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Sonntag, 23. September 2018 21° 8

Verbraucher

Trinkwasser ist kostbar aber bedroht

Das Trinkwasser um Neumarkt wird laut Experten knapper. Durch Besonderheiten im Boden sind Vorräte außerdem sehr angreifbar.
von Bettina Dennerlohr

Der Vorrat an Grundwasser schrumpft – es wird mehr entnommen, als sich durch Niederschläge nachbildet. Foto: Fotolia©crazymedia
Der Vorrat an Grundwasser schrumpft – es wird mehr entnommen, als sich durch Niederschläge nachbildet. Foto: Fotolia©crazymedia

Neumarkt.In Zukunft werden Kriege um Wasser geführt.“ Damit hat der frühere UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali 1985 darauf hingewiesen, dass Trinkwasser ein immer knapper werdendes Gut ist. Boutros-Ghali hatte vor allem die globale Lage und die Situation in den sogenannten „Entwicklungsländern“ im Blick. Doch auch wenn die Wasserversorgung in der Oberpfalz damit nicht vergleichbar ist, zeichnen sich auch hier Probleme ab: Das sauberes Trinkwasser rund um die Uhr aus dem Hahn kommt, ist gar nicht so selbstverständlich. Und in den kommen Jahren könnte es noch weniger selbstverständlich werden – denn für die Wasserversorgung gibt es viele Gefahren. Das zeigte sich bei einer Tagung in Neumarkt, die die Lammsbräu und der Verband Naturland organisiert hatten. „Grundwasserschutz geht uns alle an“ lautete das Thema.

Klimawandel als Gefahr

Eine der größten Gefahren geht von der Klimaveränderung aus. Rund um Neumarkt kann sie dafür sorgen, dass Trinkwasser knapp wird, erklärt Raimund Schoberer, Sachgebiet Wasserbau und Wasserwirtschaft am Wasserwirtschaftsamt Regensburg. Schon jetzt werde in Neumarkt Grundwasser aus größeren Tiefen entnommen, nicht nur oberflächennah. „Die derzeit noch gute Mengensituation wird sich tendenziell verschlechtern“, sagte Schoberer. Gemessen an den Niederschlägen seien die vergangenen zehn bis zwölf Jahre nur als mittel oder sogar schlecht einzustufen: „Das Oberflächenwasser ist relativ knapp geworden.“ Auch Tiefenwasser werde sichtbar weniger.

Mehr über die Trinkwasserqualität rund um Neumarkt lesen Sie hier.

Zumindest seit Jahresende verzeichne die Statistik zwar sehr gute Niederschläge, doch „besonders im Jura brauchen Tiefenwasser deutlich länger, um aufgefüllt zu werden“. Für viele Orte sei es daher – soweit nicht schon geschehen – dringend erforderlich, sich ein zweites Standbein zu suchen, um ihren Trinkwasserbedarf für die Zukunft zu sichern. Rund um Neumarkt sei das Versorgungsnetz im Vergleich zu anderen Landkreisen aber sehr gut, sagt Schoberer: Hier könnten sich die Wasserversorger bei Notlagen gegenseitig schnell unterstützen. In den Landkreisen Cham und Schwandorf gebe es dagegen beispielsweise viele Gebieten, deren Trinkwasserversorgung nur von einer Quelle abhängt. Das bestätigt auch ein Blick in die Daten des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. Dort ist die Sicherheit der Wasserversorgung in der Oberpfalz kartographiert. Die Farbe grün steht für „uneingeschränkt“ und bedeckt beinahe den kompletten Landkreis Neumarkt – mit Ausnahme der Stadt Parsberg, die mit „stark eingeschränkt“ klassifiziert wird.

Alle Teile der MZ-Themenwoche zum Thema Verbraucher und Landwirtschaft finden Sie hier.

Doch hier hat sich inzwischen etwa getan: Die Zahlen des Landesamts stammen vom Jahresbeginn 2015. Kurze Zeit später hat die Stadt Parsberg beschlossen, sich dem Wasserzweckverband Laber-Naab anzuschließen und seinen eigenen Trinkwasserbrunnen aufzugeben. Eine eigene Wasserversorgung aufrechtzuerhalten war nach Dafürhalten des Stadtrats wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll.

Warum die Neumarkter besonders gut auf ihr Trinkwasser achten sollten, kann Dr. Thomas Baumann erklären. Er leitet die hydrogeologische und hydrochemische Arbeitsgruppe am Institut für Wasserchemie der Technischen Universität München. Mit seinem Team hat er schon mehrfach Boden und Wasser in und um Neumarkt untersucht. „Im Boden des Neumarkter Beckens finden sich sehr junge Ablagerungen aus Flugsand“, sagt Baumann. Diese Schicht sei zwar ein guter Grundwasserleiter, aber sehr verletzlich. An dieser Stelle sei das Grundwasser sehr stark auf Schutz angewiesen, erklärt Baumann. Besonders Einflüsse von Menschenhand könnten sich als bedrohlich erweisen: „Künstliche Eingriffe schalten große Teile des Schutzes aus.“

Relativ dünne Deckschicht

Als Beispiel nennt Baumann große Bauwerke, die oft auf vielen Bohrpfählen stehen, um ihr Gewicht besser zu verteilen. In Neumarkt sind das zum Beispiel das Krankenhaus oder das neue WGG. Doch diese Pfähle durchstoßen immer wieder Deck- und Schutzschichten und bahnen dem Wasser einen direkten Weg in den Grundwasserspeicher, sagt Baumann: „Die Schutzwirkung der Deckschicht wird deutlich reduziert.“ Das Ergebnis: höhere Konzentrationen von Schadstoffen im Grundwasser. Im Falle des „Neuen Marktes“ war Baumann selbst beteiligt, als es um die Planung und den Schutz des Grundwassers ging. Tatsächlich sei es lange Zeit gängige Meinung gewesen, die Bohrpfähle seien hydraulisch dicht. Das sei inzwischen widerlegt – und es gebe durchaus Alternativen: „Für Schleusen werden sie in ein Ton-Zement-Gemisch gegossen“, sagt Baumann.

Trinkwasser kann aus viele Quellen verunreinigt werden. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa
Trinkwasser kann aus viele Quellen verunreinigt werden. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa

Doch auch ohne solche Eingriffe kann Grundwasser verunreinigt werden. Entlang der Autobahnen gelangt beispielsweise so viel Streusalz hinein, dass das Wasser damit sogar kartiert werden kann, sagt Baumann. Sorgen bereite in vielen Orten besonders Nitrat, ein wasserlösliches Salz der Salpetersäure, sagt Schoberer. Als Grenzwert gelten 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser – laut dem Bundesumweltamt wird das in Deutschland beim Trinkwasser auch beinahe flächendecken eingehalten. Anders sieht es beim Grundwasser aus: Bundesweit überschreiten etwa 18 Prozent der Messstellen den Grenzwert. Wird das Einzugsgebiet intensiv landwirtschaftlich genutzt, sind 28 Prozent der Messstellen zu stark belastet.

In der Oberpfalz überschreiten laut Schoberer acht Prozent von 720 Messstellen den Grenzwert. Im Landkreis Neumarkt befindet sich nur die Sippl-Quelle nahe Dietfurt immer wieder im kritischen Bereich. Dort laufen Vorbereitungen für ein Projekt, um die Nitratbelastung mit Hilfe der Landwirte zu senken.

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Gefahr sieht Baumann auch durch die intensive Nutzung des Grundwassers: Aktuell würden viele Jahrtausende alte Reservoirs angezapft: „Nachhaltig wäre eine Entnahme, die die Altersstruktur nicht ändert.“ In der Praxis sei das aber nicht der Fall. Weil Niederschläge fehlen und weniger Grundwasser gebildet wird, ist für Baumann klar: „Langfristig werden wir an oberflächennahen Speicherlösungen nicht vorbeikommen.“ Wasser an der Oberfläche zu halten, bedeute einen Verlust an Qualität, sei aber aus seiner Sicht die einzige Lösung.

„Unser Grundwasser ist in seiner Quantität möglicherweise gefährdet, aber in seiner Qualität durch jede Nutzung bedroht“, lautet Baumanns Fazit. Das Argument, dass sich immer neues Grundwasser bilde, könne er nicht gelten lassen: „Aus geologischer Sicht ist auch Erdöl erneuerbar – es ist nur eine Frage der Zeit. Nachhaltig ist das aber nicht.“

Landwirtschaft hat bedeutende Rolle

Die Art der Landwirtschaft sei auch für den Schutz des Wassers entscheidend, sagt Konrad Maier, Fachberater beim Verband Naturland. „70 Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs verursacht die Landwirtschaft“, erklärt Maier. Als besonders intensiv gilt die Fleischproduktion. Das Water Foodprint Network setzt die Zahl von 15 000 Litern Wasser an, die für ein Kilo Rindfleisch verbraucht werden – etwa 70 Badewannen. Für ein Kilo Hähnchenfleisch werden 5000 Liter benötigt. Für ein Kilo Kartoffeln liegt der Wert dagegen bei nur 100 Litern. Laut Geologe Dr. Thomas Baumann steigt derzeit vielerorts auch der Nitratgehalt im Grundwasser stark an, weil immer mehr Landwirte zu Energiewirten würden.

Maier sieht da Potenzial: Im Öko-Landbau könne viel Wasser eingespart werden: Bei Getreide beziffert er diesen Wert auf 20 Prozent, bei Milch auf 15 Prozent, bei Gemüse auf mindestens 25 Prozent und bei Schweinefleisch ebenso auf 25 Prozent und mehr.

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Johann Georg Gloßner, Neumarkter Stadtrat und Landwirt, schlug vor, die Stadt könnte sämtliche nichtbebaute Flächen biologisch bewirtschaften. In Bochum sei das bereits der Fall. Raimund Schoberer vom Wasserwirtschaftsamt Regensburg antwortete, es gebe zu wenige dieser Flächen um statistisch auswerten zu können, wie hoch ihr Einfluss auf das Trinkwasser sei. Generell könne der Mensch direkten Einfluss auf die Qualität des obersten Grundwasserstockwerks nehmen, nicht aber auf das Wasser in tieferen Schichten.

Ein Interview mit Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Ökobrauerei Lammsbräu, lesen Sie hier.

Deshalb sieht Maier den Boden als die Schlüsselressource für Wasserschutz, Klimaschutz und Ernährungssicherung. Er rät den Landwirten zu einer Bewirtschaftung mit positiver Humusbilanz. Oft gebe es da noch einige Luft nach oben, sagt er: „Da muss ich mich durchaus auch an die eigene Nase fassen.“ Sommerweizen, Sommergerste, Hafer, Dinkel oder Roggen würden beispielsweise die Humusbildung unterstützen. Zuckerrüben, Kartoffeln, Winterweizen, Wintergerste, Mais oder Gemüse nennt Maier als Beispiele für Feldfrüchte, die eher Humus zehren.

Richtige Fruchtfolge hat Vorteile

Weil im Ökolandbau keine chemischen Pflanzenschutzmittel verwendet werden dürfen, seien die Landwirte hier besonders auf die richtigen Zwischenfrüchte angewiesen. Doch auch konventionelle Bewirtschaftung könne von einer durchdachten Taktik beim Anpflanzen profitieren. Durch deren Anbau werde den Mikoorganismen im Boden organische Nahrung zur Verfügung gestellt. Die Bayerische Auslegung der EU-Ökoverordnung schreibt laut Maier mindestens 20 Prozent Hülsenfrüchte oder Kleegras in der Fruchtfolge über fünf Jahre vor. Damit, so erklärt er, könne der Boden mit Stickstoff versorgt werden. Denn alle Pflanzen außer den Hülsenfrüchten sind für ihr Wachstum auf Stickstoff aus dem Boden angewiesen.Eine dickere Humusschicht habe aber noch mehr Vorteile, sagt Maier: Der Boden könne mehr Wasser speichern und es auch besser filtern. Außerdem sei die Erosionsgefahr kleiner. „Einerseits ist das Wasser länger pflanzenverfügbar, andererseits greift auch der Schutz bei Hochwasser“, sagt Maier.

Wasserschutz sei aber längst nicht nur ein Thema für Bio-Landwirte finden Schoberer und Baumann. „Es gibt in allen Bereichen progressive Landwirte“, sagt Schoberer. Das allerwichtigste Kriterium sei das bedarfsgerechte Düngen. Manchmal könne das in der Praxis aber schwer umzusetzen sein, räumt Schoberer ein – etwa beim Zeitpunkt der letzten Düngung. Baumann sieht eine gute Entwicklung: „Wir kennen aus der Vergangenheit Landwirtschaft gegen Grundwasserschutz. Jetzt heißt es immer öfter Landwirtschaft und Grundwasserschutz.

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