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Behindertenbeirat

Mehr Zeit für Patientengespräche

Experte Dr. Schramm kritisiert in Neumarkt das Gesundheitssystem: Es finanziere Technik und Operationen, aber nicht die menschliche Betreuung.
Von Lothar Röhrl

OB Thomas Thumann (li.) und Behindertenreferent Bernhard Lehmeier begrüßten den Gesundheitsexperten Dr. Axel Schramm zu einem Gespräch mit Vertretern des Behindertenbeirats. Foto: Röhrl

Neumarkt. Für einen kurzen Moment war am späten Mittwochnachmittag der ehemalige CDU-Finanzexperte und Merkel-Gegner Friedrich Merz im Besprechungszimmer des Rathauses III geistig anwesend. Und zwar in dem Moment, als der Erlanger Gesundheitsexperte Dr. Axel Schramm vor dem Behindertenbeirat der Stadt davon sprach, dass ein Gesundheitssystem, das auf einen Bierdeckel passen würde, das beste wäre.

Schramm wandelte so einen berühmt gewordenen Merz-Ausspruch ab. Merz hatte damals das Steuerrecht derart vereinfachen wollen, dass jeder Bürger seine Steuererklärung auf einem Bierdeckel erledigen kann.

Schramm: Es gäbe genug Geld

Mehr als die Forderung nach einem einfacheren Gesundheitssystem, schmerzt Schramm, wie das deutsche Gesundheitssystem Ärzte und Patienten gegeneinander aufbringe. Schlimmster Beleg des seiner Meinung nach „marode“ gewordenen Medizinsektors sei, dass es mittlerweile ebenso ein Ärzte-Hasser-Buch wie ein Patienten-Hasser-Buch gebe. Dabei wäre genügend Geld vorhanden, um etwas Vernünftiges anzufangen, sagte Schramm, der als Oberarzt der Neurologie an der Uniklinik Erlangen arbeitet. Doch es würden die falschen Anreize geschaffen.

Damit meinte er die „technische Medizin“. Denn in keinem anderen Land werde so viel operiert wie in Deutschland. Als Beispiel führte er die Lage bei Hüft-, Knie- und Katheter-Operationen an: Hier liege Deutschland im internationalen Vergleich an der Spitze. Für das, was Patienten am meisten bräuchten, nämlich ein ausführliches Gespräch mit einem Arzt gebe es aber kein Honorar.

Kopfschüttelnd hörten Schramms Zuhörer, dass derzeit im Schnitt in jedem deutschen Krankenhaus ein medizinisches Gespräch mit einem Patienten nur drei bis acht Minuten dauert – was jedoch auch am zunehmenden Mangel an Ärzten und Pflegekräften liege, gab Schramm zu Bedenken.

Kampf um Leistungen der Kassen

Gerade die Schwächsten in diesem Gesundheitssystem, die Behinderten, träfen die Fehlentwicklungen dieses Gesundheitssystems am meisten. Zu diesem Fazit kamen Mütter von Behinderten, als sie schilderten, wie sich mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen ein zermürbendes, wohl lebenslanges Ringen um die Gewährung von Leistungen entwickelt habe.

Dabei wäre laut Bernhard Lehmeier, der Behindertenreferent des Stadtrats ist, die Lösung in allen Pflegesituationen ganz einfach und vor allem kostensparend: Pflegende Angehörige sollten nicht nur den Bruchteil der Pflegeleistungen erhalten, die die Kassen für die Unterbringung in einem Heim gewähren. Dem stimmte Schramm mit dem Hinweis auf das finanziell üppig ausgestattete deutsche Gesundheitssystem zu: Behinderte, aber auch Demenzkranke sollten lieber in ihrer gewohnten Umgebung bleiben statt in Heimen „geparkt“ zu werden. Das freiwerdende Geld könnte den pflegenden Angehörigen zugutekommen, damit diese endlich einmal einen hoch-verdienten Urlaub machen.

Allerdings lief in diesem Teil der Diskussion dem objektiven Zuhörer schon allein beim Hören des Begriffs „Verhinderungspflege“ ein kalter Schauer über den Rücken. Der Hinweis Schramms über den Auswuchs von Verwaltungsaufgaben für Ärzte und Pfleger führte MdL Tanja Schweiger (Freie Wähler) zu einer rhetorischen Frage: „Das bestehende Gesundheitssystem auflösen und dann alles komplett neuorganisieren?“ Also ein System errichten, in dem das Prinzip „Ganzheitlichkeit“ gilt und somit der Mensch im Mittelpunkt steht?

Mit seiner Antwort darauf sorgte Axel Schramm dafür, dass es bei diesem Thema noch einmal bundespolitisch wurde. Er vermisse dazu eine klare Aussage von Angela Merkel, wohin sich dieses Land entwickeln soll. Stattdessen höre er nur: „Der Markt fordert“.

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