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Erinnerung

Sulzbürg: Jude besucht Gräber der Ahnen

Geoffrey Neuhaus aus New Jersey sucht nach den deutschen Spuren seiner Familie. Seine Vorfahren wanderten aus.
Von Josef Wittmann

Heide Inhetveen entziffert für Geoffrey Neuhaus und Tochter Chava die Inschrift auf dem Grabstein seines Urgroßvaters Jakob Neuhaus, der 1889 starb. Foto: Wittmann
Heide Inhetveen entziffert für Geoffrey Neuhaus und Tochter Chava die Inschrift auf dem Grabstein seines Urgroßvaters Jakob Neuhaus, der 1889 starb. Foto: Wittmann

Sulzbürg.Geoffrey Neuhaus aus New Jersey hat den jüdischen Friedhof in Sulzbürg besucht, um die Gräber seiner Ahnen zu sehen. Siebzehn Grabsteine bezeugen, dass die Familie Neuhaus seit dem 30-Jährigen Krieg in Sulzbürg lebte. Geoffrey ist 1926 geboren und hieß als Kind Gottfried. Er stammt aus der Linie des Sulzbürger Webermeisters Jakob Neuhaus, der im 19. Jahrhundert in zwei Ehen 21 Kinder zeugte. Seine dritte Ehe blieb kinderlos.

Über seinen Sohn Emanuel führt der Familienstammbaum zu Hugo Neuhaus, der sich als Kinderarzt in Ulm niederließ. Dessen Sohn Gottfried wuchs dort mit einer Schwester auf. „Ich war der einzige Jude in der Klasse und wurde ein paarmal verhauen“, erinnert er sich. „Unser Klassenlehrer war ein SA-Sturmführer und hat gehetzt. Meine Eltern haben mich von der Schule entfernt, als wir ein Lied auswendig lernen mussten, das mit ‚Juda den Tod‘ endete“. Der Sturmführer habe zu seiner Mama gesagt, „das kann ma net ändere für den kleinen Jud“.

Von den USAnach Mexiko

Die Familie wanderte 1936 aus, und überlebte deshalb. Der Vater praktizierte dann in Freeport auf Long Island. So feierte Gottfried seinen 10. Geburtstag auf Hoher See, kam in die öffentliche Schule und musste „zwei Sprachen auf einmal lernen, nämlich Englisch und Hochdeutsch, denn in Ulm hab‘ ich geschwäbelt. Ich habe alles mögliche studiert und bin dann mit meiner Frau als Englischlehrer nach Mexiko gegangen“. Später fand er Dank seiner Sprachkenntnisse eine Stelle bei einer pharmazeutischen Firma. „Wir waren viel in Südamerika und im Fernen Osten, auch in Vietnam. Es war eine sehr interessante und sehr erfreuliche Laufbahn für mich“, erzählt Neuhaus. Heute lebt die Familie gegenüber von New York auf der Westseite des Hudson.

Ein Stein für Nanni und Naftali. Foto: Wittmann
Ein Stein für Nanni und Naftali. Foto: Wittmann

Auf dem Sulzbürger Friedhof geht für Neuhaus ein Traum in Erfüllung. Seit vor 70 Jahren sein erster Sohn geboren wurde, sucht er nach Spuren seiner Familie. Nun steht er am Grab seines Ururgroßvaters Jakob und entziffert mit der Sulzbürger Stolperstein-Initiatorin Prof. Heide Inhetveen die hebräische Inschrift: „Hier ist begraben ein fleißiger Mann gottesfürchtig und er mühte sich und sorgte sich um Gottes Wort. Er ehrte die Rabbinen ... Arme an seinem Tisch“, steht da und „Herr Jakob, der Sohn des Chawer, des Herrn Eliezer Neuhaus starb am 4. Tag (Mittwoch), den 3. Ab 649 (d.h. 31. Juli 1889). Es sei seine Seele eingebunden im Bündel des Lebens“. In deutschen Buchstaben ist ergänzt „... zu einem seligen Erwachen“ und „Friede seiner Asche“.

Es kann wieder geschehen

Überall auf dem Friedhof zeigt Inhetveen dem Ururenkel von Jakob Neuhaus die Gräber seiner Ahnen. Darunter ein seltenes Doppelgrab der Geschwister Naftali und Hanni, die 1861 gestorben sind, auf das Geoffreys Tochter nach jüdischem Brauch statt Blumen einen Stein zur Erinnerung legt. Ihr Vater kann den Blick nicht von den steinernen Zeugen der Familiengeschichte wenden. Angesprochen auf aktuelle rechtsradikale Tendenzen hofft er, dass auch die wieder verschwinden. Heide Inhetveen will mit ihrer Erinnerungsarbeit weiter dafür arbeiten und zitiert den italienischen Schriftsteller und Auschwitzüberlebenden Primo Levi: „Es ist geschehen und es bedeutet, dass es immer wieder geschehen kann“.

In den nächsten Tagen sollen weitere Stolpersteine verlegt werden.

Schüler eines P-Seminars am Ostendorfer Gymnasium in Neumarkt hatten die Verlegung von Stolpersteinen in Neumarkt intensiv vorbereitet und begleitet. Dafür wurden sie ausgezeichnet.

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