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Pro und Contra

Ist E-Sport überhaupt ein Sport?

Zwei Redakteure der MZ sind unterschiedlicher Meinung, wenn es ums Profi-Zocken am Computer oder der Konsole geht.
Von Thorsten Drenkard und Lothar Röhrl

  • Thorsten Drenkard
  • Foto: Dawid Tatarkiewicz/dpa

Das denkt Thorsten Drenkard über E-Sport:

Es gab Zeiten, kaum ein halbes Jahrhundert ist das her, da war es Frauen hierzulande verboten gegen einen Fußball zu treten. Blickt man noch einige Jahrhunderte weiter zurück, dann war gar die sportliche Betätigung an sich verpönt und geächtet.

Beides ist längst Geschichte, denn alles hat seine Zeit – und in unserer heutigen, durchdigitalisierten Welt ist die Zeit des E-Sports gekommen. Den herausragenden Umgang mit Controller, Maus und Tastatur im Spielebereich als Sport anzuerkennen, wäre richtig und ist unumgänglich.

Altbackene Richtlinien

Freilich, wenn es nach den strengen und altbackenen Richtlinien des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) geht, ist E-Sport kein Sport: Schließlich übt der Daddler vor der Konsole keine besondere motorische Bewegung aus, ist er gemeinhin nicht in Vereinsstrukturen organisiert, und ob ethische Werte beim Zocken von Ego-Shootern eingehalten werden, darf angezweifelt werden.

Thorsten Drenkard
Thorsten Drenkard

Diese Richtlinien sind aber überholt, ebenso wie einst jene Ansichten, dass Frauen gefälligst nicht Fußball zu spielen hätten. Sie gehören angepasst an die Entwicklungen unserer Zeit – auch wenn diese so manchem nicht gefallen mögen.

Aber die Erde dreht sich nun einmal. Die Welt verändert sich und der Mensch erfindet sich und Dinge immer wieder neu. Das Internet und Computer sind längst ein unersetzlicher Teil unseres Lebens. Dass immer neue technische Errungenschaften von vielen Millionen Menschen zum Spielen eingesetzt werden und, dass sich dabei einige als besonders talentiert herausstellen, liegt in der Natur der Sache.

Sport als Spiegel der Gesellschaft

Sport ist schon immer ein Spiegel der Gesellschaft und schwebt nicht im luftleeren Raum. Da ist der Schritt hin zu E-Sport in der heutigen Zeit nur logisch. Diesen nun künstlich verhindern zu wollen, wäre schlicht falsch – und zudem aussichtslos. Die Branche wächst rasant – ebenso wie das Interesse am E-Sporteln oder am Zuschauen.

Auch E-Sportler wollen nicht nur zocken, sondern sich auch bewegen und körperlich aktiv sein.

Thorsten Drenkard

Tatsächlich erbringen E-Sportler herausragende Leistungen in ihrem Metier, die kein durchschnittlicher Gelegenheits-Zocker zu leisten im Stande wäre. Dadurch hebt sich der E-Sportler von der Norm ab und erbringt etwas Außergewöhnliches. Durch Untersuchungen der Sporthochschule Köln ist wissenschaftlich erwiesen, dass E-Sportler in den Bereichen der Herzfrequenz und des Blutdruck auf vergleichbarem Niveau wie Formel-1-Fahrer sind. Professionelle E-Sportler sind in diesem Sinn Leistungssportler.

Wer ein erfolgreicher E-Sportler sein möchte, sollte über eine extreme Konzentrationsfähigkeit, vorausblickendes und analytisches Denken sowie Kombinationsgeschick verfügen – ähnlich wie beim Schach. Zudem müssen Entscheidungen meist in Bruchteilen einer Sekunde gefällt werden. Wann spiele ich eine hohe Flanke, wann einen Pass in die Tiefe? Gehe ich ins Dribbling oder schieße ich?

Bei vielen Sportvereinen gibt es die Sorge, dass es noch schwerer werden könnte, junge Leute für sich zu begeistern, sollte E-Sport als Sport anerkannt werden. Diese Ängste sind unbegründet.

Auch E-Sportler wollen nicht nur zocken, sondern sich auch bewegen und körperlich aktiv sein. Das ist nur menschlich. E-Sport ist eine Erweiterung des bestehenden Sportangebots, es ist gewiss nicht das Ende des Sports.

Das denkt Lothar Röhrl über E-Sports:

Lothar Röhrl
Lothar Röhrl

Die Welt, wie sie ist, genügt nicht mehr. Darum erschaffe ich mir meine Welt, wie sie mir gefällt. Die einen werden in Strategiespielen zu Massenmördern auf dem Erdball. Die anderen verwandeln mit ihren Sticks an der Konsole ganze Milchstraßen in Feuerbälle. Und jetzt wird die virtuelle Welt auch noch mit Spielen geflutet, bei denen es um Sport geht. Die Definition „Sport“ macht sich dabei selbst lächerlich. Denn nach gutem alten Verständnis wird Sport mit Einsatz des eigenen Körpers ausgeübt. Im virtuellen Bereich reichen als körperlicher Einsatz vier Finger, zwei für Kopfhörer genügend große Ohren und eine Menge Sitzfleisch. Wer will, kann dazu noch Bauchmuskeln hinzurechnen. Füße, Beine und jede Menge anderer Muskelgruppen braucht man nicht mehr. E-Sport bedeutet die endgültige Kapitulation für alle Mediziner, die bis jetzt unermüdlich vor Haltungsschäden und Bewegungsarmut gewarnt haben. Diese sind Ursachen vieler Krankheiten.

Und nicht zuletzt von modernen Krankheiten, die sich im Bereich der Psyche befinden. Der Spruch „Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“ ist wie so vieles, was Altvordere an Weisheiten in die Welt gesetzt haben, Gesetz. Übrigens: Noch nie ist er ernsthaft wiederlegt worden. Dass ausgerechnet im Sport dieses Naturgesetz mit E-Sport außer Kraft gesetzt werden könnte, ist einer der gespielten Witze dieser Zeit.

Doch richtig ernst und letztlich allgemein gefährlich wird das Hantieren an Maschinen mit Sticks und das Hampeln durch eine virtuelle Welt, wenn man sich deren Folgen für den Geist ansieht. Wer nicht mehr weiß, wie sich ein echter Ball anfühlt, der ist nicht mehr weit weg von dem Unwissen, wie sich etwa eine echte Blume anfühlt. Die Natur, also die Wirklichkeit draußen vor den Stuben, in denen E-Sporteln stattfindet, verkommt zur reinen Kulisse. Dass sich dort mit dem dramatischen Verlust der Artenvielfalt oder der nicht mehr aufzuhaltenden Total-Vermüllung der Meere durch Plastik ein Weltuntergang abspielt, ist real. Dieser ist auch nicht mit dem Aus-Knopf an der Spiele-Konsole wegzubekommen.

Die Konsumenten von Spielkonsolen drohen aber eher zu Körper- und vor allem zu Geisteskrüppeln zu werden.

Lothar Röhrl

Ob E-Sport, Training von taktischem Denken oder auch nur simplem Gefallen an technischen Möglichkeiten der Computer: Mit Entwicklung und Förderung von Empathie haben diese Spielchen nullkommanull nichts zu tun. Mit Bewusstsein für alles, was diese Erde zur Vermeidung weiterer mensch-gemachter Katastrophen für ihren Fortbestand bräuchte, erst recht nicht.

Hauptsache: Spielkonsole an und rein ins Virtuelle. Und parallel dazu: Gefühle aus und rein mit dem Kopf in den Sand. Irgendwie scheinen ohnehin langsam auch die letzten Gesetze der Logik außer Kraft gesetzt. E-Sport ist aus diesem Blickwinkel nicht weniger pervers als ein Killerspiel. Außerdem: Das Gefühl einer echten Niederlage etwa als „Letzter beim 1000-Meter-Lauf“, als vom reaktionsschnelleren Gegner beim Boxen Niedergestreckter und nicht zuletzt als Senior, der nicht mehr so mit dem Ball umgehen kann wie damals mit 15, ist wertvoll. Das ist das wahre Leben. Und echter Sport ist mit all seinen Siegen und erst recht Niederlagen wahre Lebensschule.

Genau diese gaukeln leider auch Spielekonsolen vor. Deren Konsumenten drohen aber eher zu Körper- und vor allem zu Geisteskrüppeln zu werden.

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