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Region Neumarkt
Freitag, 23. Februar 2018 2

Planung

Neumarkts Altstadt vor ihrem Umbau?

Das Bauvorhaben „Gerberhöfe“ könnte zur Blaupause für andere Projekte werden. Eine Katastrophe wird jetzt gar zur Chance.
Von Lothar Röhrl

  • Das „Neumüller-Haus“ wird abgerissen: Dem nach alter Vorlage entstehenden Neubau wird die alte Wetterfahne aufgesetzt.Fotos: Röhrl/Büro Berschneider
  • Ein Blick in den Hinterhof der ehemaligen Gerberei Lauer. Er verfiel zuletzt zusehends. Foto: Röhrl
  • Das „Neumüller-Haus“, das nach dem Krieg aufgebaut worden war, wird komplett abgerissen. Foto: Röhrl
  • So sah das alte „Neumüller-Haus“ 1935 vor der Zerstörung zehn Jahre später aus. Studie: Berschneider
  • Ein Blick von oben auf der Gerber Höfe: Wichtig war Architekt Berschneider der Erhalt der grünen Innenhöfe. Studie: Berschneider

Neumarkt.So könnte die komplette Altstadt ohne Gesichtsverlust umgebaut werden: Bestehende Gebäude werden abgerissen und neue werden bei exaktem Nachbau der alten Fassade in die Höhe gezogen. Die Folge wäre: klare Arrondierung der Gebäude und der Grundstücke statt Verschachtelungen bei den Anbauten an die Frontgebäude. Dieses teilweise Durcheinander an Baustilen und -formen ist übrigens bisher ohnehin von der Marktstraße nicht zu sehen. Das ist keine Vision, das ist schon fast Realität: Denn das Bauprojekt „Gerberhöfe“ wird genau zu der erwähnten Straffung und Modernisierung der Architektur führen.

„Hier gibt es viel Potenzial“

Die Jura Projektbau GmbH von Dieter und Christian Recht ist der Bauherrm der Vertrieb erfolgt durch Rätzer Immobilien und Architekt ist das Büro „Berschneider + Berschneider“ aus Pilsach. Nicht zuletzt Johannes Berschneider ist sich bewusst, dass eine solche Planung dem Kuss ähnelt, mit dem in dem Märchen das Dornröschen wach geküsst worden war. „Neumarkts Altstadt hat so viel Potenzial. Das sollte sich die Stadt bewusst sein“. Diesen Satz hat vor kurzem Werner Rübsamen, Betreiber einer Hotel-Kette in Nürnberg, im Gespräch mit der Mittelbayerischen fallen lassen. Rübsamen verriet, dass er sich nicht nur das Grundstück auf dem ehemaligen Bauhof als Standort für eine Hotelansiedelung in Neumarkt interessiert hatte. Er habe sich auch zwei Objekte in der Altstadt angesehen. Ihn habe gereizt, hier durch Umbauten und Neuordnung von Gebäudekomplexen etwas zu erreichen. In einem Fall sei er jedoch schon zu spät dran gewesen, bekannte er.

Das dürfte das „Neumüller-Haus“ gewesen, schließt die Mittelbayerische. Wie sich zuletzt gezeigt hatte, sind die Pläne Rechts und des Architekten Berschneider schon so weit gediehen, dass der Planer aus Pilsach an einen Baubeginn schon im kommenden Frühjahr glaubt.

Allerdings weiß auch Berschneider um die Erfahrungen seines Architekten-Kollegen Theo Nutz mit dessen Projekt an der Wolfsgasse. Nutz, der dort auch als Bauherr agierte, musste über Wochen den Baufortschritt drosseln beziehungsweise kurzfristig ganz einstellen. Die Bauarbeiten waren auf alte Grundmauern gestoßen. Die erweckten das Interesse von Archäologen. Nicht nur eine solche Überraschung droht, sondern auch der Fund einer Fliegerbombe. Zur Erinnerung: Neumarkts Innenstadt war nur drei Wochen vor Kriegsende 1945 Ziel eines verheerenden Fliegerangriffs. Mit einem Zerstörungsgrad von 92 Prozent war Neumarkts Innenstadt sogar die prozentual gesehen am stärksten getroffene Innenstadt.

Letztlich, nämlich bei den Planungen Rechts und Berschneiders im Jahre 2017, hat aber dieses schlimme Ereignis dazu geführt, dass die Stadt nicht unter Denkmalschutz und auch nicht unter dem von Rudolf Müller-Tribbensee in seiner Ära als Stadtmeister (1994 bis 2012) angepeilten „Ensembleschutz“ gestellt wurde. Für den Wiederaufbau hatte der Neumarkter Architekt Hanns Meier gesorgt. Er rettete gleich nach Kriegsende zahlreiche Bauten wie das Rathaus vor einem Wiederaufbau im Baustil, der dann die 50er Jahre dominierte: Dieser war quadratisch, praktisch, schnell und insgesamt ohne Wiedererkennungswert.

Keine absolute Bauvorgabe

Hanns Meier hatte Wert auf gute und funktionale Architektur gelegt. Dabei zeigte er viel städtebauliches Feingefühl. Und er legte eine Art „Richtschnur“ fest, an der sich die städtische Bauverwaltung Neumarkts orientiert. Diese sieht zwar Fassaden und Höhen der Gebäude sowie Details wie Dachformen und -Neigungen als vorgegeben und damit unveränderlich an. Alles andere sei – salopp ausgedrückt – Sache und Geschick der Planung.

Als sein Lieblingsdetail an dem Neubau an der Marktstraße bezeichnete Berschneider den Erker. Der Neue wird sich statt über ein Stockwerk wie bisher über zwei Etagen erstrecken. Bei den zwei ebenfalls neuen Gebäuden an der Kastengasse hebt er die Wohnungen im Erdgeschoss hervor. „Das erforderte sicher Mut. Der Bauherr und ich wollten zeigen, dass in der Altstadt auch Wohnen und damit Leben im Erdgeschoss möglich ist – und es nicht nur Läden geben sollte.“

Berschneider weiß, was hinter dem gewohnten und auch vorgeschriebenen Fassadenbild an Umgestaltung möglich ist. Neumarkt ziehe jetzt nach, was etwa in Ravensburg schon geschehen sei.

Daten und Notizen zum Neubau:

Das Vorhaben: Wer genau hinsieht, merkt, dass es sich bei diesem Bild um den Entwurf (Quelle: Büro Berschneider) des Projekts handelt. Nach dem Totalabriss des „Neumüller“-Anwesens wird die Fassade des neuen Wohn- und Geschäftshauses im bekannten Stil wieder aufgebaut.

Der Neubau an der Marktstraße: Auffallendstes Detail ist der Erker, der sich über zwei Stockwerke erstreckt. Studie: Berschneider

Kein Ensembleschutz: Das heutige Aussehen der Häuser entlang der Marktstraße ist nicht historisch gewachsen. Nach der fast vollständigen Zerstörung der Innenstadt wurde die Altstadt nach den Plänen von Hanns Meier aufgebaut. Sie steht aber nicht unter besonderem Schutz.

Die Fassadenfront an der Marktstraße: Auch ohne Denkmalschutz soll dieses Bild unangetastet bleiben. Foto: Röhrl

Aus auch an der Kastengasse: Die in die Jahre gekommenen Gebäude mit altehrwürdigen Namen der Geschäfte wie „Josef Romstöck“ oder „Gerber Lauer“ (graues Haus links neben Romstöck) waren zuletzt lange Zeit leerstehende Gebäude.

So sieht es noch an der Kastengasse aus. Foto: Röhrl

Neues Wohnen: Zwei der drei neuen Häuser befinden sich an der Kastengasse. 1:1 werden die bisherigen Firsthöhen und die Form der Dächer übernommen. Die alten Häuser werden weichen und durch Neubauten für Appartements ersetzt.

So sieht der Neubau von drei Häusern statt zwei bisheriger an der Kastengasse aus. Studie: Berschneider

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