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Religion

Neumarkts etwas andere Kirche

In der Freien evangelischen Gemeinde werden Babys nicht getauft und jeder darf predigen. Der Glaube an Jesus steht im Zentrum
Von Eva Gaupp

  • Markus Lippert und Brigitte Helm sind zwei der drei Ältesten, die sich mit Pastor Ulrich Wosylus (Mitte) die Gemeindeleitung teilen.
  • Die FeG hat sich erweitert. Im ersten Stock sind neue Räume hinzugekommen. Eine beschriftbare Wand bietet Platz für Kreativität.

Neumarkt.Eine Frau auf der Kanzel? Ein Laie als Prediger? Englische Lieder im Gottesdienst? In der Freien evangelischen Gemeinde in Neumarkt läuft manches anders als es Christen aus einer der großen Landeskirchen gewohnt sind. Ihre Wurzeln reichen nicht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurück. Die Gründung erfolgte in Deutschland im Jahr 1854, in Neumarkt erst vor 40 Jahren. Doch eines verbindet die Freikirche mit ihren großen Schwestern: Es wird immer schwieriger, Menschen für Kirche und Glaube zu begeistern.

„Das ist eine Frage, die uns seit Jahren beschäftigt“, sagt Pastor Ulrich Wosylus. „Wie erreichen wir die Menschen mit dem Evangelium – und wie können wir sie halten?“ Die FeG zählt derzeit 72 Mitglieder. Früher seien neue Familien immer wieder von sich aus gekommen, erinnert sich Brigitte Helm, Mitglied im Ältestenrat. „Heute passiert das kaum mehr.“ Wosylus macht den relativen Wohlstand der Gesellschaft als einen Grund dafür aus: „Je besser es einem geht, desto weniger spielt Gott eine Rolle.“ In anderen Teilen der Welt verzeichneten christliche Gemeinden ein rasantes Wachstum.

„Die Menschen glauben auch heute noch. Die Frage ist nur, an was.“

Markus Lippert, Ältester

Die FeG macht mit verschiedenen Freizeitangeboten für Kinder und Familien wie die Lego-Bautage oder dem Winterspielplatz auf sich aufmerksam. Prominente eckstein, und der frühere Bundesminister Christian Schmidt werden zu Kanzelreden eingeladen. Auf Facebook, Instagram und im Internet kann man sich über die Aktivitäten informieren. Doch auch wenn sich Glaubenssätze und Strukturen unterscheiden, die FeG sucht wie ihre Schwestergemeinden nach einer Antwort auf diese Frage.

Zu den Lego-Bautagen waren alle Kinder und Familien eingeladen – egal welcher Konfession. Foto: Müller
Zu den Lego-Bautagen waren alle Kinder und Familien eingeladen – egal welcher Konfession. Foto: Müller

Säuglinge werden nicht getauft

Einer dieser Unterschiede ist das Prinzip der „Freiwilligkeitsgemeinde“. Das heißt, jedes Mitglied entscheidet sich bewusst, Teil der FeG zu werden. So erklären sich die Verantwortlichen auch den vergleichsweise besseren Gottesdienstbesuch. Eine bewusste Entscheidung soll auch der Taufe vorausgehen: In der Freikirche werden nicht Säuglinge getauft, sondern überwiegend Erwachsene, manchmal Jugendliche. „Die Taufe ist das bewusste Bekenntnis eines Menschen, dass er an Jesus Christus glaubt“, sagt Ulrich Wosylus. Babys erhalten auf Wunsch der Eltern den Segen. Die Taufe gilt bei der FeG auch nicht als Sakrament. Der Mensch wird allein durch seinen Glauben gerettet, nicht durch die Taufe.

Die Freie evangelische Gemeinde befindet sich in der Leipziger Straße 21.
Die Freie evangelische Gemeinde befindet sich in der Leipziger Straße 21.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass die Gemeinde Menschen ausschließt, die als Kind getauft wurden. Im Gegensatz zu den Baptisten, wird dies akzeptiert. „Teilweise lassen sich diese Personen noch einmal taufen“, erzählt Wosylus. Wer deshalb von einer „Wiedertaufe“ spricht, gehe allerdings irr. Denn die Säuglingstaufe zähle in der Freien evangelischen Gemeinde nicht. Ein Punkt, über den mit den Landeskirchen schon des Öfteren diskutiert worden sei, sagt Wosylus. Eine Taufe ist jedoch keine Pflicht. „Die Offenheit soll da sein“, sagt Brigitte Helm.

Gläubige übernehmen viele Aufgaben

Es gibt weitere Unterschiede: In vielen FeGs predigen Frauen und gehören der Gemeindeleitung an, wer sich berufen fühlt und befähigt ist, kann auch im Gottesdienst eine Predigt halten. Undenkbar in einer katholischen Kirchengemeinde. In der FeG rührt dies aus dem Verständnis der Mitverantwortung und Mitbestimmung aller, dem sogenannten „allgemeinen Priestertum“ her. „Vieles könnten wir nicht schaffen, wenn sich nicht jeder mit seinen Gaben einbrächte“, erklärt Helm.

Die neuen Räume – wie den für die Jugendlichen – haben die Gemeindemitglieder weitgehend selbst ausgestattet, gemalert und hergerichtet.
Die neuen Räume – wie den für die Jugendlichen – haben die Gemeindemitglieder weitgehend selbst ausgestattet, gemalert und hergerichtet.

Die Freien evangelischen Gemeinden sind darüber hinaus unabhängig vom Staat, jede lokale Gemeinde ist eigenständig. Sie finanziert sich allein durch Spenden und die Abgaben, die die Mitglieder freiwillig gewähren. Ein wichtiger Baustein sind zudem die Hauskreise. „Es geht uns darum, die Gemeinschaft zu leben und nicht nur am Sonntag eineinhalb Stunden gemeinsam Gottesdienst zu feiern“, unterstreicht Markus Lippert, der ebenfalls einer der drei Ältesten ist, die sich zusammen mit dem Pastor und sechs Diakonen die Gemeindeleitung teilen.

Trotz der Unterschiede legen die Drei auf eines besonderen Wert: Gäste sind jederzeit willkommen – ganz ohne irgendeine Verpflichtung. Und: „Durch Trennungen und Spaltungen der Christenheit ist in der Vergangenheit viel kaputt gegangen“, sagt Pastor Ulrich Wosylus. „Für uns ist die Einheit der christlichen Gemeinden ein wichtiges Thema.“ Und diese werde gerade in Neumarkt auch gelebt.

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Geschichte der FeG

  • 1975:

    Zwei Familien treffen sich einmal in der Woche am Möninger Berg, um gemeinsam eine Bibelstunde abzuhalten. Daraus entsteht der erste Hauskreis mit bis zu 30 Personen.

  • 1977:

    Pastor Hermann Weigel von der Freien evangelischen Gemeinde in Nürnberg betreut den Hauskreis und schlägt vor, eine eigene Gemeinde zu gründen.

  • 1979:

    Pastor Norman Thomsen zieht in Neumarkt in ein Haus an der Saarlandstraße, in dem jeden Sonntag im Wohnzimmer ein Gottesdienst der jungen Gemeinde stattfindet. 1982 mietet die Gemeinde ein Haus in der Glasergasse, 1994 zieht sie in die Leipziger Straße 21 um.

  • Struktur:

    In Deutschland existieren rund 500 Ortsgemeinden mit etwa 42.000 Mitgliedern. Verbunden sind sie im Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland mit Sitz in Witten, einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

  • Zusammenarbeit:

    Die FeG ist u.a. Teil der Evangelischen Allianz, die im Landkreis Neumarkt jährlich die Allianz-Gebetswoche und auch die Aktion ProChrist organisiert. Außerdem ist sie Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) sowuie der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF).

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