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Region Neumarkt
Samstag, 21. April 2018 25° 2

Asyl

Neumarkter Flüchtlinge sind besorgt

Die Flüchtlingsunterkunft in der Ringstraße soll im Juni schließen. Für viele Menschen geht es um die Existenz.
Von Johannes Heil

Über der Unterkunft für Geflüchtete in der Neumarkter Ringstraße ziehen dunkle Wolken auf: Foto: Heil

Neumarkt.Ahmed Mohammed Haji ist alles andere als zum Lachen zumute. Seine Zukunft steht auf dem Spiel, oder wie er es formuliert: sein neues Leben. Sein Leben, das seit fast drei Jahren in Neumarkt spielt. Über die Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf war es für den mittlerweile 23-Jährigen weiter in die Oberpfalz gegangen. Zuvor war er aus seiner Heimat Äthiopien über Italien nach Deutschland gekommen. In Neumarkt hat er sich mittlerweile ein soziales Netz aufgebaut, das ihn, seine Frau und ihr kleines Kind unterstützt. Doch dieses Netz droht jetzt plötzlich zu zerreißen.

Denn die rund 90 Bewohner der Unterkunft in der Neumarkter Ringstraße, in der Ahmed Mohammed Haji wohnt, müssen zum 15. Juni wohl ihre Bleibe verlassen. Dann nämlich läuft der Mietvertrag des Freistaats aus. 2016 wurde von der Staatsregierung festgelegt, dass die sogenannten dezentralen Einrichtungen auf Sicht geschlossen werden sollen. Nur unter bestimmten Kriterien dürfen Verträge verlängert werden. In der Ringstraße waren diese nicht gegeben. „Ich habe versucht, zu vermitteln, aber es hat leider nichts gebracht“, sagt Dr. Gero Bartsch, Abteilungsleiter Sozialwesen im zuständigen Landratsamt. Die Unterkunft wird also mit ziemlicher Sicherheit schließen müssen. „Wenn ich es hätte verhindern können, ich hätte es gerne getan“, sagt Bartsch.

„Ich müsste mir noch einmal ein komplett neues Leben aufbauen.“

Ahmed Mohammed Haji

Eventuell muss Ahmed Mohammed Haji mit seiner Familie also in einen neuen Ort. Ein Szenario, das ihm große Angst bereitet. „Ich müsste mir noch einmal ein komplett neues Leben aufbauen.“ Er fühlt sich wohl in Neumarkt, kennt viele Menschen hier und hat sich gut eingelebt. Was sehr stark mit Walter Laube zu tun hat. Laube ist wie ein väterlicher Freund für ihn. Die beiden Familien haben sogar Weihnachten miteinander gefeiert.

Menschen sollen hier bleiben

Walter Laube organisiert einen Infostand. Foto: Heil

Laube nimmt die Situation emotional mit. Er ist ein engagierter Helfer bei der Flüchtlingshilfe Neumarkt. Nun setzt er sich für die Bewohner der Unterkunft ein. In Neumarkt organisiert er am Samstag ab 9 Uhr in der Oberen Marktstraße vor der Drogerie Müller einen Infostand, mit dem er auf die Situation der Bewohner aufmerksam machen will. Es geht ihm weniger darum, die Schließung zu verhindern. „Wir wollen einfach, dass die Menschen hier in Neumarkt bleiben können“, sagt er. Laube spricht sich vehement gegen das „Hopping“, wie er es nennt, also das mehrmalige Wechseln der Unterkünfte aus. Es sei Gift für die Menschen, die versuchen, sich eine Zukunft aufzubauen.

Ahmed Mohammed Haji wohnt seit Mai 2015 in Neumarkt. Foto: Heil

Das weiß auch Bartsch. Deswegen versichert er, dass natürlich auf die Bedürfnisse der Menschen eingegangen werde. „Die meisten wollen in Neumarkt bleiben“, sagt er. Ob dieser Wunsch schließlich auch in Erfüllung gehen wird, hängt von mehreren Faktoren ab – wie etwa, ob man eine Arbeit hat oder wegen einer medizinischen Behandlung an Neumarkt gebunden ist. „Trotzdem werden manche umziehen müssen“, sagt Bartsch.

„Ich will in Neumarkt bleiben.“

Nazeer Rasho Sino

Davor hat auch Nazeer Rasho Sino Angst. Der 34-Jährige kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Er ist aus seiner Heimat Irak nach Deutschland geflohen. Sein Kind geht mittlerweile in Neumarkt in den Kindergarten, beruflich will er hier Fuß fassen. Der gelernte Kfz-Mechaniker hat ein Praktikum bei Toyota in Aussicht. Müsste Nazeer Rasho Sino den Wohnort wechseln, wären diese Chance perdu. „Ich will in Neumarkt bleiben“, sagt er.

Nazeer Rasho Sino möchte gern in Neumarkt bleiben. Foto: Heil

Nicht nur bei den Neumarktern will Laube auf die Situation aufmerksam machen. Durch die Schließung würden die bisherigen integrativen Ergebnisse zunichtegemacht, schreibt Laube an den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann. Weiter: „Ich bitte Sie daher, die Entscheidung der Schließung der Unterkunft zurückzunehmen.“ Bei dem Infostand am Samstag sollen dazu Unterschriften gesammelt werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zu dem Infostand:

Der Infostand in der Marktstraße

  • Vorhaben:

    Aus Anlass der beabsichtigten Schließung der Flüchtlingsunterkunft in der Neumarkter Ringstraße veranstaltet Walter Laube, ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer der Flüchtlingshilfe, am Samstag ab 9 Uhr einen Infostand am Oberen Markt vor der Drogerie Müller.

  • Unterschriften:

    Walter Laube und sein Helferteam möchten auf die durch die Schließung entstehenden Probleme aufmerksam machen und mit einer Unterschriftenliste untermauern.

  • Hintergrund:

    Viele der Betroffenen sind örtlich an Neumarkt gebunden – wegen des Besuchs von Kindergarten, Schule und Sprachkurs, von Arbeitsgelegenheiten und auch vom Arbeitsplatz.

  • Alternativen:

    Mögliche Alternativen sollen am Samstag ebenfalls gesucht werden: Das Team am Informationsstand wirbt um Wohnungen, die an Flüchtlinge und an ihre Familien vermietet werden können. Dazu wird auch aktuelles Informationsmaterial des Landratsamtes ausliegen.

Die Grünen sind aufgebracht

Auch die Grünen erzürnt die aktuelle Situation. „Ein Mietvertrag des Freistaats läuft aus und die Schwächsten im sozialen Bereich tragen die Lasten“, lässt Sigfried Hauff, Landtagskandidat der Grünen aus Pyrbaum, in einer Pressemitteilung verlautbaren. Der allgemeine Tenor der Pressemitteilung: Auf dem Wohnungsmarkt müsse sich einiges tun. In die gleiche Kerbe schlägt auch Bartsch. „Der angespannte Wohnungsmarkt in Neumarkt ist das grundlegende Problem.“ Würden die Menschen leichter Wohnungen finden, wäre die Unterkunft in der Ringstraße ohnehin schon fast leer. Denn 70 Prozent der Flüchtlinge sind bereits anerkannt und müssten der Rechtslage nach eigentlich schon ausgezogen sein.

Mitte Juni müssen die Bewohner das Haus verlassen und sich eine neue Bleibe suchen. Foto: Heil

Dass bei der Wohnungssuche oft ehrenamtliche Hilfe eine Rolle spielt, weiß auch Bartsch: „Ich habe größten Respekt vor den Ehrenamtlichen. Sie leisten unersetzliche Arbeit.“ Auch Walter Laube will bei dem Infostand um Wohnungen werben, die an Flüchtlingsfamilien vermietet werden können. Etwa an Ahmed Mohammed Haji und seine kleine Familie – damit sie dort vielleicht einmal gemeinsam Weihnachten feiern können.

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