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Kirche

Missbrauch: Reichertshofen im Schock

Zwischen 1998 und 2001 soll sich der damalige Seelsorger des Dorfes im Landkreis Neumarkt an einem Buben vergangen haben. Die Gläubigen sind irritiert.
Von Bettina Dennerlohr und Bettina Mehltretter, MZ

Der ehemalige Wirkungsort des inhaftierten Pfarrers: die Kirche St. Nikolaus in Reichertshofen. Foto: Dennerlohr

Reichertshofen. Die Straßen des Dorfes Reichertshofen (Lkr. Neumarkt) sind am Montagnachmittag wie leer gefegt. Auch die wenigen Menschen, die mit Gartenarbeit oder Reparaturen beschäftigt sind, winken sofort ab. Niemand will über den Verdacht reden, der den kleinen Ort belastet: Zwischen 1998 und 2001 soll sich Reichertshofens damaliger Seelsorger, der zuletzt in Heideck im Landkreis Roth arbeitete, dort mehrfach an einem Buben vergangen haben. Der Vorwurf: schwerer sexueller Missbrauch.

Seit 20. August sitzt der Pfarrer in Untersuchungshaft. „Der Haftgrund ist Fluchtgefahr“, sagt Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth und die Kriminalpolizei ermitteln in sieben Fällen. Sie hatte auch die Pfarrhäuser von Reichertshofen und Heideck durchsucht und Gegenstände sowie Unterlagen sichergestellt. „Mit dunklen Wagen“ seien Leute vorgefahren, erzählt ein Reichertshofener. Es sei wohl die Polizei gewesen.

Die Ermittlungen beziehen sich aktuell allerdings nur auf Reichertshofen. Wie diese nach so langer Zeit ins Rollen gekommen sind, will die Staatsanwaltschaft nicht sagen – „auch zum Schutz des mutmaßlichen Geschädigten“: Der Bub sei damals, bei den Übergriffen in Reichertshofen, noch keine 14 Jahre alt gewesen. Drei Jahre nach den mutmaßlich letzten Taten wechselte der Pfarrer, der aus Baden-Württemberg stammt, die Pfarrei. Laut Martin Swientek, dem Sprecher des Bistums Eichstätt, hatte sich der Seelsorger im Rahmen des üblichen Verfahrens für die freie Stelle im Landkreis Roth beworben.

Bistum Eichstätt bittet um Geduld

Für die Gläubigen der Pfarrei St. Nikolaus in Reichertshofen war die Nachricht vom Wechsel eine traurige: Der heute 48-jährige Priester habe immer „sehr korrekt“ gewirkt, erinnert sich ein Gemeindemitglied. Er selbst habe den Verdacht zunächst gar nicht glauben können. In den Sonntagsgottesdiensten in Reichertshofen und Heideck hatten Mitarbeiter des Bistums Eichstätt eine Erklärung des Generalvikars Isidor Vollnhals vorgelesen. „Das laufende Ermittlungsverfahren ist ergebnisoffen“, hat Vollnhals der Gemeinde ausrichten lassen. „Bis zum Abschluss des Verfahrens gilt die Unschuldsvermutung.“ Vollnhals bat um einen „angemessenen und wertschätzenden Umgang mit dem Beschuldigten“ und darum, „mit Geduld das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten“. Allerdings sei die Situation „für uns alle erschütternd und verwirrend“.

Eltern, deren Kinder zur fraglichen Zeit Ministranten waren, seien während des Gottesdienstes „aus allen Wolken gefallen“, sagt einer der Gläubigen aus Reichertshofen. Auch Werner Brandenburger, der Bürgermeister der Gemeinde Sengenthal, war am Montag noch fassungslos: „Man kann sich das nicht vorstellen. Für mich und die ganze Gemeinde ist diese Nachricht schockierend.“ „Jeder“ sei jetzt bestürzt, es habe Tränen gegeben.

Auch Brandenburger kennt den ehemaligen Dorfseelsorger gut. Seine Kinder empfingen ihre erste heilige Kommunion zu der Zeit, in der der jetzt Inhaftierte in Reichertshofen eingesetzt war. Doch noch will der Bürgermeister den ehemaligen Pfarrer nicht verurteilen. „Auch für ihn gilt erst einmal die Unschuldsvermutung“, erklärt er. „Ich vertrau’ da dem Rechtsstaat.“ Werner Brandenburger war selbst 30 Jahre lang Polizist.

Der Geistliche, der in Nürnberg in Haft sitzt, schweigt weiter zu den Vorwürfen. Das Bistum Eichstätt will dagegen nicht mauern – auch wenn das in Liebenstadt, einem der Orte des Pfarreienverbunds Heideck, zunächst anders aussah: Dort hatte Kaplan Dominik Pillmayer am Sonntag Journalisten verboten, von der Messe zu berichten und im Falle einer Zuwiderhandlung sogar mit einem Hausverbot und juristischen Schritten gedroht.

Gläubige suchen das Gespräch

Nach den Gottesdiensten ließ das Bistum am Sonntag Kärtchen mit Notfall- und Infonummern verteilen – bei Fragen können sich Gläubige unter der Telefonnummer (0 84 21) 50 500 melden. In einer der beiden betroffenen Gemeinden seien bereits Gesprächstermine vereinbart worden. „Wen etwas bedrückt, wer etwas diskutieren möchte, soll sich melden“, erklärte Bistumssprecher Martin Swientek.

Zu laufenden Ermittlungen werde sich das Bistum aber derzeit nicht äußern. „Wir mischen uns nicht in die Ermittlungen ein“, sagte der Sprecher. Sei die Arbeit von Kripo und Staatsanwaltschaft beendet, werde sich das Bistum mit dem Ergebnis – egal, wie dieses ausfallen mag – aber nicht verstecken. Denn Bischof Gregor Maria Hanke bleibt bei seiner Meinung, die er 2010 in einem Brief an Priester, Diakone sowie an Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtungen formulierte: „Wir wollen eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme, selbst wenn uns Vorfälle gemeldet werden, die schon lange zurückliegen.“

Die Stimmung ist nicht gut – weder in Eichstätt, noch in der kleinen Pfarrgemeinde Reichertshofen. Dort sorgen sich die Menschen auch um den Ruf ihres Dorfes. Ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks hatte es am Montagnachmittag schwer, einen Interviewpartner zu finden. „Keiner will, dass sein Heimatort wegen sowas in die Schlagzeilen gerät“, sagen zwei ältere Herren, die Zigaretten rauchen. Zwei Straßen weiter stehen drei Frauen an einem Gartenzaun. „Von uns weiß ja auch keiner was Genaues“, sagen sie. Doch sie alle bestätigen das Bild: Ihr ehemaliger Pfarrer sei angesehen gewesen und als freundlich und sympathisch bekannt.

Bestätigt sich nun der Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs, drohen dem Mann zwischen einem und 15 Jahren Haft, wie die Staatsanwaltschaft mitteilt.

Im Bistum Eichstätt wurden seit 1945 nach eigenen Angaben bisher insgesamt sieben Missbrauchsfälle untersucht.

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