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Literatur

Tragischer Verlust der Heimat

Die aus Seubersdorf stammende Autorin Gerda Stauner veröffentlicht „Wolfsgrund“. Es spielt zum Teil im Raum Hohenfels.
Von Peter Tost

Gerda Stauner lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Regensburg. Foto: Tost
Gerda Stauner lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Regensburg. Foto: Tost

Seubersdorf.Aller guten Dinge sind drei – oder wie aus einem Roman eine Trilogie wird: Unter dieses Motto lassen sich die schriftstellerischen Aktivitäten von Gerda Stauner stellen. Nach „Grasmond“ und „Sauforst“ erscheint diese Woche der dritte Roman der aus Seubersdorf stammenden Autorin. In „Wolfsgrund“ schließt sie eine rund 150 Jahre umfassende Familiensaga ab, die im Altlandkreis Parsberg und in Regensburg spielt.

Als im Jahr 2016 Gerda Stauners erster Roman unter dem Titel „Grasmond“ erschien, wusste die Autorin – sie lebt seit 20 Jahren in Regensburg – selbst noch nicht, dass sich daraus eine Trilogie entwickeln würde. In ihrem Debütroman beleuchtete sie die Folgen des Zweiten Weltkriegs auf die Menschen in der Oberpfalz. Die Idee für die Figuren in ihrem zweiten Roman mit dem Titel „Sauforst“ stammen aus der Beschäftigung mit ihrem Familienstammbaum. Zeitlich spielt die Handlung der ersten Zeitebene vor den Geschehnissen in „Grasmond“. Der Roman thematisiert die Industrialisierung der Oberpfalz Mitte des 19. Jahrhunderts und beschäftigt sich mit der Frage, was Heimat bedeutet.

„Nachdem das Buch fertig war, merkte ich, dass es noch offene Fragen gab. Auch Leser haben mich darauf angesprochen, so dass ich mich dazu entschloss, den dritten Roman zu schreiben und die Familiengeschichte abzurunden“, sagt Gerda Stauner. Ausgangspunkt für „Wolfsgrund“ war die Frage, was aus dem jungen Tageszeitungsvolontär Melchior Beerbaum aus ihrem Erstling geworden ist.

Das Leben als Scherbenhaufen

Der ist mittlerweile ein 65 Jahre alter Redakteur und kurz vor der Rente. Persönlich steht er vor einem Scherbenhaufen und ringt mit der Frage, ob er das Geheimnis um seinen unehelichen Sohn lüften soll oder nicht. Denn damit würde er seinen besten Freund verlieren. Im Zusammenhang mit dem Thema Verlust stieß die Autorin auf das Schicksal der Aussiedler, die im Oktober 1951 ihre Heimatorte für die Errichtung des US-Übungsplatzes Hohenfels gezwungenermaßen verlassen mussten und ihre Heimat verloren.

„Norbert Wittl von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Truppenübungsplatz organisierte für mich ein Treffen mit Zeitzeugen dieser Vertreibung von mehr als 3000 Menschen sechs Jahre nach Kriegsende“, erzählt die Autorin. Literarisch baut sie das Thema in den Roman „Wolfsgrund – Eine Spurensuche“ ein, indem sie Melchior Beerbaum die Lebensgeschichte seiner Urgroßmutter Agathe recherchieren und niederschreiben lässt. Diese ist eng verbunden mit der Aussiedlung der Menschen aus ihrer Heimat.

Geschichte

Tränenreicher Abschied bei den Kindern

Vor 65 Jahren wurde der Übungsplatz Hohenfels errichtet, viele verloren ihre Heimat. Trauer bestimmte den letzten Schultag.

Ein aktuelles Ereignis zu der Zeit, als Gerda Stauner den Roman schrieb, findet ebenfalls Eingang in die Handlung und gibt ihrem dritten Buch sogar den Namen. „Im Sommer 2017 machten Meldungen die Runde, dass im Bereich des Truppenübungsplatzes ein Wolf entdeckt worden war.“

Im Roman weckt das wilde Tier das Interesse von Melchior Beerbaum, weil sich der heimatlose Redakteur mit dessen Schicksal auf eine seltsame Art und Weise verbunden fühlt. Der Roman „Wolfsgrund“ erscheint am 20. März im Buchhandel und bildet den Abschluss der Oberpfälzer Familiensaga um die Familie Beerbauer.

„In der Trilogie wird anhand von acht Hauptcharakteren die Geschichte dieser Oberpfälzer Familie über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt“, fasst Gerda Stauner zusammen.

Eine besondere Ehrung und Würdigung ihre Arbeit als Autorin erfuhr sie im vergangenen Jahr, als sie für ihr literarisches Schaffen mit dem Kulturförderpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet wurde. In der Laudatio heißt es, dass ihre Erzählungen immer auf zwei Zeitebenen spielen und den Leser Parallelen zwischen den Epochen erkennen und sich den Geschehnissen von unterschiedlichen Perspektiven nähern lassen. Sie konzipiere erfolgreiche Lesungen für Schulen und Bibliotheken sowie für Kulturveranstaltungen in der Region. „Mit ihrer Arbeit bereichert die gebürtige Oberpfälzerin die Regensburger Literatur- und Kulturszene wesentlich.“

Vorstellung in Schmidheim

Die offizielle Vorstellung von „Wolfsgrund“ findet Ende des Monats mit begrenzter Teilnehmerzahl auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels im Bereich des ehemaligen Örtchens Schmidheim statt. „Ich freue mich sehr, dass auch der Regisseur Josef Rödl kommen wird – sein Großvater stammt nämlich aus Schmidheim.“

War Gerda Stauner bei der Veröffentlichung von „Grasmond“ noch absolut neu in der Literaturszene, so hat sie in den vergangenen knapp drei Jahren auch schon viele andere Autoren kennengelernt. „An inzwischen immer zahlreicher werdenden Einladungen zu Veranstaltungen merke ich, dass Interesse an meiner Arbeit da ist.“

Nachdem sie mit „Wolfsgrund“ einen Schlusspunkt hinter ihre literarische Beschäftigung mit der Oberpfalz gesetzt hat, will Gerda Stauner eine schöpferische Pause einlegen. „Meine Idee für später ist, mit einem neuen Buch handlungstechnisch über die Oberpfalz hinauszugehen“, verrät sie.

Leseprobe aus „Wolfsgrund“

„Draußen schleicht der Wolf näher an das verfallene Dorf heran.

Vielleicht kann er noch einen Hauch des Lebens wittern, das hier vor

fast siebzig Jahren pulsierte. Eine Kirche mit angebauter Kegelbahn,

eine Dorfhüll, eine Brauerei mit Wirtschaft, eine Schmiede. Der Wolf spitzt die Ohren, bleibt reglos stehen. Hört er die Geister

derer, die zurückgekommen sind, um hier ihre letzte Ruhe zu finden?

Oder spürt er, dass die Menschen an diesem Ort im Wettstreit mit der

Natur verloren haben? Dass sich hier, wo Bäume aus Fenstern wachsen und am Sonntag nur noch Fledermäuse die Kirche bevölkern, ein

Der Roman erscheint diese Woche. Foto: Jupiter
Der Roman erscheint diese Woche. Foto: Jupiter

einzigartiges Schauspiel ereignet?

Das zaghafte Rosa hat sich in ein prächtiges Morgenrot verwandelt. Der Wolf scheint das Interesse an der Kirche und den Häusern

verloren zu haben und schleicht auf seinen rauen Pfoten zurück ins

Unterholz. In diesem Moment trifft das erste Licht des Tages auf die

Reste eines Hauses, das ohne Dach schutzlos der Witterung und dem Verfall ausgesetzt ist. Im Bruchteil einer Sekunde werden die schillernden Überreste der blauen Wandbemalung sichtbar. Und man erhält eine Ahnung davon, wie es an diesem Ort einmal ausgesehen

hat, mit wie viel Leben das Dorf erfüllt war. Hier wurden Menschen

geboren und beerdigt, haben gelitten, gelacht und geliebt.“

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