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Literatur

Parsberg: „Sieben Jahre Chile“

Ingrid Barth aus Willenhofen erzählt vom letztendlich gescheiterten Versuch, sich in den Anden ein neues Leben aufzubauen.
Von Peter Tost

Mit „Sieben Jahre Chile“ hat Ingrid Barth eine spannende Autobiographie geschrieben. Foto: Tost
Mit „Sieben Jahre Chile“ hat Ingrid Barth eine spannende Autobiographie geschrieben. Foto: Tost

Parsberg.„Mich interessieren nicht die Menschen, die irgendwie leben. Mich interessieren die, die überlebt haben“, sagt Ingrid Barth. Einer davon ist sie selbst. 1986 war sie mit ihrem Mann Alois und den vier und sechs Jahre alten Söhnen nach Chile ausgewandert, um als Selbstversorger ein freies Leben zu führen.

Wie es dazu kam und wieso der Traum schließlich scheiterte, das hat die mittlerweile 66-Jährige niedergeschrieben. Unter dem Titel „Sieben Jahre Chile“ ist ihre 217 Seiten starke Autobiographie inzwischen als Buch erhältlich.

Der Supermarkt der Barths in Puelo war eine gute Einnahmequelle für die Familie. Foto: Barth
Der Supermarkt der Barths in Puelo war eine gute Einnahmequelle für die Familie. Foto: Barth

„Ich habe es eigentlich für meine Kinder und Enkel geschrieben und nicht zuletzt auch als Anerkennung für die Lebensleistung meines Mannes, der 2017 gestorben ist“, sagt Ingrid Barth. Sie ist Geschäftsführerin der Pflegealltag GmbH, die im Parsberger Ortsteil Willenhofen zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige betreibt. Dass es in ihrem Leben äußerst aufregende und sogar lebensgefährliche Momente gab, wussten bisher nur die Wenigsten.

Zur Welt kam Ingrid Barth in Bad Hindelang im Allgäu, aber im Alter von sieben Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Regensburg, wo sie später ihren Mann Alois Barth kennenlernte. 1976 heirateten die beiden jungen Leute, Alois fand einen guten Job bei der Post und 1979 kam ihr Sohn Martin zur Welt.

Den geraden Weg verlassen

Alois Barth baute für die Familie in Steinsberg bei Regenstauf ein Haus, 1981 wurde Sohn Ludwig geboren und ein gerader Lebensweg schien vorgezeichnet. „Aber das wollten wir nicht, wir wollten ein freies und selbstbestimmtes Leben führen“, erinnert sich Ingrid Barth. „Wir verkauften das Haus, um Startkapital zu haben, und wanderten mit unseren beiden Söhnen nach Chile aus.“

„Eins ist sicher: Wir haben Spuren in unserem Leben hinterlassen.“

Ingrid Barth

Alois Barth hatte schon vorher Kontakte mit Gleichgesinnten in Argentinien geknüpft und so konnte die Familie ein Stück Land in Segunde Corral kaufen. Allerdings fand sich dort keine Möglichkeit, Geld zu verdienen – und das aus Deutschland mitgebrachte Startkapital schmolz dahin. Außerdem gab es dort nur eine kleine Dorfschule, in der die beiden Söhne außer dem Singen der chilenischen Nationalhymne nichts lernten.

Ingrid Barth stellt ihr Buch kurz vor.

„Mein Mann hatte dann die Idee, nach Rio Puelo umzusiedeln und dort einen Supermarkt zu eröffnen.“ Das Geschäft lief sehr gut, da es bis dahin nur ein kleines Geschäft gegeben hatte, und die Barths verdienten gutes Geld – mussten dafür aber auch Tag und Nacht arbeiten. „Die Leute standen oft schon Schlange, bevor wir öffneten“, erinnert sich Ingrid Barth.

Alles schien gut. „Wir verdienten nun unser Geld und zahlten unsere Steuern.“ Allerdings gab es auch in Rio Puelo ein Problem – in Form des Bürgermeisters, der den Barths immer wieder Steine in den Weg legte. Der Grund: „Zwischen ihm und Alois hatte es einen Zwischenfall gegeben.“ Laut Ingrid Barth gab es damals im ganzen Ort nur zwei Fahrzeuge – den alten Mercedes des Bürgermeisters und den Lastwagen von Alois Barth, mit dem er die Waren für den Supermarkt holte.

Über den Rio Puelo musste alles per Fähre oder Boot transportiert werden.Foto: Barth
Über den Rio Puelo musste alles per Fähre oder Boot transportiert werden.Foto: Barth

Als sich beide Fahrzeuge auf der engen Straße entgegenkamen und keiner der beiden bis zur nächsten Ausweichstelle rückwärtsfahren wollte, kam es zum Showdown. „Alois fuhr mit dem Lkw direkt auf den Mercedes zu und drängte ihn, rückwärts zu fahren“, erinnert sich die 66-Jährige. Von diesem Zeitpunkt an hatten sie einen Feind.

Also hieß es für die Familie wieder, die Koffer zu packen und weiterzuziehen, wie noch sehr oft in den kommenden Jahren aus den verschiedensten Gründen. „Wir haben mehrere Male neues Land gekauft und wurden dabei oft übers Ohr gehauen“, berichtet Ingrid Barth und gibt zu: „Wegen unserer Naivität haben wir mehrmals sehr viel Geld verloren.“

Aber auch mit der Mentalität der Chilenen hatten die Auswanderer ihre liebe Not. „Sie haben uns viele Sachen gestohlen und wenn wir sie zur Rede stellten, hieß es nur: Wir haben uns das nur ausgeliehen. Aber zurückgebracht hat nie jemand etwas.“

Lebensgefahr und Katastrophen

In den insgesamt sieben Jahren in Chile erlebten die Barths viele zum Teil lebensgefährliche Situation und einmal brannte ein Haus fast und einmal komplett ab. „Zum Schluss hatten wir dann kein Geld mehr und mit Rücksicht auf die Kinder – es waren inzwischen vier – entschlossen wir uns schließlich schweren Herzens, nach Deutschland zurückzukehren.“

Auch fern der Heimat feierte die Familie Barth am 24. Dezember Weihnachten.Foto: Barth
Auch fern der Heimat feierte die Familie Barth am 24. Dezember Weihnachten.Foto: Barth

Der Neuanfang in der alten Heimat im Jahr 1993 sei sehr schwierig gewesen und einer ihrer älteren Söhne habe enorme Probleme gehabt, mit dem Leben in Deutschland zurechtzukommen. Im Jahr 2000 startete die Familie mit einem Reifenhandel in Willenhofen einen geschäftlichen Neuanfang.

„Als mein Vater zum Pflegefall wurde, absolvierte ich eine zweite Ausbildung zur Altenpflegerin und so kamen wir auf die Idee ein Pflegeheim zu eröffnen“, erzählt Ingrid Barth.

Rund zwei Jahre lange habe sie gebraucht, bis das Buch mit dem Titel „Sieben Jahre Chile“ nun druckfertig sei. Erhältlich ist die über „Books on Demand“ veröffentlichte Autobiographie im örtlichen Buchhandel oder über das Internet zum Preis von 20 Euro.

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