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Tiere

Poldis qualvoller Tod im Auto

Der tierärztliche Notdienst ist in Neumarkt ein Problem – darum starb die Katze von Roswitha Häring.
Von Katrin Böhm

Roswitha Häring fordert, dass es auch nachts und am Wochenende Tierärzte geben sollte, die in Notfällen helfen. Foto: Böhm
Roswitha Häring fordert, dass es auch nachts und am Wochenende Tierärzte geben sollte, die in Notfällen helfen. Foto: Böhm

Neumarkt.Für Roswitha Häring war es eine traurige Nacht: Ihre geliebte Katze Poldi starb in der Nacht zum 14. Januar qualvoll. Wie jeden Abend hatte die 71-jährige Rentnerin die Katze und Terrier Ricco gegen 23 Uhr nochmal kurz zur Tür hinausgelassen – während Ricco gleich wiederkam, blieb Poldi noch draußen. Kein Problem, dachte sich Roswitha Häring – schließlich blieb Poldi gern mal ein Viertelstündchen draußen, ehe sie wieder ins kuschelig Warme schlich.

Als sie aber auch nach einer halben Stunde nicht da war, machte sich Roswitha Häring Sorgen – vor ihrer Haustür entdeckte sie Poldi, schwer verletzt und jämmerlich maunzend. Vermutlich hatte ein Auto Poldi angefahren und sie hatte sich noch bis zum Haus zurückgeschleppt.

„Es müsste doch eine Notlösung für solche Fälle geben.“

Roswitha Häring

Schnelle Hilfe von einem Tierarzt hätte sie da gebraucht, sagt Häring mit Tränen in den Augen. Das Problem: Sie wusste nicht, an wen sie sich nachts wenden soll. Roswitha Häring kann das nicht verstehen. „Es müsste doch eine Notlösung für solche Fälle geben.“

In jener Nacht klingelte Roswitha Häring verzweifelt bei ihrer Nachbarin Marianne, die sie erst einmal zu ihrem Tierarzt fuhr – doch der machte nicht auf. Auch die nächste Tierärztin, die der 71-Jährigen spontan einfiel, öffnete nicht. Die dritte Praxis in Woffenbach fanden die beiden in der nächtlichen Aufregung nicht – schließlich fiel der Nachbarin die Tierklinik in Nürnberg ein. In Nürnberg fanden die beiden Damen die Klinik allerdings nicht sofort und irrten in der Gegend herum – ein hilfsbereites Paar setzte sich schließlich zu den beiden Damen ins Auto und zeigte den Weg.

Poldi musste mehrere Stunden leiden, bis sie starb. Foto: Häring
Poldi musste mehrere Stunden leiden, bis sie starb. Foto: Häring

Poldi, die anfangs noch leidend miaut und gejammert hatte, wurde während der stundenlangen Irrfahrt auf dem Schoß von Roswitha Häring immer stiller und stiller – als die beiden Neumarkterinnen vor der Tierklinik ankamen, war sie tot. Dass ihre geliebte Katze so sterben musste, erschüttert die Rentnerin noch immer. „Vielleicht hätte auch ein Tierarzt hier sie nicht retten können – aber zumindest schnell von ihrem Leiden erlösen.“

Ob in einer Stadt oder einem Landkreis ein tierärztlicher Notdienst eingerichtet wird, darüber entscheiden in Bayern die Tierärztlichen Bezirksverbände (TBV), sagt Axel Stoltenhoff, Geschäftsführer der Bayerischen Landestierärztekammer. Tobias Guggenmos ist Vorsitzender des TBV Oberpfalz – und von der tragischen Geschichte um Poldi entsetzt. „Das tut mir sehr leid“, sagt er. Er sei bisher davon ausgegangen, dass ein Notdienst auf freiwilliger Basis in Neumarkt ganz gut funktioniere. Doch offenbar gebe es hier „eklatante“ Probleme. Guggenmos weiß als Inhaber einer Tierarzt-Praxis in Vilseck genau um die Nöte seines Berufsstands – so etwas dürfe aber nicht passieren.

Die Probleme für Tierärzte

  • Angestellt statt selbstständig:

    In der Tierarzt-Branche gibt es immer weniger Praxisinhaber und immer mehr Angestellte – und für diese gelten ganz normale arbeitsgesetzliche Bestimmungen, sagt Tobias Guggenmos, Vorsitzender des Tierärztlichen Berufsverbands Oberpfalz. Diese dürfen etwa maximal zehn Stunden am Stück arbeiten und brauchen danach eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden. „Wenn es nachts nur einen einzigen Anruf gibt, gehen die elf Stunden von vorne los.“ Der Inhaber einer Praxis müsse also für einen 24-Stunden-Notdienst Mitarbeiter schichtweise beschäftigen, da seien schnell 1000 Euro pro Tag beisammen. „Wer soll das bezahlen?“

  • Viele Frauen:

    In der Tiermedizin sind 90 Prozent der Studienabgänger mittlerweile Frauen, sagt Guggenmos – diese seien natürlicherweise nach wie vor stark in die Themen Familie und Familienplanung eingebunden. Bedeutet: Viele Frauen fallen erst einmal aus, wenn sie schwanger sind oder kleine Kinder haben. Außerdem darf eine angestellte Tierärztin ab dem ersten Tag ihrer Schwangerschaft nicht mehr arbeiten. „Da haben wir eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, denn eine selbstständige Tierärztin arbeitet quasi fast bis zum letzten Tag, um den Laden am Laufen zu halten.“

  • Früher:

    Generell, so empfindet Guggenmos, achten die Kollegen heute mehr auf eine ausgewogenere Work-Life-Balance als früher. „Der Anspruch in Hinblick auf Freizeit, Bezahlung und Einsatz für den Beruf hat sich sehr verändert.“ Er erwarte von keinem, aus Idealismus zu arbeiten, „aber eine gewisse Verpflichtung gibt es schon“. (ks)

Zumindest auf den Kleintiernotarztring, an dem sich Neumarkt aber nicht beteilige, müsse man in den Praxen verweisen, außerhalb der Öffnungszeiten idealerweise über eine telefonische Ansage.

„Ich werde dafür sorgen, dass solche Dinge nicht mehr vorkommen.“

Tobias Guggenmos

Er werde die Neumarkter Kollegen außerdem bitten, sich dem Notarztring anzuschließen, sagt Guggenmos. „Ich werde dafür sorgen, dass solche Dinge nicht mehr vorkommen.“

Tobias Guggenmos ist seit 20 Jahren Tierarzt - und Tag und Nacht im Einsatz. Foto: Ina Schmaußer
Tobias Guggenmos ist seit 20 Jahren Tierarzt - und Tag und Nacht im Einsatz. Foto: Ina Schmaußer

Er werde an seine Kollegen appellieren – wenn das nicht helfe, müsse der Verband aber regulierend eingreifen. Theoretisch könnte der Tierärztliche Bezirksverband für Neumarkt einen Notdienst aufstellen, an dem jeder Tierarzt über die Berufsverordnung verpflichtend teilnehmen müsse, sagt Guggenmos. Dies sei aber natürlich mit großem Aufwand verbunden – und müsse kontrolliert und gegebenenfalls sanktioniert werden. Für ihn ist diese Lösung daher eher die Ultima Ratio, wenn es anders nicht klappt.

Dass sich Tierbesitzer im Notfall auch künftig auf längere Wege einstellen müssen, lasse sich nicht vermeiden, sagt Guggenmos – aufgrund der hohen Kosten, die Tierärzte bei Notdiensten tragen müssen, sei es nicht anders realisierbar, dass Neumarkter etwa nach Amberg fahren müssen.

Wenigstens Hund Ricco ist Roswitha Häring noch geblieben. Foto: Böhm
Wenigstens Hund Ricco ist Roswitha Häring noch geblieben. Foto: Böhm

Roswitha Häring versucht indes, neuen Mut zu fassen – auch wenn das für die 71-Jährige nicht leicht ist. Vor gut zwei Jahren hat sie ihren Mann Georg verloren, der Lungenkrebs raubte ihn ihr. Eines seiner Karohemden ist sorgfältig über den Stuhl, an dem er beim Essen immer saß, gehängt. Ihr Mann, so sagt sie, sei anfangs immer gegen „das Katzenvieh“ gewesen – er hatte befürchtet, eine Katze würde sich nicht mit dem Hund verstehen, Vorhänge zerreißen und alles zerdeppern. Doch als Poldi erst einmal da war, klappte alles wie am Schnürchen. Poldi „war immer vorsichtig“, ob draußen oder drinnen, sagt Häring. Im Sommer kam sie mit auf den Campingplatz an der Ölkuchenmühle, wo Roswitha und Georg Häring von Mai bis in den November hinein wohnten.

Und auch Hund Ricco, der mit seinen 15 Jahren mittlerweile ein alter grauer Herr ist, verstand sich gut mit Poldi. „Da gab’s nie Probleme.“ Jetzt vermisst er seine Freundin ziemlich, glaubt Häring. Immer wieder schnüffelt Ricco an dem leeren Katzenkorb. Doch vielleicht ist der gar nicht mehr so lange leer. Auf der Homepage des Neumarkter Tierheims hat Roswitha Häring eine Katze gefunden, „die fast aussieht wie meine Poldi“. Wenn alles klappt, könnte sie die neue Gefährtin für Poldi werden.

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