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Ohne Zoll darf keiner Neumarkt passieren

Stadtführungen gibt es wegen Corona nicht. Doch Gästeführer verraten in einer Serie Interessantes – heute zum Unteren Tor.
Von Manfred Handfest

Dreimal wurde das Untere Tor nach Zerstörungen wieder errichtet. Foto: Gaupp
Dreimal wurde das Untere Tor nach Zerstörungen wieder errichtet. Foto: Gaupp

Neumarkt.Mehr Menschen bedeuteten im Mittelalter mehr Untertanen für den Adel, die man beschützen musste. So schützten mein Bruder und ich lange Zeit unsere Stadt. Wir standen uns auf einer langgestreckten Hauptachse gegenüber.

Ich bin der dritte Bau und meine beiden Vorgänger wurden in den Kriegen, wie im Landshuter Erbfolgekrieg, in den Napoleonischen Kriegen und im Dreißigjährigen Krieg oft belagert.

Ganz nah am Geschehen war ich bei den zwei Belagerungen der schwedischen Truppen 1633 und 1635. Drei Tage wurde meine Stadt bedrängt. Über Jahrhunderte wurde ich mehrmals von solchen Situationen herausgefordert.

Bis zur Bombardierung Neumarkts im Jahr 1945 sah das Untere Tor so aus. Foto: Stadtarchiv Neumarkt
Bis zur Bombardierung Neumarkts im Jahr 1945 sah das Untere Tor so aus. Foto: Stadtarchiv Neumarkt

Mein erster Bau hatte sogar einen Turm, dieser war im 12. Jahrhundert das höchste Bauwerk meiner Stadt. In unmittelbarer Nähe zu mir stand das Heilig-Geist-Spital. Bei Starkregen säuberte sich die Stadt selbst und die ganze stinkende Brühe floss durch mich hindurch. 1504 bekam ich während einer Belagerung starke Risse und mein stolzer Turm drohte einzustürzen. Er wurde mit starken Seilen umwickelt und hielt weiterhin stand.

Jeder Reisende sowie die Stadtbewohner, die mich passieren wollten, mussten Pflasterzoll bezahlten. Somit war ich eine gute wirtschaftliche Einnahmequelle für unsere Stadt. Sogar als die Automobile erfunden wurden, mussten auch diese den Pflasterzoll entrichten.

Manfred Handfest ist zertifizierter Gästeführer in der Stadt Neumarkt. Foto: Rosi Handfest
Manfred Handfest ist zertifizierter Gästeführer in der Stadt Neumarkt. Foto: Rosi Handfest

Leider konnte ich im Jahr 1630 und 1631 wegen der starken Truppenbewegungen den schwarzen Tod, der Neumarkt in dieser Zeit heimsuchte, nicht aufhalten. In dieser Zeit verlor Neumarkt sowie das damalige Europa ein Drittel der Bevölkerung in kürzester Zeit. Mit Karren fuhr man die Leichen durch mich hindurch und verbrannte sie vor der Stadt.

Zur Person

  • Leidenschaft:

    Manfred Handfest möchte seine Gäste mit auf eine Zeitreise nehmen, deshalb nennt er als seinen Beruf auch „Zeitreisender“.

  • Führungen:

    Geschichte erlebbar zu machen – vor allem das Mittelalter – das ist seine Passion.

Im Zweiten Weltkrieg wurde ich komplett zerstört. Von 1945 bis 1990 klaffte eine große Lücke an meiner Stelle. 1989 bis 1990 plante man mich neu, und ich stehe jetzt wieder in gotischer Form am Anfang des Unteren Marktes.

Den Stadträten und den Bürgern war es 1990 wichtig, mich wieder an meinem gewohnten Platz zu errichten. Stolz bin ich auf mein Aussehen. Ich bin ein würdiger Eingang in die Stadt, und in unserer Stadtgeschichte der einzige historische Bau, der dreimal errichtet wurde.

Leider wurde mein Bruder am Oberen Markt wegen der aufstrebenden Industrialisierung abgetragen, um einen größeren Durchgang vom Bahnhof in die Stadt zu schaffen.

Man nennt mich auch Spitaltor oder Nürnberger Tor. Auf euren kostenfreien Besuch bzw. eure Durchfahrt freue ich mich schon jetzt.

Habt ihr mich erkannt?

Ja genau, ich bin das Untere Tor.

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