MyMz
Anzeige

Ernährung

Sulzbürg feiert das 1. Saatgutfest

Umweltverbände sorgen sich um das Aussterben alter Obst- und Gemüsesorten. Politiker Albert Deß sagt, Qualität sei wichtig.
Von Eva Gauppn

  • Gurken sollen schon vor 4000 Jahren angebaut worden sein. Seit dem 19. Jahrhundert werden sie in Nordeuropa kultiviert. Foto: Felix Zahn
  • Marina Malter und Anne Fröhlich gehören zu den Organisatoren des Saatgutfests. Foto: Gaupp

Neumarkt.Auf Geheiß Gottes baute Noah eine Arche, um von allen Tierarten mindestens ein Paar zu retten – um die Sintflut zu überstehen. Seit knapp 30 Jahren trägt auch ein Verein, der sich der Erhaltung der Pflanzenvielfalt verschrieben hat, diesen Namen: Arche Noah. Einer der größten seiner Art in Europa. Wer heute die Obst- und Gemüseabteilung eines Supermarkts betritt, versteht schnell, worum es ihm geht: Denn in den Kisten liegen keine Jasser, Mervita oder Znojmia zum Verkauf, sondern klassische Schlangengurken und Landgurken. Das war‘s. 75 Prozent der Pflanzensorten seien im 20. Jahrhundert vernichtet worden, heißt es vonseiten der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

Annegret Hottner wollte dagegen etwas unternehmen. Und wurde Pflanzen-Patin von Arche Noah. „Es ist wichtig, alte Sorten zu erhalten“, sagt die Schwandorferin. Altes Saatgut werde zwar in Datenbanken gelagert, doch eine Pflanze müsse auch die Gelegenheit haben, sich an Veränderungen von Klima und Umwelt anzupassen. Deshalb kultiviert die Saatgutspezialistin in ihrem Garten altes Obst und Gemüse: Die Markerbse Ruhm von Braunschweig gehört dazu, das Radieschen Feuerkugel und der Forellensalat.

Vorträge, Börse und Experten

Annegret Hottner ist eine von 13 Ausstellern auf dem 1. Saatgutfest in der Familienerholungsstätte Sulzbürg (Schloßberg 17). Auf Initiative der Öko-Modellregion Neumarkt, des Eine Welt Ladens und der Familienerholungsstätte können sich Besucher am Sonntag von 10 bis 16 Uhr auf einem Markt, in Vorträgen und bei einem Expertengespräch über alte Obst- und Gemüsesorten informieren.

Das komplette Programm:

1. Saatgutfest: Das Programm

  • Vorträge:

    12 Uhr: Hannelore Zech „Was ist Permakultur? Vom Topfgarten bis zur Landwirtschaft“ – 13 Uhr: Annegret Hottner „Mit Saat und Tat“ (über die Arche Noah) – 15 Uhr: Karin Deraed „Vielfalt erhalten, Saatgutbankenprojekt in Indien“

  • Expertengespräch:

    14 bis 15 Uhr „Sortenvielfalt – Potenzial oder Hobby?“ mit Autorin Anja Banzhaf, Samengärtnerin Annette Holländer und Saatgutspezialistin Gundula Isernhagen; Moderation: Violetta Paprotta

  • Lehrfilm:

    11 Uhr „Saatgut ist Gemeingut“

  • Ausstellung:

    „Genetische Vielfalt und Ernährungssicherung“

  • Markt:

    Anja Banzhaf (Autorin: „Wer die Saat hat, hat das Sagen“), Hannelore Bogner (bioVerum Effektive Mikroorganismen), Karin Deraed (Brot für die Welt), Sandra Erlacher (Saatgut-Vermehrerin), Barbara Heydenreich (Saatgut alte Gemüsesorten), Annegret Hottner (Arche Noah), Gundula Isernhagen (Vermehrungsgarten), Cora Leroy (Autorin „Gemüsesamen selbst gezogen“, Marina Malter (Schatzkammer Pölling, Eine Welt Laden), Claus Philipp (Jungpflanzen, Bio-Saatgut), Sigrid Schindler (BUND Mühlhausen), Simone Spangler (Öko-Modellregion Neumarkt)

  • Ort:

    Familienerholungsstätte Sulzbürg, Schlossberg 17, Mühlhausen

  • Termin:

    Sonntag, 4. Februar, 10 bis 16 Uhr; Eintritt frei

Das Saatgutfest hat jedoch nichts mit Nostalgie zu tun, um in Erinnerungen an alte Sorten zu schwelgen. „Uns geht es um die Bewusstseinsbildung in Zeiten von Agrarkonzernen wie Monsanto und Bayer“, erklärt Anne Fröhlich von der Öko-Modellregion. Es geht um den Kampf gegen Patente auf Tiere und Pflanzen, um die Gefahr einer Abhängigkeit von Gärtnern und Landwirten von den weltweit agierenden Agrarkonzernen, um den Erhalt der Artenvielfalt und um die Frage, warum es meist nur noch sogenannte F1-Hybrid-Pflanzen zu kaufen gibt, mit deren Samen man keine gleichwertigen neuen fruchtbaren Pflanzen mehr nachziehen kann. „Es fängt ja beim Verbraucher an: Er kann sich für Hybridsaatgut entscheiden und für eine wahrscheinlich gesündere Sorte oder für eine alte Saat, die geschmackvoller ist, aber eventuell auch anfälliger für Krankheiten“, sagt Fröhlich.

F1-Hybride eigenn sich nicht zum Züchten

Diese „F1-Hybride“ sind in der Regel Kreuzungen aus zwei Arten oder Sorten, die jedoch entweder steril sind oder einen veränderten Samen haben. Wenn man diesen wieder einsetzt, kommen keine gleichwertigen Nachkommen heraus. Wer also Gemüse in seinem Garten oder auf dem Balkon ziehen will, muss immer wieder neue Saat oder Pflanzen beim Hersteller kaufen. Die Saatgutkonzerne haben dieses System verfeinert und bieten parallel die passenden Dünger und Pflanzenschutzmittel an. Damit, so sagen die Kritiker, werde die Lebensmittelherstellung globalisiert, patentiert und befinde sich letztlich in den Händen weniger Großkonzerne.

Gegen die EU-Pläne zur Änderung bei der Saatgut-Zulassung haben Verbraucherschützer und Landwirte intensiv demonstriert. Das EU-Parlament lehnte das Konzept letztendlich ab. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Gegen die EU-Pläne zur Änderung bei der Saatgut-Zulassung haben Verbraucherschützer und Landwirte intensiv demonstriert. Das EU-Parlament lehnte das Konzept letztendlich ab. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hintergrund dieser Entwicklung ist die Gesetzgebung für Saatgut: In Deutschland darf nur Saatgut verwendet oder verkauft werden, wenn es vorher staatlich geprüft und anerkannt wurde. Deshalb dürfen Hobbygärtner auch kein Saatgut aus ihrem Garten offiziell verkaufen – eine Alternative bilden Tauschbörsen für Gleichgesinnte, wie sie auch in Sulzbürg beim Saatgutfest angeboten wird.

Das sei ein wichtiger Beitrag für den Verbraucherschutz, erläutert der Europaabgeordnete und Landwirt Albert Deß. Damit werde zum einen das Urheberrecht der Züchter gewährleistet und zum anderen die Qualität gesichert. Das Gesetz solle sicher stellen, „dass die Züchter ausreichend Einkommen erzielen, um auch weiterhin innovativ an neuen Sorten arbeiten zu können“. Dabei sei über das Züchterprivileg sichergestellt, dass jede zugelassene Sorte in der weiteren Züchtung von jedem Züchter kostenfrei genutzt und in neue Sorten eingekreuzt werden darf.

In diesem Zusammenhang weist der CSU-Politiker aber auch darauf hin, dass es wichtig sei, dass keine Patente auf Tiere und Pflanzen erteilt werden, sondern Sortenschutzrecht vor Patentierung gelten müsse.

Saatgutverkehrsgesetz und Saatgutverordnung sorgten für eine zuverlässige Qualität: Sortenreinheit, Freiheit von Samen anderen Kulturen insbesondere Unkräutern, Gesundheit des Saatgutes, das heißt keine Übertragung von Krankheitserregern wie Viren, Pilzen oder Schädlingen sowie eine hohe Keimfähigkeit. „Auf diese Qualität muss sich der Landwirt und Gärtner verlassen können, um Schaden auf seinen Feldern und Beeten zu vermeiden und qualitativ hochwertige Produkte zu erzeugen“, sagt Deß.

Das komplette Interview mit dem Europaabgeordneten Albert Deß lesen Sie hier:

BBV fühlt sich nicht gegängelt

Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands relativiert die Befürchtungen, die Landwirte könnten in Abhängigkeit der Agrarriesen geraten. „Ich bin seit über 30 Jahren Landwirt. Und ich habe es noch nicht verspürt, dass wir gegängelt werden“, sagt Michael Gruber. Die Bauern sprächen sich klar gegen genveränderte Pflanzen aus und auch gegen Patente auf Pflanzen und Tiere. Es sei durchaus möglich, bei Anbietern Saatgut zu kaufen, ohne in eine Abhängigkeit zu geraten.

„Ein Patent behindert den Zuchtfortschritt.“ Michael Gruber,

BBV-Kreisobmann

Wichtig sei, dass die Züchter auf die Anforderungen und Erwartungen der Landwirte eingehen, erklärt Gruber. Dazu gehöre Getreide, das beispielsweise mit den veränderten Klimaverhältnissen klar komme, das langen Trockenperioden genauso überstehe wie Starkregen. „Ein Patent behindert den Zuchtfortschritt“, unterstreicht der BBV-Kreisobmann. „Pflanzenzüchter müssen freie Hand haben.“

Züchterin ist auch Annegret Holländer. Samengärtnerin nennt sie sich. Etwa 80 Gemüsesorten bauen ihr Partner und sie jedes Jahr an, vor allem alte Sorten. „Es ist ein Wahnsinn, wie gut die schmecken“, schwärmt sie und spricht von einem „verloren gegangenen Schatz“. Ihr Garten ist wie eine Arche, in der dieser Schatz bewahrt wird.

Weitere Nachrichten aus Neumarkt lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht