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Gesellschaft

Kinder sollen gesund und glücklich sein

Der Landkreis Neumarkt will Hilfsangebote für Familien besser an den Bedarf anpassen und den Kinderschutz optimieren.
Von Eva Gaupp

Viele Paare wünschen sich ein Kind, das ihr Glück perfekt macht. Doch manchmal beginnen dann die Probleme.  Foto: Axel Heimken
Viele Paare wünschen sich ein Kind, das ihr Glück perfekt macht. Doch manchmal beginnen dann die Probleme. Foto: Axel Heimken

Neumarkt.Ein erfolgreicher Vater. Die Mutter attraktiv, wäscht, putzt, kocht, hält den Garten in Schuss, zieht wohlgeratene Kinder groß und geht ganz nebenbei noch zur Arbeit. Dieses Bild einer perfekten Familie beherrscht heute die Gesellschaft. Aber dieses Klischee macht Mütter auch krank. Und die Kinder. Denn die Realität sieht anders aus. Immer öfter brauchen Familien professionelle Hilfe. Das Familiennetzwerk KoKi will deshalb das Beratungsangebot im Landkreis Neumarkt optimieren.

Eltern müssen gesund sein

Ein Fachtag am Samstag im Landratsamt gab dafür den Startschuss. Die rund 100 Teilnehmer sind Lehrer, Erzieher, Ärzte, Therapeuten, arbeiten in ganz unterschiedlichen Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien. Anfang Oktober hatte sich der Landkreis Neumarkt verpflichtet, dem bundesweiten Partnerprozess „Gesundheit für alle“ beizutreten. Die Neumarkter Koordinierende Kinderschutzstelle KoKi – Netzwerk frühe Kindheit setzt als Initiatorin dabei den Fokus auf den Kinderschutz. Doch Kinder brauchen psychisch gesunde Eltern. Das ist eine wichtige Erkenntnis.

Neben den Referenten des KoKi-Fachtags waren auch die Leiter des Kreisjugendamts, André Schilay (2.v.li.), und des Gesundheitsamts, Dr. Christa Büchl (4.v.li.), vertreten. Foto: Josef Wittmann
Neben den Referenten des KoKi-Fachtags waren auch die Leiter des Kreisjugendamts, André Schilay (2.v.li.), und des Gesundheitsamts, Dr. Christa Büchl (4.v.li.), vertreten. Foto: Josef Wittmann

Die fünf Referenten zeigten auf, dass die Begleitung und Beratung möglichst bei der Schwangerschaft beginnen sollte. Denn 10 bis 15 Prozent der Frauen entwickeln bereits während oder nach der Schwangerschaft eine Depression, sagte Dr. Susanne Simen. Die Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie leitet die Mutter-Kind-Tagesklinik im Klinikum Nürnberg-Süd. Bei rund 1000 Geburten in Neumarkt seien dies immerhin etwa 100 bis 150 betroffene Frauen.

Medizin

Kinderseele als Spiegel der Gesellschaft

MZ-Themenwoche: Psychiater wie Dr. Kohlmann und Dr. Niebler erstellen eine Diagnose und schlagen Therapien vor.

Diese versuchten alles, damit es ihren Kindern gut geht – nur, sie können es nicht. „Sie haben keine Kraft, keine Energie, haben kein Gefühl für das Kind.“ Doch gerade in den ersten Lebensmonaten entwickelt ein Mensch seine Bindungsfähigkeit. Diese Mütter fühlten sich deshalb als „Rabenmütter“. Ein Schimpfwort, das die Medizinerin liebevoll ausspricht. „Unsere Rabenmütter sind ganz tolle Mütter.“ Aber sie müssten behandelt werden.

Dr. Simen empfiehlt deshalb ein Screening, eine Befragung aller Schwangeren, um möglichst frühzeitig von seelischen Problemen zu erfahren – und dann möglichst schnell Unterstützung zu ermöglichen. Das gilt auch für Frauen mit Gewalterfahrungen. „Traumatisierte Frauen können die Geburt als Retraumatisierung erleben, wenn sie sich erneut ausgeliefert fühlen“, erklärte Simen.

Dr. Susanne Simen, Dr. Matthias Niebler und Prof. Dr. Johannes Bach stellten sich den Fragen des Publikums. MZ-Redaktionsleiterin Eva Gaupp moderierte den Fachtag.
Dr. Susanne Simen, Dr. Matthias Niebler und Prof. Dr. Johannes Bach stellten sich den Fragen des Publikums. MZ-Redaktionsleiterin Eva Gaupp moderierte den Fachtag.

Was es für Kinder bedeuten kann, mit einem psychisch kranken Elternteil aufzuwachsen, verdeutlichte der Neumarkter Facharzt für Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychiatrie, Dr. Matthias Niebler. Kranke Eltern neigen eher zu aggressivem Verhalten, sind unberechenbarer, vernachlässigen ihre Kinder. Gleichzeitig übernehmen Kinder oft die Verantwortung der Erwachsenen, und das Risiko, selbst psychisch auffällig zu werden, steige um das drei- bis siebenfache. „50 Prozent dieser Kinder sind gefährdet, selbst psychisch krank zu werden“, so der Experte. Allerdings wies er auch darauf hin, dass weitere Faktoren und die äußeren Umstände dabei eine wichtige Rolle spielten.

Kinderschutzgruppen existieren an Kliniken in Amberg, Nürnberg-Süd, Fürth, Landshut und Regensburg. Foto: Julian Stratenschulte
Kinderschutzgruppen existieren an Kliniken in Amberg, Nürnberg-Süd, Fürth, Landshut und Regensburg. Foto: Julian Stratenschulte

Wozu überforderte, kranke oder Eltern mit Suchtproblemen im schlimmsten Fall in der Lage sind, berichtete die Kinderschutzmedizinerin Pia Manjgo. Das Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut verfügt über eine Kinderschutzgruppe und eine Kinderschutzambulanz. Die Fachrichtung Kinderschutzmedizin ist noch neu und derzeit gibt es erst 180 dieser Fachärzte in Deutschland. Manjgo zeigte Bilder misshandelter Kinder und stellte klar, wie schwierig es ist, einer Misshandlung auf die Spur zu kommen und zu belegen, dass es sich tatsächlich um eine solche handelt.

Themenwoche

Es gibt mehr psychisch kranke Kinder

ADHS, Depressionen, Schlafstörungen, Ängste – warum steigt die Zahl der Diagnosen auch im Landkreis Neumarkt?

Viele Fehler im System

Doch wie findet man das heraus? Eine Frage, die Erzieher wie auch Lehrer und Sozialpädagogen umtreibt, wie eine Teilnehmerin im Publikum bestätigte. Konkrete Antworten erhielten sie von Prof. Dr. Johannes Bach. Denn der Diplom-Psychologe und Diplomtheologe arbeitet als Sachverständiger für das Familiengericht.

Eine Kinderschutzgruppe in Neumarkt wäre sicher wünschenswert, sagte Kinderarzt Dr. Harald Lodes. „Aber dazu fehlt die Infrastruktur.“ Deshalb werde in Neumarkt mit der Kinderschutzgruppe in Nürnberg zusammengearbeitet. Lodes zeigte auch auf, wo das System versagt: Immer weniger Kinderärzte hätten immer mehr Patienten, gleichzeitig vergüten die Krankenkassen viele Beratungsleistungen nicht. Jedoch sei der Kinderarzt oft derjenige, der Eltern zur Seite stehe – und das nicht nur, wenn ein Kind krank wird, sondern auch bei familiären Problemen. Auch die Bürokratie werde immer schlimmer, kritisierte der Oberarzt an der Neumarkter Kinderklinik. Man müsse die Strukturen kennen, um Eltern an die richtige Beratung weiterverweisen zu können.

Lodes ging auch Dr. Simen auf das Bild der perfekten Familie ein. Im Alltag erlebe er immer öfter verunsicherte Eltern. „Sie stehen aufgrund eigener unrealistischer Erwartungen und solcher der Gesellschaft an sich und an die Kinder unter enormem Druck.“

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