mz_logo

Region Neumarkt
Sonntag, 19. August 2018 30° 4

Verwaltungssenat

Stadträte blockieren Bio-Verpflegung

Trotz des erkennbaren Willens, dass Schüler gesünder essen sollen, wird Vorschlag der Verwaltung vertagt. Grund ist typisch.
Von Lothar Röhrl

Eigentlich sollte schon bald die Umstellung auf 100 Prozent Bio-Verpflegung an Neumarkts Grund- und Mittelschulen beginnen. Das liegt jetzt auf Eis. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Eigentlich sollte schon bald die Umstellung auf 100 Prozent Bio-Verpflegung an Neumarkts Grund- und Mittelschulen beginnen. Das liegt jetzt auf Eis. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Neumarkt.An einem kleinlichen Streit um Formulierungen ist am Montag vorerst ein großer Wurf in Sachen Umstellung auf mehr Bio-Lebensmittel bei der Mittagsverpflegung Neumarkter Schulen gescheitert. Da halfen auch Kompromissvorschläge nichts: am Ende dieses Tagesordnungspunktes im Verwaltungssenat des Stadtrats gab es am Montag eine mehrheitlich beschlossene Vertagung des Themas.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob Sigrid Steinbauer-Erler mit ihrem Bedauern über diese Entscheidung allein sein wird. Die Grünen-Stadträtin warnte vor einer Vertagung. Diese würde die wünschenswerte Umstellung auf eine nachhaltigere und gesündere Ernährung Neumarkter Schüler unnötig um ein Jahr verzögern.

Dafür wurde dieser auf den ersten Blick eigentlich unverdächtige Tagesordnungspunkt zu einem Paradebeispiel dafür, wie im Neumarkter Stadtrat beziehungsweise in manchen seiner Senate immer wieder einmal Themen so zerredet werden können, dass erst der Blick für das Ganze verlorengeht und sich dann viel zu wenige wegen des Beharrens auf eigene Standpunkte für Auswege interessieren. Das war übrigens an einem frühen Sommerabend der Fall, an dem die üblichen Verdächtigen von FLitZ gar nicht im Raum waren.

Dabei ging es um einen Punkt, der Neumarkt als Stadt der Nachhaltigkeit gut zu Gesicht stehen sollte: Schrittweise sollte in fünf Schuljahren beginnend ab 2019/2020 der Mindestanteil an Bio-Lebensmittel bei der Mittagsverpflegung von 15 Prozent auf 100 Prozent im Schuljahr 2023/2024 erhöht werden. So stand es im Beschlussvorschlag, der den Mitgliedern des Verwaltungssenats von dessen Verfasser Hildir Altinok vom Amt für Nachhaltigkeitsförderung vorgelegt worden war. In diesem stand auch, dass schon während des heuer im September beginnenden Schuljahres 2018/2019 sogenannte „Coaches“ (auf Deutsch: „Trainer“) beauftragt werden, die Einführung der DGE-Standards in Neumarkter Grund- und Mittelschulen vorzubereiten. Diese drei Buchstaben, die aber nur auf den ersten Blick gar nicht nach „Bio“ klingen wollen, stehen für Deutsche Gesellschaft für Ernährung (eben DGE). Die DGE-Standards beinhalten den Verzicht auf täglichen Fleischkonsum zugunsten der Verwendung von Produkten in Bio-Qualität wie saisonalem Gemüse, das von regionalen Betrieben geliefert wird, die sich dem regionalen Öko-Landbau verschrieben haben.

Auf einmal große Diskussionen

Wer dachte, dass dieses Thema im Galopp-Tempo von den Senatsmitgliedern durchgewunken werde, wunderte sich bald darüber, wie engagiert im Großen Sitzungssaal des Rathauses um Kosten von 23 000 Euro für den Einsatz von „Coaches“ in sieben Schulen, für die die Stadt Neumarkt als Sachaufwandsträger zuständig ist, diskutiert wurde. Wo sonst über Hunderttausende, ja Millionen Euro von Ausgaben binnen weniger Minuten entschieden wird, ging es um ein Reduzieren der Zahl teilnehmender Schulen und um die Frage, ob die erwarteten Kosten von bis zu 3,80 Euro eines Mittagessens (ohne Kosten für die Verwaltung) nicht doch noch reduziert werden könnten. Der diesbezüglichen Hoffnung aus der Runde der Senatsmitglieder, dass hier statt Caterer aus den Räumen Nürnberg oder Regensburg heimische Caterer eine Lösung wären, begegnete Hildir Altinok mit einer ernüchternden Feststellung. Denn kein einziger der kontaktierten, heimischen Caterer könne die gefragte DGE-Qualität in der benötigten Menge beisteuern.

Auch wenn sich UPW-Rätin Ruth Dorner („Wir wollen nicht, dass Essen teurer wird, wenn es Bio wird“) für den Einsatz von Coaches wegen deren Kenntnis um saisonales und damit günstigeres Essen stark machte. Und 2. Bürgermeisterin Gertrud Heßlinger mit Blick auf die oft nicht berücksichtigten Transportwege und somit verschwiegenen ökologischen Auswirkungen warnte, dass „Bio oft nicht gleich Bio“ sei, baute sich langsam in der zunehmend hektischeren Diskussionsatmosphäre ein gordischer Knoten statt einer Lösung auf.

Diesen versuchte zwar Martin Meier mit seinem Kompromissvorschlag, alles auf eine Schule mit einem Coach als Pilotprojekt zu konzentrieren, zu durchschlagen. Den von ihm als Antrag zur Geschäftsordnung formulierten Vorschlag musste Leitender Rechtsdirektor Jürgen Kohler verwerfen. Denn das sei lediglich ein Sachantrag, über den der Senat wegen des anderslautenden Beschlussvorschlags nicht abstimmen könne. Und somit blieb Martin Meier die wohl nicht nur ihn ernüchternde Alternative eines Antrags auf Vertagung eines Beschlusses, der die Mittagsbetreuung von aktuell 876 Kindern in sieben Grund- und zwei Mittelschulen betrifft.

Derzeit 470 Essen: Tendenz steigend

Freilich werden derzeit nur 470 Essen pro Tag ausgegeben. Die Zahl der Kinder, die sowohl für die Mittagsbetreuung, als auch für die Mittagsverpflegung angemeldet sind, sei in den vergangenen Jahren aber stetig gestiegen – heißt es in dem Entwurf der Verwaltung.

Nach knapp einer dreiviertel Stunde Hin und Her wurde die Vertagung mit 8:3 Stimmen durchgewunken. Ob und wie es mit dem Thema weitergehen wird, blieb damit zunächst unklar. Dabei blieb dem, der diese Debatte verfolgte, nicht verborgen, dass ausnahmslos alle Senatsmitglieder den Sinn einer höheren Bio-Quote erkannt haben.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht