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Familie

Stoffwindeln sind im Trend

Sie wickeln ihre Babys in Stoff und tragen ihre Kinder in Tüchern – zwei Neumarkter Mütter erzählen, warum das gut ist.
Von Katrin Böhm

Paul kennt’s nicht anders – er trägt schon immer Stoffwindeln. Foto: Daniela Götz
Paul kennt’s nicht anders – er trägt schon immer Stoffwindeln. Foto: Daniela Götz

Neumarkt.Als Sylvia Moosburger ihrer Mutter erzählte, was sie da vorhabe, wenn der kleine Paul erst einmal geboren sei, schlug die die Hände über dem Kopf zusammen. Das Baby mit Stoffwindeln wickeln? Warum sie sich das denn um Gottes willen antun wolle – in einer Zeit, in der es doch so praktische Windeln zum Wegwerfen gibt. Verstehen konnte sie diese Reaktion schon, sagt die 34-jährige Neumarkterin.

Schließlich sei sie anfangs selbst skeptisch gewesen. Doch die Tatsache, dass Wegwerfwindeln unglaublich viel Müll produzieren, bestärkte sie darin, sich über das Konzept der Stoffwindeln zu informieren. Die 34-Jährige versuchte, sich im Internet schlau zu machen, landete aber nur in Foren, in denen mit Abkürzungen und Insider-Wissen nur so um sich geworfen wurde. „Da hab ich nicht durchgeblickt.“

Sylvia Moosburger ist nicht nur Beraterin für Stoffwindeln, sondern auch Fan des Konzepts. Foto: Daniela Götz
Sylvia Moosburger ist nicht nur Beraterin für Stoffwindeln, sondern auch Fan des Konzepts. Foto: Daniela Götz

Aber sie sah, dass es bei zwei Freundinnen bestens klappte – also kaufte sie am Neumarkter Flohmarkt für 20 Euro gebrauchte Stoffwindeln, legte los und war sofort überzeugt. Direkt nach der Geburt hatte sie nämlich noch Einwegwindeln verwendet, und allein, was in dieser einen Woche an Müll zusammenkam, war verrückt. Mittlerweile ist Paul ein Jahr alt und trägt eigentlich immer Stoffwindeln – außer es gibt im Urlaub keine Möglichkeit, zu waschen. „Das ist ja alles kein Dogma.“

„Mit Stoffwindeln zu wickeln ist zu einfach, um es nicht zu tun. Das Ding ist: Die meisten Leute wissen es nicht.“

Sylvia Moosburger

Ihre Begeisterung wollte Sylvia Moosburger nicht für sich behalten – sie ließ sich im Herbst 2017 bei den Stoffwindelexperten, einem Beraternetzwerk in Dresden, zur offiziellen Stoffwindelberaterin ausbilden. „Mit Stoffwindeln zu wickeln ist zu einfach, um es nicht zu tun“, sagt Moosburger. „Das Ding ist: Die meisten Leute wissen es nicht.“

Es gibt laufend Anfragen

Seither ist die 34-Jährige, die eigentlich Realschullehrerin ist, mit einem großen Trolley unterwegs, in dem sich Windeln, Zubehör und viele Infos stapeln. Sie gibt Kurse im Familienzentrum und Hausbesuche, eine Einzel-Standardberatung kostet 40 Euro. Die ersten Anfragen über Facebook hatte Moosburger schon, als sie noch nicht einmal ein Gewerbe angemeldet hatte.

Mit Stoffwindeln wickeln – so funktioniert‘s:

So wickelt man mit Stoffwindeln – Sylvia Moosburger zeigt, wie‘s geht. Video: K. Böhm

Dass jemand wieder auf Einwegwindeln umgestiegen wäre, hat sie noch nicht mitbekommen. „Ich kann mir nur vorstellen, dass einer hinschmeißt, wenn es nicht läuft – aber dann hat er einfach das falsche System.“ Schließlich gibt es je nach den Bedürfnissen des Babys verschiedene Ansätze, was etwa die Wahl des Stoffs betrifft. Und da hilft Beratung. Richtig Geld verdienen will die 34-Jährige damit nicht – sie verkauft keine Windeln, sondern berät nur. Ganz bewusst: Sie sieht sich nicht als Verkäuferin, sondern als Verfechterin einer „echt coolen Sache“.

Die Auswahl überfordert Eltern

Im Prinzip will Iris Hiecke das gleiche, nur in anderer Sache – Hiecke ist „überzeugte Tragemama“.

Größere Kinder wie Gabriel werden auf dem Rücken getragen, Babys kommen nach vorne vor die Brust. Auch Iris Hieckes Tochter Mona findet die Tücher toll – für den Spaziergang mit ihrer Puppe. Foto: Sandra Spies
Größere Kinder wie Gabriel werden auf dem Rücken getragen, Babys kommen nach vorne vor die Brust. Auch Iris Hieckes Tochter Mona findet die Tücher toll – für den Spaziergang mit ihrer Puppe. Foto: Sandra Spies

Sie will Eltern kleiner Kinder nahe bringen, dass Tragen toll für alle Beteiligten ist – und sie hilft beim Auswählen der richtigen Tragehilfe. Schließlich gibt es zwischen den ganzen Tüchern und rucksackartigen Tragen mittlerweile eine derart große Auswahl, dass viele junge Eltern davon eher überfordert sind.

Der Ring-Sling – Alternative zum klassischen Tragetuch:

Alternative zum Tragetuch: der Ring-Sling. So funktionier‘s. Video: K. Böhm

Als Krankenschwester, die lange in der Pädiatrie gearbeitet hat, war sie schon vor der Geburt ihrer Tochter Mona, die mittlerweile fünf ist, von den positiven Einflüssen des Tragens auf Kinder überzeugt – von der starken Bindung, der Stimulation von Darm und Atmung, der Entspanntheit getragener Babys. „Aber anfangs hab ich mich einfach nicht getraut. Das Tuch war so lang und dann die vielen Bahnen.“

So funktioniert Tragen mit der Tragehilfe:

Eine Tragehilfe richtig verwenden – Iris Hiecke zeigt, wie. Video: K. Böhm

Schlüsselerlebnis war, als sie vom Einkaufen zurückkam und ihr Mann in der Küche den Mixer reparierte – Tochter Mona schlummerte friedlich im Tragetuch vor seiner Brust. Was der kann, schaff’ ich auch, dachte sich Iris Hiecke – und trug fortan ihre Tochter im Tuch. Erst vorne, dann auf dem Rücken. Als Sohn Gabriel vor eineinhalb Jahren zur Welt kam, lief es genauso.

Der eineinhalbjährige Gabriel findet‘s super, wenn Mama ihn am Rücken spazieren trägt. Foto: Sandra Spies
Der eineinhalbjährige Gabriel findet‘s super, wenn Mama ihn am Rücken spazieren trägt. Foto: Sandra Spies

„Säuglinge sind Traglinge. Dass Kinder sich nicht gerne ablegen lassen, ist angeboren. Die einen tolerieren es mehr, die anderen weniger“, sagt Hiecke – aber meist sind Babys zufriedener, wenn sie bei Mama oder Papa sind. „Ein Tuch ist da einfach praktisch: Da kann ich kochen oder einkaufen und habe immer beide Arme frei.“

Sieht kompliziert aus, soll aber gar nicht so schwer sein: Tragen mit dem Klassiker, dem Tragetuch:

Iris Hiecke zeigt den richtigen Umgang mit einem Tragetuch. Video: K. Böhm

Im Herbst 2017 machte sie eine Ausbildung zur Trageberaterin in der Didymos-Trageschule und berät seither Eltern. Ob es dann auf ein Tuch, eine Tragehilfe oder doch den Kinderwagen rausläuft, steht für sie an zweiter Stelle. „Ich will für jeden das Richtige finden – und bin da nicht dogmatisch.“ Ach so, die Mutter von Sylvia Moosburger, wickelt ihren Enkelsohn übrigens längst mit Stoffwindeln. Und Iris Hieckes Vater, ein Landwirt aus Pollanten, trägt seinen Enkel im Tragetuch spazieren.

Der Vorurteils-Check

  • Ist es nicht total eklig, Stoffwindeln zu benutzen?

    Sagen wir es, wie es ist: Beim Wickeln stinkt es oft, egal, mit welcher Windel. Aber: Wegwerfwindeln stinken im Müll, weil der Urin mit den darin enthaltenen Superabsorbern chemisch reagiert, sagt Sylvia Moosburger. Bei Stoffwindeln gibt es die nicht. „Das fällt also weg.“ Das große Geschäft wird mit einem Windelvlies abgefangen, das im Hausmüll entsorgt wird. Benutzte Stoffwindeln können in einem geruchs- und wasserdichten Beutel vier, fünf Tage aufbewahrt werden und wandern dann direkt in die Waschmaschine. „Man muss nichts vorher auswaschen.“

  • Ist das nicht irre aufwendig?

    Man hat ein, zwei Waschmaschinenladungen pro Woche mehr – dafür spart man sich das Kaufen und Schleppen der Windelkisten.

  • Ist das nicht teuer?

    Freilich, die erste Investition liegt bei rund 300 Euro, im Laufe der Wickeljahre kommen vielleicht noch einmal 200 Euro dazu. Der Landkreis Neumarkt gewährt einen Zuschuss von bis zu 25 Prozent pro Stoffwindelset (maximal 60 Euro pro Set). Zum Vergleich: Wer sein Kind drei Jahre mit normalen Wegwerfwindeln wickelt, komme auf 1400 Euro, sagt Moosburger. Bei Öko-Wegwerfwindeln seien es sogar 2100 Euro.

  • Schadet das Tragen nicht dem eigenen Rücken?

    Es kommt auf System und Technik an. Für wen welches System am besten geeignet ist, muss man ausprobieren. „Eltern müssen sich gut bewegen können und wohlfühlen“, sagt Iris Hiecke.

  • Ist das nicht schlecht für die Haltung des Kindes?

    Im Gegenteil: Gerade für Babys ist die breite Anhock-Spreiz-Haltung sogar gut, weil sie der gesunden Entwicklung der Hüfte dient. Es sollten allerdings nur Tücher und Tragehilfen verwendet werden, die ergonomisch geeignet sind. Tragehilfen, in denen Babys nach vorne schauen, sind ergonomisch gesehen schlecht.

  • Verwöhne ich mein Kind damit nicht?

    „Das sind Ammenmärchen“, sagt Hiecke. Alle Babys werden ungern abgelegt, in vielen Kulturen werden sie ständig getragen. Tragen vermittelt die beruhigende Wärme und Bewegung der Eltern, stärkt die Bindung, stimuliert den Darm und die Atmung, was gerade bei Krank- und Frühgeborenen wichtig ist.

Gemeinsam organisieren die beiden Mütter Treffen und Kurse im Familienzentrum:

Gemeinsam organisieren Iris Hiecke (l.) und Sylvia Moosburger Treffen und Kurse im Familienzentrum. Foto: Daniela Götz
Gemeinsam organisieren Iris Hiecke (l.) und Sylvia Moosburger Treffen und Kurse im Familienzentrum. Foto: Daniela Götz

Nächster Wickel- und Tragetreff: 9. März, 9.30 Uhr, Familienzentrum (Teilnahme kostenlos)

Stoffwindel-Kurse im Familienzentrum: 20. März, 26. April, 4. Juni, 11. Juli, jeweils 19 Uhr (zwei bis 2,5 Stunden). Kosten: je 20 Euro.

Trageworkshops im Familienzentrum: Für Schwangere: 9. April, 19 Uhr (20 Euro, Dauer: 2,5 Stunden). Für Einsteiger (mit Baby): 15. Mai, 9 Uhr (20 Euro, 2,5 Stunden). Für Fortgeschrittene (Baby ab sechs Monaten)/Rückentragen: 12. Juni, 9.30 Uhr (15 Euro, 1,5 Stunden)

Kontakt: stoffwindelberatung-neumarkt@web.de, kontakt@trageberatung-iris-hiecke.de

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