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Energiewende

Klärschlamm ist vielseitger als gedacht

In dem vermeintlichen Abfallprodukt steckt mehr als auf den ersten Blick ersichtlich. Ein Besuch bei Huber SE in Erasbach.
Markus Rath

In einem großen Gewächshaus in Erasbach wird der Klärschlamm, unterstützt von Solarenergie, getrocknet. Fotos: Huber SE/Rath
In einem großen Gewächshaus in Erasbach wird der Klärschlamm, unterstützt von Solarenergie, getrocknet. Fotos: Huber SE/Rath

Erasbach.Diese eine Frage beschäftigt Städte und Gemeinden im Landkreis Neumarkt: „Wohin mit dem Klärschlamm?“ Verseucht mit Giftstoffen und Mikroplastik ist dieser nämlich gleichzeitig Energieträger und wertvoller Rohstofflieferant.


Klärschlamm ist eine Substanz, die Probleme und Nutzen in sich vereint. Dabei gibt es zwei Faktoren, die vor allem auch kleine Gemeinden vor schier unlösbare Probleme stellen: Novellierungen der Klärschlammverordnung, der Düngemittelverordnung und der Düngeverordnung führen dazu, dass die einst stark verbreitete Verwertung des Klärschlamms in der Landwirtschaft stark eingeschränkt wird. Außerdem ist vor allem das im Klärschlamm enthaltene Phosphor ein wichtiger und endlicher Rohstoff, den der Mensch aber unbedingt braucht, um seine Felder ertragreich zu bewirtschaften.

Deshalb darf künftig Klärschlamm mit mehr als 20 Prozent Phosphoranteil nur dann verbrannt werden, wenn dieser Rohstoff aus der Asche zurückgewonnen wird. Da die landwirtschaftliche Verwertung trotz vorhandener Übergangsfristen schon jetzt immer weiter zurückgeht und die Kapazitäten für die thermische Verwertung, sprich die Verbrennung, nicht in dem Maße vorhanden sind wie notwendig, steigen die Preise so extrem, dass selbst Markus Gleis vom Umweltbundesamt einräumt, dass dies für die Betreiber kleiner Anlagen existenzbedrohend wirkt. Durch die Düngeverordnung brächen vielen Gemeinden die Abnehmer weg. Gleis: „Folglich sind die Übergangsfristen Makulatur.“

Aktuelle Situation

Die Gemeinden schicken viele Tonnen Wasser mit Lastwagen auf die Reise und geben viel Geld aus: In Berching wird der Klärschlamm aus dem Nachklärbecken entnommen und in den Faulturm gepumpt, wo Klärgas daraus erzeugt wird. Danach wird er in einer Zentrifuge entwässert und in Container gefüllt, die regelmäßig abgeholt, in Trocknungsanlagen gefahren und anschließend meist in der Zementindustrie verbrannt werden. Das hat zur Folge, dass kein Phosphor zurückgewonnen wird.

Nordisches Vorbild für den Landkreis

  • Vorteil:

    Die Gemeinden sind unabhängig von externen Dienstleistern und dadurch bleiben die Entsorgungskosten für den Klärschlamm überschaubar.

  • Effizient:

    Die energieintensive Klärschlammtrocknung erfolgt an drei Orten. Dabei wird überschüssige Wärmeenergie verwendet. Gleichzeitig werden so Transportwege reduziert.

  • Nutzung:

    Die Verbrennung des Klärschlamms erfolgt in Rostock. Die so gewonnene Energie wird in das Fernwärmenetz der Stadt eingespeist. Aus der Asche können wertvolle Rohstoffe zurückgewonnen werden. Der Klärschlamm selbst wird so zu einem transportablen Energiespeicher.

Zudem liegt der Trockensubstanz-Gehalt (TS-Gehalt) des Berchinger Klärschlamms bei der Abholung laut Thomas Lindner, Leiter des Berchinger Bauamts, bei 23 Prozent. Das heißt, pro Jahr fährt allein die Stadt Berching 340 Tonnen Wasser spazieren. Gleichzeitig steigt der Preis für die Tonne Klärschlamm von Jahr zu Jahr. Wurden früher 40 Euro pro Tonne bezahlt, waren es 2015 schon 80 Euro. 2019 liegt der Preis bei 120 Euro und die Tendenz zeigt klar nach oben, berichtet Lindner, der auf eine interkommunale Lösung für dieses Problem hofft. Denn das Beispiel Berching steht exemplarisch für die meisten Gemeinden im Landkreis.

Trocknung vor Ort

Nach der Solartrocknung bleibt vom Schlamm ein Granulat übrig. Foto: Huber SE
Nach der Solartrocknung bleibt vom Schlamm ein Granulat übrig. Foto: Huber SE

Ein Blick auf Freystadt: Ein erster Schritt in die Klärschlammbehandlung der Zukunft. Seit gut einem Jahr ist an der Kläranlage Freystadt eine Solartrocknungsanlage in Betrieb. Der entwässerte Schlamm wird dabei in einer Gewächshauskonstruktion verteilt und durch die Einstrahlung der Sonne zu einem stabilen und geruchsfreien Granulat homogen durchgetrocknet. Dabei wird die notwendige Verdunstungsenergie kostenlos von der Sonne bereitgestellt. Kern des Verfahrens ist ein Schlammwender, der das Ausbreiten, Granulieren, Belüften, Wenden und Mischen des Schlammes übernimmt. „Wir sind mit dem Betrieb zufrieden“, zieht Bürgermeister Alexander Dorr ein positives Fazit. Die Transport- und Entsorgungskosten für den Klärschlamm sind in Freystadt damit deutlich gesunken. Dörr: „Wir haben das durchkalkuliert und gehen davon aus, dass sich die Investitionskosten nach rund zehn Jahren amortisiert haben.“ Damit sei Freystadt vielleicht einen kleinen Schritt weiter als andere Kommunen im Landkreis, die ihren Klärschlamm vor der Entsorgung nur entwässern.

Interkommunaler Ansatz

Im Faulturm in Erasbach wird dem Klärschlamm Wasser entzogen und Biogas hergestellt. Foto: Rath
Im Faulturm in Erasbach wird dem Klärschlamm Wasser entzogen und Biogas hergestellt. Foto: Rath

Im Landkreis Neumarkt arbeiten 19 Gemeinden gemeinsam an einer Lösung: Egal, ob Klärschlamm wie in Berching nur entwässert oder wie in Freystadt getrocknet wird, bleiben hohe Kosten für die Entsorgung. Zudem geht der wertvolle Phosphor verloren. Deshalb erstellt das Institut für Energietechnik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule GmbH (IfE) aktuell ein Konzept zur energetischen Klärschlammverwertung im Landkreis. Aus dem Abfallprodukt sollen Strom, Wärme, Phosphor und andere wertvolle Rohstoffe gewonnen werden. Gleichzeitig sollen die Entsorgungskosten für den Klärschlamm mittel- und langfristig kalkulierbar sein. Die bis jetzt erfolgten Untersuchungen zeigen, dass es im Landkreis Neumarkt bisher zu wenige stationäre Entwässerungsanlagen gibt. Hier müssten die Gemeinden gezielt nachrüsten und sich auch insoweit zusammenschließen, dass eine Biogaserzeugung wirtschaftlich Sinn macht. Dorr: „Hier haben wir auch in Freystadt noch Nachholbedarf.“

„Klärschlamm ist nicht nur ein wertvoller Rohstoff, sondern auch ein transportabler Energiespeicher.“

Prof. Dr. Norbert Dichtl, TU Braunschweig

Der nächste Schritt wäre dann eine gezielte Nutzung von vorhandenen Wärmequellen zur Klärschlammtrocknung. Hier böten sich Biogasanlagen in den Gemeinden Pilsach, Freystadt und Breitenbrunn ebenso an wie eine Solartrocknung an der Kläranlage. Offen ist die Frage der thermischen Verwertung. Diese soll auf jeden Fall so erfolgen, dass eine Phosphorrückgewinnung aus der Asche möglich ist. Würde dies im Landkreis selber passieren, entstünde ein regionales Kreislaufsystem. Der Blick geht laut Dorr auch nach Straubing, wo die Bevölkerung in einem Bürgerentscheid grünes Licht für den Bau einer solchen Anlage gegeben hat. Dort sollen künftig 120 000 Tonnen Klärschlamm pro Jahr – und damit mehr als in Straubing anfallen – verbrannt werden. Die gewonnene Energie soll im Hafenviertel bereitgestellt werden.

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