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Geschichtsstreit

Ist Gluck doch in Weidenwang geboren?

Der Berchinger Arzt Dr. Werner Robl greift den alten Streit um den Geburtsort auf - und führt ganz neue Argumente an, die gegen Erasbach sprechen.
Von Dagmar Fuhrmann

Diese Perspektive in Weidenwang zeigt Glucks Taufkirche, sein vermutetes Geburtshaus (links, gelb) und Dr. Werner Robl am Gluckdenkmal. Foto: Fuhrmann

Berching. Erasbach oder doch Weidenwang? Die Diskussion um Christoph Willibald GlucksGeburtsort ist genau 100 Jahre alt und nie ganz beendet. Es ist der Berchinger Hausarzt und Hobby-Historiker Dr. Werner Robl, der sie nun wieder aufrollt und zu der Überzeugung gelangt, dass Gluck doch in Weidenwang geboren wurde.

Was bringt einen Berchinger Hausarzt dazu, in die Musikgeschichte einzugreifen und auf der Ansicht zu beharren, dass Gluck in Weidenwang geboren wurde? Diese Frage beantwortet Robl in seiner geschichtlichen Abhandlunggleich selbst: Sicher nicht, weil er der einen Ortschaft den Vorzug gegenüber der anderen geben würde. Da seien ihm beide Orte, die er des Öfteren im Rahmen seiner beruflichen Aufgabe besucht, gleich recht und gleich viel wert. „Nein - es geht um etwas ganz anderes, es geht um den vorurteilsfreien Umgang mit geschichtlichen Quellen,“ schreibt Robl.

Frage nach den Lebensumständen

Vorurteilsfreier Umgang, das bedeute für ihn, die Frage zu stellen, wie die Lebensumstände der Menschen damals waren und welche Schlüsse sich daraus historisch ergeben, sagt Robl der Mittelbayerischen Zeitung. Das sei auch im Fall Gluck seine Motivation gewesen, den Dingen genauer auf den Grund zu gehen. So sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Weidenwanger Recht haben mit der überlieferten Meinung: Gluck ist in Weidenwang geboren. „Dem Ort muss Gerechtigkeit widerfahren“, sagt Robl.

Es ist genau 100 Jahre her, dass dies infrage gestellt wurde. Auch dies lässt sich in der Abhandlung von Dr. Robl nachlesen, die mit den entsprechenden historischen Quellen versehen ist, die nur eben nach den Wahrscheinlichkeiten menschlichen Verhaltens interpretiert werden.

Es war der Pfarrer und Amateurhistoriker von Sulzbürg, Franz Xaver Buchner, der anlässlich Glucks 200. Geburtstag behauptete, dass Erasbach sowohl Geburts- als auch Taufort sei. Robl begründet in seiner Abhandlung ausführlich, warum er darin eine historiographische Fehlleistung sieht. Er führt unter anderem an, dass die Erasbacher vor Buchners Behauptung niemals den Weidenwanger Ansprüchen auf Gluck widersprochen hätten. Außerdem habe Buchner die in Weidenwang lebendige Erinnerung mit dem Totschlagargument abgetan, dass sich die Weidenwanger ja gar nicht mehr so lange zurück erinnern könnten.

Robl schildert, was das Ehepaar Walburga und Alexander Gluck beim Dienstantritt als Jäger im Auftrag der Obrigkeit erwartete, als es von Neustadt kommend mit dem Pferdefuhrwerk 1711 oder 1712 ankam. Bei den Bauern von Erasbach und Weidenwang herrschte gegen „pfalzgräfliche“ oder „kurfürstliche Jäger“ oder „Förster“ erbitterte Ablehnung. In Erasbach hatte der Hass ein Jahr zuvor bereits zu einem Mordfall an einem Unterförster geführt.

Glucks wussten über Mord Bescheid

Robls Weg, der Geschichte auf die Spur zu kommen, besteht auch darin, sich in die Menschen hineinzuversetzen. Und so geht er davon aus, dass die Glucks von dem Erasbacher Mord unterrichtet waren und deswegen gleich nach Weidenwang zogen. Hier hatte nämlich das Kloster Seligenporten einen Stab an Dienstleuten vor Ort, die als Zugezogene den Glucks wohlgesonnen gewesen sein dürften. Gluck sollte als Doppelaufgabe Förster für das Kloster Seligenporten und Jäger in Erasbach sein.

„Zu diesen Dienstleuten des Klosters zählte auch der künftigen Taufpate Christoph Willibald Glucks, Christoph Fleischmann. Er betrieb im Ort nicht nur die Gastwirtschaft des Klosters, sondern auch dessen Bäckerei; deshalb dürfte er bei den Einheimischen beliebt und geachtet gewesen sein. In diesem Haus stellte das Kloster (…) den Glucks eine Dienstwohnung zur Verfügung“, schreibt Robl. Und hier - in der Gastwirtschaft, die übrigens bis in die 2000er Jahre erhalten blieb - vermutet er auch das Geburtshaus. Dass diese Ehre fälschlicherweise dem Forsthaus zugesprochen wurde, das tatsächlich erst Jahre nach Glucks Geburt erbaut wurde, sei der ungenauen mündlichen Überlieferung geschuldet.

Gefährlicher Job an der Grenze

Es sei ein gefährlicher Job gewesen, den Alexander Gluck ausübte. Er musste sich mit Wilderern und Schmugglern an der Grenze zwischen dem Hochstift Eichstätt und dem damaligen kurpfälzischen Hoheitsgebiet, die bei Weidenwang und Erasbach verlief, auseinandersetzen. Als verhasster Erasbacher Jäger fühlte er sich zunächst in Weidenwang wohler, wollte aber allmählich seine Fühler nach Erasbach ausstrecken. Und so baute er sich laut belegter Quellen 1713 in Erasbach ein Haus. Allein deswegen sei Erasbach von Buchner als Geburtsort festgesetzt worden, so Robl. Seiner festen Überzeugung nach, die er auf seine medizinhistorischen Kenntnisse stützt, widerspreche dies aber aller Lebenserfahrung. Zum einen musste ein Haus der damaligen Zeit einer funktionierenden Landwirtschaft angegliedert sein und Vorräte eingelagert haben, die Bewohner wären sonst im Winter in höchste Bedrängnis gekommen .

Das sei in der kurzen Zeit zwischen dem überlieferten Hausbau im Herbst 1713 und der Geburt im Juli 1714 niemals zu schaffen gewesen. Gluck werde also die kostenlose Dienstwohnung mit den vorhandenen hauswirtschaftlichen Strukturen im Hause Fleischmann beibehalten haben, vermutet Robl. Zum anderen sei eine Geburt vor 300 Jahren eine gefährliche Sache gewesen, bei der sich die werdende Mutter einen Pfarrer für eine Nottaufe in der Nähe wünschte. Die geschichtlichen Quellen würden einwandfrei belegen, dass es in Erasbach keine funktionsfähige Kirche gab - sie war im 30-jährigen Krieg zerstört worden und noch nicht wieder aufgebaut - und auch keinen eigenen Pfarrer, wohl aber in Weidenwang. Was liege da also näher, als dass die junge Frau Gluck in Weidenwang entbunden habe, wo alles Notwendige für eine unerfahrene Erstgebärende vorhanden war.

Musikgenie in Erasbach geformt

Robl vermutet sogar, dass Frau Fleischmann eine Hebamme war, denn Christoph Fleischmann war Taufpate für viele Weidenwanger Kinder und es gab hier vielleicht sogar eine Art Entbindungs- und Wöchnerinnenstube. Auch dass der taufende Pfarrer Simon Papst in Christoph Willibald Glucks Taufeintrag beim Paten und Kindsvater nicht unterschied zwischen W: (Weidenwang) und E: (Erasbach), wie er es zwei Jahre später bei Glucks jüngerem Bruder tat, ist für Robl das Zeichen, dass er es nicht musste. „Denn Christoph war ja in Weidenwang geboren und getauft, die Eltern wohnten noch dort, warum sollte er also unterscheiden.“

Er wolle nicht den alten Streit befeuern, sagt Robl abschließend. Daher ist ihm ein Punkt noch sehr wichtig, der unbedingt genannt werden soll: „Alle Fähigkeiten, die den späteren Musiker Gluck ausmachten, haben sich zweifellos in der Kleinkindzeit in Erasbach entwickelt. Wie zum Beispiel das musikalische Gehör.“ Dass er dennoch auf Weidenwang als Geburtsort beharrt, sei lediglich dem Wunsch geschuldet, die falsche Geschichtsschreibung zu korrigieren.

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