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Wirtschaft

So wird jeder Schüleraufsatz ein modischer Trend

Seit 20 Jahren produziert die Neumarkter Firma Online Schreibgeräte – und längst nicht mehr nur für Jugendliche.
Von Eva Gaupp

Neumarkt. Früher waren sie rot, blau und schwarz, andere Farben gab es nicht, geschweige denn Muster. Auch die Form und das Griffstück waren wenig individuell, meistens rutschig, vor allem, wenn die Finger während der Klausuren feucht-schwitzig wurden. Heute ist ein Füller für Schüler nicht mehr nur ein mehr oder weniger geliebtes Schreibutensil, sondern ein Kultobjekt und Modeaccessoire. Dafür hat die Neumarkter Firma Online Schreibgeräte gesorgt.

Im Showroom des Unternehmens von Alexandra und Thomas Batsch können auch ausgeprägten schreibmuffeln die Augen übergehen. Etagenweise reihen sich Füller mit Blumen, Schmetterlingen, Dinosauriern, Pferden, Schuhen und Handtaschen, glitzernden Feen oder düsteren Tattoos aneinander. Und das sind nur die Produkte der Young.Line. Wie man es sonst von Modelabeln kennt, bringt Online jedes Jahr eine neue Kollektion an Stiften heraus. Eine Nische, die das Ehepaar vor genau 20 Jahren entdeckte und seitdem sehr erfolgreich besetzt. Im Fahrradkeller einer Firma haben die beiden damals angefangen, ihre Geschäftsidee zu entwickeln, heute exportieren sie jedes Jahr rund 3,5 Millionen Produkte in 30 Länder der Erde und erzielen einen Jahresumsatz von etwa 17 Millionen Euro.

Bei der Idee damals seien die Uhren von Swatch Pate gestanden, erzählt Alexandra Batsch. Peppige bunte Stifte, die aktuellen Trends entsprechen, etwas Besonderes und dennoch bezahlbar sind – das war die Idee. Für die Trends ist die Chefin zuständig. „Ich bin relativ viel auf Reisen, in den USA, Asien, aber zum Glück lebt die kreative Welt in Europa“, erzählt sie. Auf den Straßen Italiens erkundet sie, welche Farben und Muster bei den Mädchen beliebt sind. Die Mode in Italien sei der deutschen etwa ein Jahr voraus – das ist die Zeitspanne, die Online nutzt, um entsprechende neue Modelle zu kreieren.

Die Designer am Neumarkter Standort versuchen dann zusammen mit der Trendscoutin die Muster und Farben auf Stifte umzusetzen. „Aber wir dürfen nicht zu hip sein, denn unsere Branche setzt keine Trends“, fügt Thomas Batsch an. In der Regel muss sich eine Mode erst bei den Textilien durchsetzen, dann greifen die Teenies zu den passenden Kugelschreibern oder Füllern.

Trendscouts sind für die Inhaber aber auch ihre Zielgruppe selbst: die Mädels zwischen zehn und 16 Jahren. In einem groß angelegten Design-Wettbewerb können sie ihr Lieblings-Design entwerfen und die bestehenden Angebote von Online bewerten. Die bis zu 20000 Einsendungen werden dann ausgewertet. „Und dann werden natürlich unsere Abverkaufszahlen genau analysiert“, sagt Thomas Batsch. Denn wer auf modische Trends setzt, geht immer auch ein unternehmerisches Risiko ein.

Vor fünf Jahren haben die Batschs eine weitere Linie in ihr Portfolio aufgenommen: die Top.Line. „Ab 17, 18 Jahren stehen die Jugendlichen nicht mehr so auf bunte Stifte“, weiß Alexandra Batsch und ihr Mann fügt an: „Nach dem Schulalter haben wir unsere Kunden bis dahin eigentlich verloren.“ Doch wer 70 Prozent seines Umsatzes mit Produkten für die Schülergeneration mache, müsse auch den demografischen Wandel und die sinkenden Schülerzahlen im Blick behalten. Deshalb richten sich die Produkte der Top.Line an Erwachsene.

Einige vertreten die klassische Business-Kategorie, in der die Farben Silber und Schwarz dominieren, Stifte aus behandeltem Aluminium oder aber auch Holz in verschiedenen Maserungen. Eine eigene Geschichte bietet das Modell „Timeless Wood“, für das 45000 Jahre altes Kauri-Holz verwendet wird. Die Kauri-Bäume wurden vor Beginn der Eiszeit in Torfsümpfen begraben und luftdicht konserviert. Wer es eher glamourös liebt, schreibt seine Briefe vielleicht mit einer Crystal-Kreation mit Swarovski-Steinchen.

Das sind die Produkte, die Online Schreibgeräte bis nach China exportiert. „Es ist eine reine Geschenkartikel-Kollektion“, erklärt Thomas Batsch. Wie damals das Vorbild Swatch sollen auch die Edel-Produkte nicht über die 100-Euro-Grenze hinausgehen. Ergänzt wird die Top.Line-Kollektion durch ein ausgefeiltes Verpackungs-Konzept. „Ein Stift ist eher klein, deshalb ist es wichtig, dass er als Geschenk in einer ansprechenden schönen Verpackung überreicht wird“, erklärt Alexandra Batsch. Entwickelt wurden die Schachteln von Firmen, die sonst für die Schmuckindustrie arbeiten. „So ein Schreibgerät soll ja auch ein Schmuckstück sein.“

Die Swarovski-Steine werden in Asien einzeln auf die Stifte geklebt. „So eine Arbeit macht Ihnen in Deutschland keiner“, erklärt der Unternehmer. Ansonsten sind die Produkte von Online made in Germany. Die Zulieferer haben ihren Sitz größtenteils ebenfalls in Deutschland, zusammenmontiert und in die Welt verschickt werden die Produkte alle von Neumarkt aus.

Entsprechend groß ist der Bedarf an Lagerkapazitäten, weshalb das Ehepaar hofft, weiteren Grund in der Mooswiese kaufen zu können. Derzeit verteilen sich sich die Lager auf drei Standorte zwischen Neumarkt und Berngau. Für die ausgefeilte Logistik mit 2700 Lagerplätzen hat das Unternehmen vor kurzem eine neue Struktur geschaffen und arbeitet seitdem mit Robotern, die die Lagerplätze anfahren. Ab Herbst sollen in dem Bereich auch zusätzliche Ausbildungsplätze entstehen.

Wegen der Platznot den Standort verlassen, kommt für Alexandra und Thomas Batsch aber nicht infrage. „Der Standort Neumarkt bietet alles, was wir brauchen“, sagt er. Gegründet haben sie die Firma 1991 jedoch in Frankfurt am Main. Als es um die Erweiterung ging, hätten sie eigentlich überall in Deutschland hingehen können. Da Alexandra Batsch aus Neumarkt stammt, hatten sie sich auch die Jurastadt angesehen und dort interessante Immobilienpreise sowie eine gute Infrastruktur vorgefunden. Besonders schwärmt der aus Norddeutschland stammende Thomas Batsch von seinen Mitarbeitern: „Die Oberpfälzer sind super interessiert, zuverlässig und loyal.“

Anfang der 90er-Jahre war der Name „Online“ auch noch nicht als tägliches Vokabular verwendet worden, sondern der Inbegriff der Innovation. „Damals hatte ja noch niemand zuhause einen PC“, sagt Thomas Batsch. Das Innovative und der englische Name „Line“ passend zum Schreibutensil hatten für sie damals den Ausschlag für den Firmennamen gegeben. Insofern waren die Batschs schon vor 20 Jahren dem Trend voraus.

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