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Landwirtschaft

Vom Praktikanten zum besten Milchbauern

Michael Kneißl hat gesunde Tiere und familiären Rückhalt. Dennoch hat er den Betrieb im Kreis Neumarkt auf den Kopf gestellt.
Von Bernhard Neumayer

Durchschnittlich frisst eine Kneißl-Kuh 45 Kilo Gras und Mais am Tag. Im Durchschnitt danken es ihm seine 70 Kühe mit 28 Liter Milch täglich. Foto: Neumayer
Durchschnittlich frisst eine Kneißl-Kuh 45 Kilo Gras und Mais am Tag. Im Durchschnitt danken es ihm seine 70 Kühe mit 28 Liter Milch täglich. Foto: Neumayer

Rengersricht.Karton für Karton hebt Jenny Meier aus dem schwarzen Ziehwägelchen. In der Regel macht die Auszubildende das alleine. Heute aber kommt Landwirt Michael Kneißl bei seinem Rundgang über den Hof am Verkaufshäuschen vorbei und beobachtet, wie die 19-Jährige die Pappbehälter auf einem Tisch stapelt. In runden Löchern stecken Joghurtbecher mit einer lustigen, schwarz-weißen Kuh. Die Milchprodukte bringt Jenny aus der hofeigenen Molkerei in einen Kühlschrank, der in dem Holzhäuschen direkt am Hofeingang von Michael Kneißl in Rengersricht steht. Dort herrscht Selbstbedienung: Kunden nehmen sich so viel, wie sie wollen und zahlen beispielsweise für einen Erdbeerjoghurt im 150-Gramm-Becher 60 Cent. Die Münzen können sie in eines der zwei kleinen, roten Gläser mit dem Wechselgeld werfen. Meistens halten sich die Kunden daran – einmal hat die Videokamera einen Dieb entlarvt.

Als der junge Landwirt seiner Familie vor gut drei Jahren die Idee einer eigenen Molkerei vorgestellt hat, hatten seine Eltern noch gezweifelt. „Sie haben mich gefragt, ob ich völlig spinne.“ Damals hatte der 31-Jährige noch keine Ahnung, wie eine Molkerei funktioniert. Er holte sich Tipps von Molkerei-Inhabern. Die Verarbeitung lernte der Novize in Grundkursen und während eines Praktikums im Saarland.

So produziert Michael Kneißl seine Milchprodukte:

So kommt der Geschmack in das Joghurt

Seit Juni 2015 vertreibt der Milchviehhalter aus dem 650-Einwohner-Dorf seine Produkte selbst. Anfangs nur in den örtlichen Bäckereien und Metzgereien, vier Monate später beliefert er die ersten Discounter. Heute verkaufen 65 Läden seine Ware, überwiegend im Landkreis. Kneißls nächstes Ziel: Die Zahl seiner Verkaufsstellen im Nürnberger Raum erhöhen.

Bis die Produkte in den Kühlregalen der Supermärkte landen, braucht es viele Arbeitsschritte. Rund um die Uhr arbeitet Kneißls Melkroboter. Gerade steht eine der 70 Kühe am Automaten. Der Roboterarm fährt automatisch an das Euter. Mit einem Sensor findet er die Zitzen und saugt sich an ihnen fest. Seit November 2013 übernimmt der Melkroboter die Arbeit für Kneißl im neuen Laufstall mit Freigelände. Im Stall wäre Platz für 120 Tiere. Der Neubau war notwendig, weil der 1994 gebaute Stall abgebrannt ist. Ein Blitz hatte eingeschlagen. Glücklicherweise überlebten alle Tiere.

Auszubildende Jenny Meier bestückt den Kühlschrank am Hof mit Joghurt und Milch. Foto: Neumayer
Auszubildende Jenny Meier bestückt den Kühlschrank am Hof mit Joghurt und Milch. Foto: Neumayer

Während die Milch durch vier durchsichtige Schläuche fließt, frisst die Kuh. Wie viel, berechnet der Roboter. Ein Display zeigt die Futtermenge und die Zusammensetzung an. Etwa acht Minuten hängen die Saugknöpfe an den Zitzen. Pro Besuch werden im Durchschnitt zehn Liter Milch abgezapft. Die Milch wird in dem Familienbetrieb direkt weiterverarbeitet. Im ersten Stock über dem Stall wird in der eigenen Molkerei Milch und Joghurt produziert. 500 000 Euro hat die Familie dafür investiert. Dabei ist Kneißl noch vergleichsweise billig davongekommen, weil er eine gebrauchte Abfüllmaschine erstehen konnte. Komplett neu hätte alles etwa 1,5 Millionen Euro gekostet, blickt er zurück.

Wie es in Kneißls Stall aussieht, entdecken Sie in diesem 360-Grad-Bild:

Post from RICOH THETA. - Spherical Image - RICOH THETA

Dass sich das Geschäft lohnt, müssen seine Kühe fleißig Milch geben. 28 Liter pro Tag im Durchschnitt. Zwei- bis dreimal gehen die Tiere täglich zur Melkstation. Eine gute Kuh bis zu fünfmal. Wann sie gemolken werden können, merken die Tiere selbst. Im Schnitt kommt jede Kuh alle acht Stunden. Der Roboter stellt fest, wenn sich das Melken nicht lohnt. Sind die Kühe zu faul, selbst zum Melkstand zu gehen, treibt sie der 31-jährige Landwirt in die Vorrichtung. Die weiße Flüssigkeit strömt in den Rohmilch-Tank, der 6000 Liter fasst. Theoretisch. Etwa zur Hälfte ist er voll. „Wir wollen uns ja noch steigern“, sagt Kneißl. Ein Drittel der produzierten Milch wird alle zwei Tage abgeholt. Ein Großkonzern verarbeitet sie weiter. Zwei Drittel verwendet Kneißl selbst.

Dreimal pro Woche füllen seine Mitarbeiter frische Vollmilch und fettarme Milch ab. 5500 Liter in der Woche. Heute ist Joghurt-Tag. Mittwochs und freitags produziert Kneißl die verschiedenen Sorten: Natur, Erdbeere, Kirsche und Pfirsich-Maracuja.

So kommt der Geschmack in das Joghurt

Samstags steht der Chef meist persönlich in der Molkerei und produziert Milch und Joghurt. Foto: Neumayer
Samstags steht der Chef meist persönlich in der Molkerei und produziert Milch und Joghurt. Foto: Neumayer

Gerade stellt Kneißls Mitarbeiter die Produktion um, von Pfirsich-Maracuja auf Erdbeere. Die Fruchtmischung kommt aus Tüten. „Ohne Aromen“, betont Kneißl. Er desinfiziert die Maschine mit einer Sprühflasche und wischt anschließend mit einem Lappen darüber. Dann dreht sich das Karussell. Zuerst ohne Becher. Bei den ersten drei, vier 150 Gramm spritzt die Maschine noch eine gelbliche Masse aus. Der Rest der Pfirsich-Maracuja-Füllung. Ist die Masse rötlich, wird das Erdbeerjoghurt in die Becher gefüllt. In jede runde Vorrichtung des Karussells platziert die Maschine automatisch einen leeren Becher. Dann dreht sich die Platte im Uhrzeigersinn. Ein kurzer Stopp unter dem Abfüller, ein Spritzer – und der Behälter ist voll. Zur Hälfte mit Joghurt, zur anderen Hälfte mit der vorgefertigten Erdbeermasse. Schön gleichmäßig, dass das Joghurt cremig wird.

Die Karussellfahrt geht weiter. Bis zum nächsten Stopp. Jetzt platziert die Maschine den Joghurtdeckel auf dem Behälter. Dann geht es ab auf die Waage: Das Gewicht stimmt, es sind genau 150 Gramm. Michael Kneißl steckt den Becher in die runde Vorrichtung des Pappkartons und stapelt die Kisten auf einem Wagen, den er anschließend in den Kühlraum schiebt. 6000 bis 7000 Joghurtbecher verlassen die Kühlung jede Woche.

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Inzwischen hat sich der 31-Jährige vom Praktikanten in einer Saarländer Molkerei zu Deutschlands bestem Milchviehhalter des Jahres 2017 entwickelt. Den für Landwirte bedeutenden Ceres-Award in der Kategorie „Milchviehhalter“ bekam der Rengersrichter im Oktober bei der „Nacht der Landwirtschaft“ in Berlin überreicht.

Kneißl reist 2018 erneut zur Preisverleihung

„Es war ein wunderschöner Abend und ist eine Bestätigung unserer Arbeit“, sagt Kneißl. Auch heuer will er mit seiner Familie zu der Gala reisen. Nicht als Kandidat, sondern als Gast. Eine Titelverteidigung steht nicht zur Debatte. Ausschlaggebend für die Auszeichnung war laut Jury nicht die produzierte Milchmenge, sondern waren die eigenen Molkerei-Produkte. Außerdem spielte der Zusammenhalt der Familie eine entscheidende Rolle für den Award, der einen Ehrenplatz in der Wohnzimmer-Vitrine erhalten hat.

Weitere Eindrücke vom Hof bekommen Sie in unserer Bildergalerie:

So arbeitet der Milchviehhalter des Jahres 2017

Spricht der 31-Jährige über seine Molkerei und die Auszeichnung, wirkt er stolz. Seine Augen strahlen, er lächelt. Dennoch bleibt er bescheiden – auch wenn ihn Landwirt-Kollegen scherzhaft „Promi-Bauer“ nennen. Ruhig und besonnen spricht er mit seinen Angestellten. Wer auf dem Hof arbeitet, ist ein Teil der Familie. Zum täglichen Mittagessen um
12 Uhr sind alle Hofmitarbeiter eingeladen. Auszubildende Jenny Meier sitzt ebenfalls am Tisch. Auch ein Arbeiter, der Kneißl beim Neubau der Molkerei elf Wochen lang auf dem Hof unterstützt hat, war Mitglied der täglichen Tischgesellschaft.

Während sich die Familie die von Mutter Gisela gebratenen Currywürste schmecken lässt, vibriert Michael Kneißls Handy. Im Laufe des Vormittags hat es viermal geklingelt. Ein Kunde will sich noch einmal versichern, dass die für morgen bestellte Milch auch tatsächlich geliefert wird. Kneißl schreibt sich eine Erinnerung in seinen digitalen Notizzettel am Computer. Dort bearbeitet er Mails, kontrolliert Aufträge und füllt Lieferscheine aus. Die Molkerei und die Vermarktung frisst Zeit. Die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram füttert Kneißls Frau mit neuen Informationen, Gewinnspielen und Videos.

Vor etwa einem Monat erhielt Kneißl Nachwuchs. Seine Frau postete die frohe Kunde auf Facebook:

Seine Eltern kümmern sich großteils um den Hof. „Ohne ihre Arbeit wäre die Molkerei nicht möglich.“ Trotz der anfänglichen Skepsis unterstützen Gisela und Alois ihren Sohn bei der Verwirklichung seines Traums. Mutter Gisela bietet in Supermärkten die hofeigenen Milchprodukte zur Verkostung an. Manchmal verlässt sie ihren Stand und huscht Kunden hinterher, die Ware von der Konkurrenz in vergleichbarer Preisstufe im Wagen liegen haben. „Da frage ich dann, warum sie nicht unsere Produkte kaufen.“ Die Reaktionen seien unterschiedlich. Mal kann sie überzeugen, mal hat sie keinen Erfolg.

Erfolgreich war Michael Kneißl auch, als er nach dem Dieb gefahndet hat, der sich seinen Rucksack mit Milchtüten und Joghurtbechern vollgestopft hat. Wie viel der junge Bursche genau gestohlen hat, kann der Landwirt nicht sagen. Offenbar hatte er Heißhunger auf Kneißls hofeigene Produkte. Außerdem habe der Junge das Wechselgeld geklaut, das in den zwei kleinen, roten Gläsern liegt. Aufgrund der aufgezeichneten Bilder seiner Kamera entlarvte Kneißl den ernährungsbewussten Langfinger. Bestraft hat ihn der Landwirt nicht, nur ins Gewissen geredet. Dass seine Geschäftsidee so erfolgreich ist, macht den jungen Unternehmer glücklich. „Wenn ich den großen Werbeaufsteller für meine Produkte beim Rewe sehe, macht mich das stolz.“

Alle Teile zur Serie finden Sie unter www.mittelbayerische.de/verbraucher.

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