gerichtssendungen wenig förderlich“, betont der 36-Jährige. „Das respektlose Verhalten, das dort gezeigt wird, erweckt in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass es eben genau so vor Gericht abläuft.“ Glücklicherweise ist dem nicht so. Die Prozesse, die vor dem Jugend- oder dem Erwachsenengericht verhandelt werden, sind weitaus sachlicher als die im Fernsehen. Und sie folgen auch keiner sich konstant zuspitzenden Dramaturgie. Dennoch: „Der Respekt vor der Justiz sinkt“, urteilt Familienrichter Leonhard Spies.

Dr. Harald Müller, der Direktor des Amtsgerichts, hat dies bereits in seiner Zeit als Staatsanwalt erlebt. „Da wurde mir schon mal von einem Angeklagten, der ins Gefängnis musste, ein eher unangenehmes Wiedersehen angedroht.“ Auch Richter Spies hatte in seiner Karriere schon einmal Personenschutz beantragt.

Besucher werden kontrolliert

Sicherheit spielt im Amtsgericht eine große Rolle. Seitdem am 11. Januar 2012 ein Staatsanwalt im Dachauer Amtsgericht in einer Verhandlung erschossen worden war, wurden die Sicherheitsvorkehrungen in Bayern drastisch erhöht. Wer heute die große Steintreppe zu den Sitzungssälen und den Büros des Amtsgerichts hinaufschreitet, geht direkt auf die Sicherheitsschleuse und das Büro der vier Justizwachtmeister zu. „Den Charakter einer Person kann man auf der Treppe noch nicht einschätzen“, sagt Maximilian Loy vom privaten Sicherheitsdienst Security First GmbH. Erst wenn die Taschen geöffnet werden müssen oder der Besucher durch die Schleuse geht, ändert sich das. „Dann merkst du schon eher, wen du vor dir hast.“ Schwere Waffen mussten er und seine Kollegin Olga Link bis dato noch nicht abnehmen. „Lediglich wenn ein Zeuge von der Feuerwehr kommt oder Jäger ist, kann es sein, dass mal ein Messer in der Tasche steckt.“

Hinter der Schleuse liegen die Verhandlungsräume für die Erwachsenen- und Jugendstrafsachen, das Zivil- und das Familiengericht. Fälle des Betreuungsgerichts, für das in Neumarkt zwei Richter tätig sind, werden eher selten im Amtsgericht verhandelt. „Hierbei handelt es sich primär um Anhörungen, die unsere Richter in das Zuhause der betreffenden Personen führen, sehr oft auch in Heime“, erklärt Dr. Harald Müller.

„Jugendliche sind formbar“

Acht Richter sind am Amtsgericht im Einsatz. Ihnen zur Seite stehen über 30 Beamte , darunter 17 Rechtspfleger. Letztere sind Beamte des gehobenen Justizdienstes, die ein gewaltiges Aufgabenspektrum abdecken. Zu ihren Aufgaben gehört das Nachlass-, Betreuungs- und Vormundschaftsrecht, Grundbuch- und Mahnverfahren, die Beratungs- und Prozesskostenhilfe und vieles andere mehr. „Unsere Arbeit umfasst auch Aspekte der Rechtssprechung“, erklärt Ina Fruth, Geschäftsleiterin und Rechtspflegerin am Amtsgericht. Mit anderen Worten: Auch das Wort der Rechtspfleger kann Gesetz sein. Sie sind weisungsfrei und haben weitreichende Befugnisse.

Macht ein Gericht die Welt besser? „Nennen Sie mich naiv, aber ich glaube daran“, sagt Jugendrichter Danny Schaller. „Speziell im meinem Fachbereich ist das so. Jugendliche sind noch formbar.“ Der Familienrichter ist da weit weniger optimistisch. „In Familiensachen braucht man schon ein ganz dickes Fell. Da werden Minenfelder betreten und es entladen sich nicht selten lange aufgestaute Emotionen.“ Emotionale Ausbrüche mögen schon mal einem Angeklagten oder den verfeindeten Parteien rausrutschen, die Richter halten sich damit generell eher zurück. „Auf den Tisch hauen und herumschreien bringt gar nichts“, sagt Schaller. „Man darf sich die Verhandlungsführung nicht aus der Hand nehmen lassen. Das geht besser in ruhigem, sachlichem Ton.“

Urteil wird umfassend erklärt

Speziell Jugendstrafsachen werden deshalb in nicht-öffentlicher Verhandlung erörtert, „damit hier keiner meint, vor einem Publikum eine Show abziehen zu müssen. Sind wir unter uns, können die Jugendlichen besser ihr wahres Gesicht zeigen“, erklärt Schaller. Wie weit er mit seiner Verhandlungsführung Erfolg hat, ist für ihn allerdings schwer zu überprüfen. „Wir sehen natürlich nur die negativen Rückkopplungen“, sagt er und meint damit, dass er nur die Wiederholungstäter wiedersieht. „Wer seine Lehre aus dem Urteil gezogen hat, der kommt nicht wieder.“

Wichtig sei es, das Urteil umfassend zu erklären. Entgegen landläufiger Meinung werden Prozesse nicht in irgendeinem Hinterzimmer, sondern im Gerichtssaal entschieden. „Hinter den Kulissen wird gar nichts ausgekartelt“, betont Schaller. „Die wahren Hintergründe sind entscheidend. Und die erfährt man erst in der Hauptverhandlung.“

Dass die Richter mit ihrer Strategie meist richtig liegen, lässt sich auch an der äußerst geringen Quote an Revisionen oder Berufungsverfahren ablesen. „Weniger als fünf Prozent unserer Verfahren werden nochmal aufgerollt oder eingehend geprüft“, sagt Müller. „Und in den meisten dieser Fälle wird unser Urteil bestätigt.“

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