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Soziales

Kostenloser Haarschnitt für Bedürftige

Friseur-Meisterin Sylvia Engelhardt engagiert sich bei den Barber Angels. Bald wirkt diese Organisation erstmals in Neumarkt.
Von Lothar Röhrl

  • Sylvia Engelhardt ist ein Barber Angel: Ihre „Dienstkleidung" gleicht einer Rocker-Kutte. Zu den Aufnähern zählt ihr Angel-Name "Tschajo".
  • Unter anderem eine Lese- und eine Sonnenbrille ist in einem Goodybag, das jedem "Gast" nach seinem Besuch mitgegeben wird.
  • Der spannendste Moment für jeden „Gast“ genannten Kunden ist, wenn er nach dem Schnitt erstmals in einen Spiegel sehen kann. Dann sieht er in ein stark verwandeltes eigenes Antlitz.

Neumarkt.Gratis-Haarschnitt für Obdachlose und Bedürftige. Das Prinzip dieser Hilfe ist so einfach wie von den Betroffenen höchst willkommen: Alle drei Monate ist ein Termin in irgendeiner bayerischen Stadt angesetzt. Mit Gutscheinen ausgestattet kommen in diesem Fall „Gäste“ genannten Kunden zum Treffpunkt. Drei Stunden dauert jede Aktion der „Barber-Angels“ genannten Vereinigung von Friseuren. Mit Sylvia Engelhardt gibt es nun auch ein Mitglied aus Neumarkt. Und die sorgt im November für einen ersten Termin dieser Art der Hilfe auch in Neumarkt.

Die Barber-Angels sind eine internationale Vereinigung, die in Deutschland als gemeinnütziger Verein anerkannt ist. Ihr gemeinsames Ziel: Sie wollen auf der Straße lebenden oder von schwierigen sozialen Rahmenbedingungen betroffenen Menschen mit Haareschneiden sowie Bartschneiden n oder Tageskosmetik zu einem Aussehen verhelfen, das ihnen Würde gibt. Alle drei, vier Monate wird deshalb von den Barber Angels in einer Stadt ein Termin angeboten. Die Premiere in Neumarkt findet in den Räumen des Leb-mit-Ladens statt. Der stattet seine Kunden auch mit jenen Berechtigungsgutscheinen aus, welche die von Barber Angels „Gäste“ genannten Kunden bei der Premiere im November mitbringen sollen. Das ist die einzige Bedingung für den danach kostenlosen Service.

Schnell zu hoher Wertschätzung

Seit 2016 gibt es die „Barber Angels Brotherhood“. Drei Jahre später nahm stellvertretend für alle Aktiven der Initiator der Vereinigung, Claus Niedermaier aus Biberach an der Riß heuer im Mai eine besondere Auszeichnung entgegen. Im Palais du Luxembourg, dem Sitz des Oberhauses des französischen Parlaments, erhielt die Hilfsorganisation die höchste Auszeichnung der Vereinigung „Grand Prix Humanitaire de France“ (GPHF) entgegen: die Goldmedaille am Bande als Preis für Menschlichkeit. Somit sind die Barber Angels gar die ersten Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg, die diese Auszeichnung bekommen haben.

Der besondere Salon: In Zusammenarbeit mit der Bahnhofsmission wurde heuer Bahnsteig 1 im Augsburger Hauptbahnhof zu einem solchen Salon.
Der besondere Salon: In Zusammenarbeit mit der Bahnhofsmission wurde heuer Bahnsteig 1 im Augsburger Hauptbahnhof zu einem solchen Salon.

Die 1892 gegründete Vereinigung GPHF würdigt mit ihren undotierten Auszeichnungen jährlich Frauen und Männer, die in Not geratenen Mitmenschen unentgeltlich Hilfe leisten. „Die Bedeutung dieser Auszeichnung treibt uns an, weiterzumachen – und das in inzwischen fünf europäischen Ländern“, sagte damals Claus Niedermaier. Ein Abzug dieser Urkunde hängt auch im Neumarkter Salon von Sylvia Engelhardt.

Seit 2019 ein „Angel“

Die Thalmässingerin ist seit 40 Jahren Friseurin. Seit fünf Jahren betreibt sie in der Neumarkter Kastengasse 7 den Barber-Shop. Heuer trat sie den Barber Angels bei. Mittlerweile ist sie im Rang eines „Apostels“ tätig.

Heuer in Augsburg: Der ICE im Hintergrund verrät, dass der Friseursalon der b-a-b dieses Mal auf einem Bahnsteig eingerichtet war.
Heuer in Augsburg: Der ICE im Hintergrund verrät, dass der Friseursalon der b-a-b dieses Mal auf einem Bahnsteig eingerichtet war.

Wer als „Angel“ mitmachen will, muss als Grundvoraussetzung Friseur gelernt haben. Dann muss er als Gast-Angel in zwei, drei Einsätzen mitmachen. Das dient vor allem dazu, um selbst zu sehen, ob man bereit ist, die Geschichten der oftmals von schweren Schicksalen getroffenen Menschen zu verarbeiten und wegzustecken.

Man erfahre oft sehr viel über einen „Gast“ und merkt: „Ganz unten ist man ganz schnell. Krankheit, Scheidung, Verlust des Arbeitesplatzes werfen viel aus der Bahn“, betonte Sylvia Engelhardt im Gespräch mit der Mittelbayerischen.

Jeder kann mithelfen

Wichtig ist: Nicht nur Friseure können mitmachen, denn es werden auch Helfer für die einzelnen Angebote gesucht. Diese werden Orga-Angels genannt. Denn es muss auch für Sauberkeit gesorgt werden. Außerdem erhält jeder „Gast“ ein Goody-Bag. Das ist ein kleines Säckchen, das eine Sonnen- oder Lesebrille sowie Produkte zur Körperpflege enthält. Diese werden mit Hilfe der Unterstützer dieser Bruderschaft wie Apollo-Optik oder der DM-Drogeriemarktkette gefüllt.

Während des Schnitts bekommt kein „Gast" mit, wie sich sein Äußeres langsam verändert. Erst danach darf er in einen Spiegel schauen – und das erfreut die meisten doch sehr.
Während des Schnitts bekommt kein „Gast" mit, wie sich sein Äußeres langsam verändert. Erst danach darf er in einen Spiegel schauen – und das erfreut die meisten doch sehr.

Für Sylvia Engelhardt ist das Jahr mittlerweile stark, aber nicht belastend durch ihre Einsätze geprägt. Wenn Friseure am Sonntag und vor allem Montag frei haben, sind Barber Angels wie Sylvia Engelhardt unterwegs. Burghausen, Regensburg und Passau etwa sind solche Einsatzorte im sogenannten „Chapter“ Bayern. Dieses „Chapter“ ist nach dem Bundesland genannt, in dem die Einsatzorte liegen. Auch das lässt sich von der schwarzen Kutte ablesen, die Sylvia Engelhardt trägt.

Rund um die Barber Angels

  • Gründer:

    Der Biberacher Friseur Claus Niedermaier hatte vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm über Obdachlose im Winter in München gesehen und beschlossen, mit seinem beruflichen Können etwas zu unternehmen, um Armen zu helfen. 2016 gründete er mit vier Gleichgesinnten die „Barber Angels Brotherhood“ (etwa: Bruderschaft der Friseur-Engel) gegründet.

  • Zwischenbilanz:

    Inzwischen beteiligen sich daran mehr als 300 Friseurinnen und Friseure - vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich, in der Schweiz, in Spanien und in den Niederlanden. Bei Einsätzen in etlichen Orten unter anderem heuer beim Rockfest in Wacken haben sie bislang eigenen Angaben zufolge rund 40 000 Menschen kostenlos frisiert.

  • Spendenkonto:

    Barber Angels Brotherhood e.V.; Volksbank Biberach Konto/Iban: DE22 6309 0100 0115 1160 01 Betreff: BAB Spende

  • Mitgliedschaft:

    Jedes Mitglied der Barber Angels zahlt monatlich 15 Euro, ganzjährig sind es 180 Euro an Clubbeitrag. Alle Club-Kollegen erhalten ihren exklusiven Barber Angels-Namen, Zugriff zur eigenen Barber Angels-Bekleidung im unverwechselbaren Bikerstil und Zugang zum Schulungskonzept der Bruderschaft.

  • Internet:

    www.b-a-b.club.

Dass eine solche Jacke einer Kutte eines Mitglieds eines Motorradclubs stark ähnelt, ist gewollt. „Wir wollten das Image von Schickimicki ablegen. Die Kutte trägt auch dazu bei, Hemmungen im Umgang mit uns abbauen zu wollen. Wir wollen mit unseren Gästen auf Augenhöhe umgehen.“

Keine Berührungsängste und die Vorfreude auf einen Haarschnitt hier; das Wissen darum, dass in dieser Gesellschaft vieles in der Beurteilung eines Menschen von dessen Äußerem abhängt dort: So treffen ein „Gast“ und ein Barber Angel aufeinander.

Die schönste "Bezahlung" ist für viele Barber Angels der Moment, wenn ihm ein "Gast" als Dankeschön um den Hals fällt.
Die schönste "Bezahlung" ist für viele Barber Angels der Moment, wenn ihm ein "Gast" als Dankeschön um den Hals fällt.

Meistens sehen Höhepunkt und Finale eines solchen Kontakts so aus, wie ihn Sylvia Engelhardt der MZ beschrieben hat: „Der Gast kann nicht mitverfolgen, wie sich durch das Schneiden sein Äußeres verändert. Das Ergebnis sieht er, wenn sie oder er in den Spiegel schaut, den wir danach dem Gast vorhalten.“ Zu der meist gar überschwenglichen freudigen Reaktion danach hat Sylvia Engelhardt der MZ verraten: „Da habe ich selbst schon die eine oder Träne der Freude vergossen.“

Viele sind schüchtern und mit hängenden Schultern rein und dann um einiges aufrechter in der Körperhaltung raus. Das gebe ihr die größte Genugtuung, merkte Engelhardt an.

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