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Pflegenotstand

Neumarkter Pflegerinnen berichten

Wenig Geld und Schichtarbeit: Der Pflegeberuf hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, sagen zwei, die es wissen müssen.
Von Nicole Selendt

Der Pflegeberuf hat einen schlechten Ruf. Foto: Mascha Brichta/dpa
Der Pflegeberuf hat einen schlechten Ruf. Foto: Mascha Brichta/dpa

Doris Körber

Familienfreundlich: Wenn Doris Körber für ihren Job Werbung machen müsste, wäre dieses Wort das erste, das ihr in den Sinn kommt. Nun kommt das ein stückweit unerwartet. Denn die 36-Jährige ist als Krankenschwester in der ambulanten Pflege tätig. Für die Caritas-Sozialstation fährt sie täglich von Patient zu Patient. Sie macht dort die sogenannte Grundpflege, verabreicht Medikamente oder Spritzen, verarztet Wunden, koordiniert, berät – und hört sich manchmal auch einfach nur an, was der Patient zu erzählen hat. Und trotz manchmal stressiger Tage bringt die Mutter einer elfjährigen Tochter Job und Familie unter einen Hut.

Sie kann es schon nicht mehr hören, wenn Menschen zu ihr sagen: „Ich finde es toll, was Du machst. Das könnte ich aber nicht.“ Denn sie ist sicher, dass das jeder kann. Oft fehle eben einfach nur das Interesse, die Lust, einmal in den Beruf hineinzuschnuppern, sich näher damit zu beschäftigen. Vorurteile, falsche Vorstellungen vom Arbeitsalltag in der ambulanten Pflege – und ihrer Ansicht nach der Irrglaube, Pfleger würden generell schlecht bezahlt – seien Schuld daran, dass in der Pflege die Fachkräfte fehlen.

Foto: Nicole Selendt
Foto: Nicole Selendt

Doris Körber ist mit Herzblut dabei – und schätzt es vor allem, immer mit Menschen in Berührung zu sein. Seien es die kurzen Besprechungen mit Kollegen am Telefon oder in der Sozialstation. Die Beratungen mit Hausärzten, Podologen, Orthopäden oder Mitarbeitern im Klinikum, die sich außer ihr selbst noch mit um den Patienten kümmern. Oder die Gespräche mit den Patienten oder ihren Angehörigen selbst. Dabei widerspricht sie Behauptungen, in der ambulanten Pflege sei man nach ein paar Handgriffen schon wieder weg – ohne Zeit, mit den Patienten zu sprechen.

„Klar, ich kann mich nicht hinsetzen und mit jedem Patienten einen Kaffeeklatsch machen“, sagt die Krankenschwester, die eine eineinhalbjährige Zusatzausbildung zur Wund- und Kompressionsexpertin gemacht hat. Doch für Gespräche sei immer ein wenig Zeit. Vor allem, seit bei der Abrechnung der Leistungen nicht mehr jeder einzelne Handgriff berechnet werde, sondern die Zeit abgerechnet werde, die der Pfleger beim Patienten verbringt. Die könne am Anfang vorab festgelegt werden – und so bleibe Pflegern die Möglichkeit, in Gesprächen mehr auf die Bedürfnisse der überwiegend alten Menschen einzugehen, um die sie sich kümmern. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich ständig beeilen muss“, sagt Körber.

„Ich fühle mich überhaupt nicht unterbezahlt.“

Doris Körber, Krankenschwester

Die 36-Jährige ist vor allem auch deshalb gerne in der ambulanten Pflege tätig, weil es so viele Bereiche gibt, in denen sie sich weiterbilden kann. In zahlreichen Zusatzausbildungen kann sie Bereiche ihrer Arbeit weiter vertiefen oder sich spezialisieren: Hygienebeauftragte, palliative Begleitung, psychologische Begleitung, Expertin für Schmerzpatienten und vieles mehr.

Dass ihr von ihrem Umfeld für ihre Arbeit großer Respekt entgegengebracht wird, schätzt die junge Frau sehr. Denn sie trage im Umgang mit alten und kranken Menschen große Verantwortung. Dabei fühle sie sich auch nicht unterbezahlt, sagt Körber. „Ich verdiene vielleicht mehr als andere Frauen. Und ich finde es sehr gut, dass in der Pflege kein Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht wird.“ Allerdings räumt sie ein, dass bei den Bedingungen, unter denen Pfleger arbeiten - dazu gehört zum Beispiel die Schichtarbeit – ihr Beruf für Neueinsteiger attraktiver wäre, wenn ein wenig mehr bezahlt würde.

Sie empfindet es als beruhigend, dass sie nie Angst um ihren Arbeitsplatz haben muss. Menschen, die sich um Alte und Kranke kümmern, müsse es immer geben. „Und wenn man Interesse zeigt und Engagement an den Tag legt, dann wird man als Krankenschwester oder Pfleger überall gebraucht“, sagt sie.

Über Doris Körber:

  • Die 36-Jährige hat 2003 ihre Ausbildung zur examinierten Krankenschwester abgeschlossen.
  • Im Anschluss an ihre Ausbildung übernahm sie eine Intensiv-Einzelbetreuung in Dietfurt. Nach zweijähriger Elternzeit übernahm sie in Teilzeit eine Tour.

Franziska Spangler

Foto: Nicole Selendt
Foto: Nicole Selendt

Eine der Pflegeschülerinnen, die Franziska Spangler bei der Caritas-Sozialstation anleiten, hat es einmal auf den Punkt gebracht. Sie sagte zu der 52-Jährigen: „Ihr seid Ärzte, Krankenschwestern, Berater und Seelsorger in einem.“ Und Spangler ist stolz darauf. Sie würde gar nichts anderes mehr machen wollen, als Altenpflegerin zu sein, sagt sie heute. Denn es stimmt aus ihrer Sicht: „Der Beruf ist so vielseitig, ich würde jedem empfehlen, einmal hineinzuschnuppern.“

Und diese Aufforderung gelte nicht nur für junge Menschen, die gerade ihren Schulabschluss gemacht haben. Sie gelte auch für solche, die in ihrem Beruf unzufrieden sind. Und in besonderem Maße für Frauen, die nach langer Zeit wieder ins Berufsleben einsteigen wollen. So hat sie es nämlich gemacht. Erst seit sechs Jahren darf sich die 52-Jährige als examinierte Altenpflegerin bezeichnen. Und sie ist glücklich damit. „Ich habe Patienten, für die würde ich mir ein Bein ausreißen.“

Dass es sie in die Altenpflege verschlagen hat, hat sie einem Zufall zu verdanken. Sie war daheim, kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt – bis ihr langsam die Decke auf den Kopf fiel. Sie begann, Bewerbungen zu schreiben und nahm sich vor: „Der erste, der sich zurückmeldet, wird mein neuer Arbeitgeber.“ Sie landete in einem Altenheim in Breitenbrunn und startete zunächst eine einjährige Ausbildung zur Pflegehelferin. Sieben Jahre blieb sie dabei, bis sie merkte: „Das reicht mir nicht.“

Denn: Pflegehelfer dürfen nur einfache, grundlegende Dinge in der Pflege ausführen. Medizin verabreichen, Spritzen geben, Wunden versorgen – das ist den examinierten Kräften vorbehalten. Und das habe sich natürlich auch in der Bezahlung niedergeschlagen. Sie begann mit 43 Jahren noch einmal eine Ausbildung, saß mit vielen Jüngeren in der Schule, absolvierte Praktika und schließlich auch die Abschlussprüfung mit Bravur. Eine Zusatzausbildung zur Praxisanleiterin befähigt Franziska Spangler jetzt sogar, bei der Ausbildung von Pflegeschülern mitzuwirken. Sie nimmt die jungen Menschen mit und zeigt ihnen ihre Tätigkeit.

„Ich habe Patienten, für die würde ich mir ein Bein ausreißen.“

Franziska Spangler, Altenpflegerin

Was ihr vor allem an ihrem Job bei der Caritas gefällt, ist der Zusammenhalt der Mitarbeiter in der Sozialstation. Rücksichtnahme, Unterstützung, fachliche Hilfe – das bekommt sie von ihren Kollegen im Team und ihren Vorgesetzten. Und nur mit diesem Rückhalt könne sie beim Patienten die Ruhe ausstrahlen, die sie braucht. „Denn die merken das, wenn man hektisch ist“, berichtet sie.

Nur an eines musste sich die Altenpflegerin mit den Jahren erst gewöhnen: an den Tod. Es habe sie am Anfang sehr mitgenommen, wenn jemand sterben musste. „Doch mit den Jahren bin ich ruhiger geworden.“ Heute weiß sie, das Leben gehöre zum Sterben mit dazu. Sie hat gelernt, dass sie trotz des Unausweichlichen immer noch etwas tun könne: „Ich kann Schmerzen lindern, ich kann eine schöne Atmosphäre schaffen, ich kann Angehörige beraten.“ Heute könne sie mit der Palliativpflege umgehen – und derzeit hat sie auch einen Patienten, den sie bis zum Ende begleitet.

Dass sie für ihre Arbeit und ihren Mut, so spät noch einmal etwas ganz Neues zu machen, aus ihrem Umfeld sehr viel Anerkennung erntet, macht Spangler stolz. Sie will auch andere ermutigen, in den Pflegeberuf hineinzuschnuppern und vielleicht als Quereinsteiger dem Leben noch einmal eine andere Richtung zu geben. Dabei ist für sie der Verdienst nicht die entscheidende Größe. „Natürlich verdiene ich nicht so viel wie ein Ingenieur.“ Für sie habe schon in der Ausbildung vor allem die Freude an der Arbeit gezählt, die Unterstützung ihrer Familie habe sie ermutigt, weiterzumachen. „Und wenn das alles da ist, lernt man das auch leicht.“

Über Franziska Spangler:

  • Sieben Jahre lang arbeitete die 52-Jährige nach einjähriger Ausbildung als Pflegehelferin in einem Altenheim in Breitenbrunn.
  • Sie entschied sich für eine weitere dreijährige Ausbildung und ist jetzt seit sechs Jahren examinierte Altenpflegerin.

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