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Soldaten in selbst gestrickten Socken

Die Stadt Neumarkt plant ab September Ausstellungen über das Grauen und die Absurditäten des Ersten Weltkriegs – und sucht dafür Zeitzeugnisse.
Von Katrin Böhm

Hier sind Zeitzeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg zu sehen. Ein besonderer Schatz ist das Postkarten-Album eines Offiziers, der den Krieg vom Beginn bis zur englischen Kriegsgefangenschaft dokumentiert hat.

Neumarkt.Es sind die kleinen Geschichten, die das Grauen und die Absurdität des Ersten Weltkriegs verdeutlichen. Es sind die Schicksale der einzelnen Menschen, die die anfängliche Kriegseuphorie, die im Laufe der Jahre in Angst und Hoffnungslosigkeit umschlug, anschaulich machen. Eben das ist Ziel einer Ausstellung, die ab Anfang September im Stadtmuseum zu sehen sein soll. Angelehnt an die vier Jahre, die der Erste Weltkrieg dauerte, will die Stadt in den nächsten vier Jahren immer wieder verschiedene Aspekte des Kriegs beleuchten.

Am Dienstag stellten Stadtarchivar Dr. Frank Präger, Kulturamts-Leiter Oliver Michelsen, Petra Henseler, Leiterin des Stadtmuseums, und Rudi Bayerl, Vorsitzender des Historischen Vereins, ein erstes Konzept der Ausstellung vor – verbunden mit einem Aufruf an die Neumarkter, mögliche Zeitzeugnisse von 1914 bis 1918 als Leihgabe zur Verfügung zu stellen.

Wäre die Neumarkter Innenstadt im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden, wäre das womöglich nicht nötig – bis 1945 hatte Neumarkt, ebenfalls nach einem Aufruf an die Bürger, eine große Sammlung von Zeugnissen aus dem Ersten Weltkrieg. „Rektor Sommer wollte die Sammlung ordnen. Der Aufruf hatte Erfolg, aber Sommer ordnete nichts“, heißt es dazu in Karl Rieds „Geschichte der Stadt Neumarkt“ von 1960. Er selbst habe dies schließlich getan – doch im April 1945 verbrannte alles.

Hunger auch im ländlichen Raum

Dass der Erste Weltkrieg große Auswirkungen auf Neumarkt hatte, erklärte am Dienstag Dr. Präger. Das Militär, das erst 1909 abgezogen worden war, kam 1914/15 wieder – zur Freude der Bürger, schließlich waren die Soldaten ein großer Wirtschaftsfaktor und brachten Leben in die Stadt, außerdem wurden Lazarette gebaut.

Auch Hunger spielte in Neumarkt eine Rolle, obwohl die Stadt mit ihren damals etwa 7000 Einwohnern ländlich geprägt war – es gab massive Eingriffe in die Landwirtschaft, beispielsweise wurde im Jahr 1915 die Massenschlachtung von Schweinen angeordnet, so Dr. Präger. Außerdem mussten die Bauern einen Teil ihrer Erzeugnisse bei Sammelstellen abliefern, von wo aus sie verteilt wurden. Und auch die Soldaten und die Kriegsgefangenen im Ort mussten versorgt werden. Als es gegen Ende des Kriegs immer weniger zu verteilen gab, war Hunger ein großes Problem.

Bereits im Jahr 1916, und nicht erst im Zweiten Weltkrieg, gab es in Neumarkt außerdem die erste Luftschutzübung – vermutlich wurden die Bürger damals über die Kirchenglocken gewarnt. Eine große Rolle spielten damals die Feldpost (siehe Artikel unten), Zeitungen und Zeitschriften, denen häufig Plakate mit kriegsverherrlichenden Motiven, beispielsweise vom „guten Kameraden“ für die heimische Wohnzimmerwand beilagen. Kinderspielzeug wurde bestimmt von Zinnsoldaten und Blechtrommeln.

Verehrung der Gefallenen

In den Zeitungen wurden die Helden verehrt, den Gefallenen – es starben etwa 200 Neumarkter – wurden teilweise halbseitige Nachrufe gewidmet, in denen sämtliche Verdienste der Toten an der Front aufgeführt wurden. Bereits ab dem Jahr 1915 schrieb man allerdings nicht mehr vom „Komitee zur Ausrichtung der Siegesfeier“, sondern vom „Komitee zur Ausrichtung der Sieges- oder Friedensfeier“.

Und trotz aller Dramatik des Kriegs gibt es auch Anekdoten, die einen schmunzeln lassen: Zu Beginn des Kriegs gab es einen Aufruf an die Neumarkterinnen, die Frauen sollten möglichst viele Socken für die Soldaten an der Front stricken. Die Neumarkterinnen machten sich auch fleißig an die Arbeit – jedoch war bald darauf im Neumarkter Tagblatt zu lesen, dass sie sich die Mühe umsonst gemacht hatten: 70 Prozent der Socken mussten aussortiert werden, weil sie nicht an die Füße der Soldaten passten – daraufhin wurden die Sockengrößen normiert.

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