MyMz
Anzeige

Oktoberfest

Seine Ziegen gibt es auf der Wiesn

Im Zelt von Feinkost Käfer werden die „Eisenbahnerkühe“ von Dirk Lücke aus Laaber gereicht. Sein Betrieb startete vor 30 Jahren als wilde Land-WG.
von Katrin Böhm

  • Jonas (links) und Dirk Lücke im Ziegenstall Foto: Böhm
  • Drei Jahre später: Dirk Lücke am Nürnberger Hauptmarkt Foto: privat
  • Wie geht das noch gleich? Die ersten Melkversuche von Dirk Lücke 1983. Foto: privat

Laaber. Eigentlich ist Dirk Lücke Bauzeichner. Und er stammt aus dem Rheinland. Vor 30 Jahren gründete er eine Kommune in Laaber – gemeinsam mit seiner Frau und vier Freunden. In dem kleinen Dorf wurde das erst einmal mit Skepsis aufgenommen. Sechs junge Leute, die aufs Land in die damals wirklich tiefste Oberpfalz zogen, um dort eine WG zu gründen, darunter Bundeswehrverweigerer – das konnte nichts Gescheites sein. Und dann kamen auch noch zwei Ziegen – dabei konnte doch keiner der sechs melken. Weil die Bauern ringsum aber auch neugierig auf die neuen Dorfbewohner waren, kamen sie vorbei und zeigten den jungen Leuten, wie es geht.

Von der ersten Begeisterung beflügelt, kamen schnell weitere Ziegen dazu – und aus der Milch wurde Käse gemacht. Viel probierte die WG aus, „mal hat‘s geschmeckt, mal konnte man den Käse nicht essen“, sagt Dirk Lücke. Die Bauern im Dorf gaben ihnen drei, vier Jahre, mehr nicht. Die Lückes bewiesen Standfestigkeit.

Zwar verringerte sich parallel zur steigenden Zahl der Ziegen die der Mitbewohner. „Als die ersten gemerkt haben, dass das in Arbeit ausartet, hat sich die WG aufgelöst.“ Doch dann kamen die Kinder – vier an der Zahl – auf die Welt. Und Dirk Lücke und seine Frau Margret arbeiteten weiter an ihrem Lebenstraum. Sie lernten in einem Kurs, Käse herzustellen, verkauften ihn an einen kleinen Kreis von Kunden und an die ersten Bioläden in Nürnberg. Sie kratzten sämtliche Notgroschen zusammen, um ihrem Vermieter aus Nürnberg das Haus abzukaufen, da es sonst ein anderer übernommen hätte, und kämpften sich so durch. „Eigentlich tun wir das immer noch“, sagt Lücke – aber mit einem Lächeln und einem Optimismus, der sich nicht bremsen lässt.

Sohn Jonas ist der Nachfolger

Und der auch Sohn Jonas ansteckte. Schon als Bub war er der einzige, der immer mit auf dem Traktor saß – die anderen Geschwister interessierte das Landleben wenig. Der Älteste ist mittlerweile Informatiker in Kanada, die Tochter studiert in Regensburg und der jüngste Sohn geht zur Realschule „und will ganz bestimmt nicht Bauer werden“. Jonas wollte das – und lernte im Gegensatz zu seinem Vater den Beruf des Landwirts von der Pieke auf. Wo Dirk Lücke seit Jahrzehnten nach Gefühl und Erfahrung herumwurstelt, achtet sein 23-jähriger Sohn auf betriebswirtschaftliche Aspekte. Das muss auch so sein – denn für zwei Familien wirft der Ziegenhof nicht genug ab, Jonas hat darum noch einen zweiten Job. „Direktvermarktung ist ein recht brotloses Geschäft.“

Obwohl die Lückes in diesem Jahr einen dicken Fisch an der Angel haben – den Feinkost-Mogul Käfer. Anfang des Jahres klingelte bei Dirk Lücke das Telefon: Am anderen Ende war Andreas Schinharl, Küchenchef der Käfer Wies’n-Schänke. Er war im Internet über die Website der Lückes gestolpert und erzählte dem einigermaßen verdutzten Dirk Lücke, dass er früher bei seiner Oma mal Milch-Zicklein gegessen habe und ob er ihm nicht fürs Oktoberfest – das am heutigen Samstag beginnt – welche liefern könnte. Mehr als 100 wollte Schinharl ordern, 86 wurden es schließlich. „Mehr konnten wir nicht liefern.“

Mit einem gefrorenen Probe-Milch-Zicklein fuhren Dirk und Jonas Lücke in die Käfer-Manufaktur nach Parsdorf, wo sie das Zicklein abgaben und im Gegenzug eine Betriebsführung erhielten. Das Ambiente war – natürlich – piekfein, erinnert sich Dirk Lücke. „Im Empfangsbereich standen schneeweiße Ledersofas. Und dann kommen da wir zwei Bauern reingestapft.“ Doch nicht nur das Umfeld beeindruckte Lücke – auch die Art, wie der Vertrag abgeschlossen wurde, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann.

Ein Handschlag, sonst nichts

Ein Handschlag besiegelte das Geschäft, damit die Lückes wenigstens irgendetwas in der Hand hielten, unterzeichnete Schinharl „so einen provisorischen Wisch“. Einen echten Vertrag gab es nie, auch kein Geschachere um den Preis. „Und wir haben gedacht, das wird ein Mords-Aufwand und wir müssen tausendmal was unterschreiben – aber es war total unkompliziert.“ Etwas mulmig war den Lückes bei der Rückkehr zwar schon zumute, ob das jetzt alles seine Richtigkeit habe – aber spätestens als die vereinbarten 50 Prozent Vorauszahlung auf dem Konto aufliefen, war klar, dass das Geschäft seriös war.

An drei Tagen fahren die Lückes die portionierten und gefrorenen Ziegen nach München – die Lagerkapazitäten auf der Wiesn sind begrenzt. Für 32,50 Euro pro Person können Besucher der Käfer-Schänke das Zicklein verkosten, dazu gibt es Kräuterbrösln, gerahmte Schwarzwurzeln und Erdäpfelrösti. Verkauft wird das Ganze als „Eisenbahnerkuh“ – zu Zeiten der Reichsbahn hielten sich viele Bahnwärter Ziegen, die ihnen Milch, Käse und Fleisch lieferten. Ob er selbst 32,50 Euro für gerechtfertigt hält? „Fürs Oktoberfest ist es das vermutlich“, sagt Lücke. In der Region Neumarkt brauche man mit so einem Preis aber niemandem kommen.

Zu ihm in die Region auf den Hof zu kommen, das hat Küchenchef Schinharl nun doch nicht mehr geschafft – sonst hätte er den schönen Ort Pilsach auf der Menükarte sicher nicht in „Pilzach“ umbenannt.

Die Hoffnung liegt im Käse

Ob die Lückes im nächsten Jahr wieder liefern dürfen? Vielleicht kommt es darauf an, ob genügend Promis das Zicklein probiert haben – schließlich trifft sich im Käfer-Zelt alles, was Rang und Namen hat: Ob das Königin Silvia von Schweden oder Arjen Robben, Edmund Stoiber oder Franz Beckenbauer sind. Große Hoffnungen hat Dirk Lücke nicht: Andreas Schinharl habe schon angekündigt, dass es nicht zweimal das selbe geben wird. Aber vielleicht wird es ja was mit dem Käse? Auch den hatte Dirk Lücke zum Verkosten mit nach Parsdorf gebracht – und unangetastet wieder mit nach Hause genommen. „Dafür hatte er dann einfach keine Zeit mehr.“ Vater und Sohn wollen dranbleiben.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht