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Zuwanderung

Warum Integration in Neumarkt gut klappt

Jeder zehnte Neumarkter hat keinen deutschen Pass. Damit sich Migranten heimisch fühlen, packen viele Hände mit an.
Von Benjamin Weigl

Sich in einer fremden Kultur zu integrieren, ist nicht immer einfach. Doch in Neumarkt gibt es viele Menschen, die genau hier helfen. Foto: Kai Koehler - stock.adobe.com
Sich in einer fremden Kultur zu integrieren, ist nicht immer einfach. Doch in Neumarkt gibt es viele Menschen, die genau hier helfen. Foto: Kai Koehler - stock.adobe.com

Neumarkt.Dass der Nährboden für gelungene Integration in Neumarkt sehr gut ist, hat Mimoza Marku am eigenen Leib erfahren. Die Sozialbetreuerin für Flüchtlinge im Landkreis ist in Albanien geboren, lebt aber seit 20 Jahren in Deutschland. Auf die Frage, ob sie in dieser Zeit jemals mit Hass konfrontiert wurde, weil sie Ausländerin ist, hält Marku zunächst inne. Sie überlegt. „Nein“, sagt sie dann und lächelt. So etwas wie Hass habe sie noch nie gespürt. Stattdessen berichtet Marku, dass ihr von vielen Seiten bei der Integration geholfen wurde. Das Engagement der Neumarkter und das Angebot in der Stadt für Zuziehende seien riesig. „Ich habe hier viele Möglichkeiten, Migranten konkrete Hilfen anzubieten. Die Vernetzung zwischen den Stellen ist hier sehr gut.“

Anna Lehrer, Mimoza Marku und Rainer Hortolani (von links). Foto: Benjamin Weigl
Anna Lehrer, Mimoza Marku und Rainer Hortolani (von links). Foto: Benjamin Weigl

Rainer Hortolani findet außerdem, dass sich Neumarkt gegen Rechtspopulisten stelle. Der Integrationsbeauftragte der Stadt sagt selbstbewusst: „Etwas mehr Neumarkt täte Deutschland gut“. Die überwiegende Mehrheit der Bürger stünde für ein multikulturelles, vielfältiges Neumarkt ein. „Es gab im letzten Jahr zwei Veranstaltungs-Versuche der AfD“, sagt Hortolani. „Beide Male haben sich die Neumarkter zur Wehr gesetzt. Es gibt keinen Platz für Hass und Hetze in unserer Stadt.“

Mehr als 4500 Menschen, die in Neumarkt mit einem ausländischen Pass leben, profitieren von dieser weltoffenen Einstellung. In Neumarkt gibt es kaum Konflikte zwischen Gruppen verschiedener Nationen – hier scheint buntes Zusammenleben zu funktionieren. So jedenfalls lautet der Tenor derjenigen, die am engsten in Kontakt mit den Zuwanderern kommen. „Mit Rechts gibt es in Neumarkt wenig Probleme“, sagt etwa Anna Lehrer.

Stolz auf die Menschen im Landkreis

So sieht ein typischer Deutschkurs im Bürgerhaus aus. Foto: Bürgerhaus/Lehrer
So sieht ein typischer Deutschkurs im Bürgerhaus aus. Foto: Bürgerhaus/Lehrer

Was Hortolani auf politischer Ebene bewegt, setzt Lehrer gewissermaßen auf der Verwaltungsebene fort. Im Bürgerhaus Neumarkt steht sie Neuankömmlingen mit Migrations- und Fluchthintergrund beratend zur Seite. Sie vermittelt Deutschkurse, Mutter-Kind-Tage, verbindet Hilfesuchende mit den richtigen Stellen und organisiert Projekte, die fremde und deutsche Kultur vereinen. „In der Stadt leben Menschen mit rund 105 unterschiedlichen Nationalitäten zusammen“, so Lehrer. „In den Projekten zeigt sich, wie schön diese Vielfalt sein kann.“

Etwas mehr Neumarkt täte Deutschland gut.“

Rainer Hortolani, Integrationsbeauftragter im Stadtrat

Auch Peter Fuhrmann ist jemand, der sich für ein buntes Neumarkt starkmacht. Der Unternehmer und Politiker hat sich durch sein ehrenamtliches Engagement in Zeiten der Flüchtlingskrise einen Namen gemacht, als er den Verein „Chancen statt Grenzen“ ins Leben rief. Er sieht in Neumarkt eine breite Schicht, die Zuzüglern offen und hilfsbereit gegenübersteht. „Die Spendenbereitschaft und das Engagement aus der Bevölkerung waren in diesen schweren Zeiten sehr stark“, resümiert Fuhrmann. „Ich bin stolz auf die Menschen hier und im Landkreis – durch sie konnte der Verein unbürokratisch helfen. Wir haben gezeigt, was man alles schaffen kann, wenn man es einfach in die Hand nimmt.“

Peter Fuhrmann, Initiator von „Chancen statt Grenzen“. Foto: Herbaty
Peter Fuhrmann, Initiator von „Chancen statt Grenzen“. Foto: Herbaty

Fuhrmann erzählt, dass der Verein in den Hochzeiten einige hundert Helfer koordinierte. Wichtige Gegenstände wie Betten, Kühlschränke oder Fahrräder wurden vermittelt, Reparaturen organisiert, Menschen in Sportvereine integriert und tonnenweise Kleidung verteilt. Das Entscheidende dabei: „Die Menschen wurden zusammengebracht. Wir haben als junges Team eine Datenbank aufgebaut, dabei Spender aufgelistet, den Bedarf mit den Flüchtlingsheimen abgeglichen und dann vermittelt.“ Gut funktioniert habe das auch, weil die Sach- und Zeitspenden, zum Beispiel ehrenamtlicher Deutschunterricht, immer vor Ort im Landkreis Neumarkt blieben. „Die Spender wollen sichergehen, dass alles eins zu eins hier ankommt.“

Der große „Hype“ ist vorüber

Als kurzen „Hype“ bezeichnet Fuhrmann rückblickend das, was während der Flüchtlingswelle an überwältigender Hilfeleistung von den Bürgern gekommen sei. „Mein Eindruck ist schon, dass erst einmal etwas passieren muss, es braucht erst eine Katastrophe, damit sich etwas bewegt.“ Fuhrmann gibt dabei auch zu bedenken, dass die Folgen dieser Katastrophe noch lange nicht beseitigt seien. Weiterhin kämen Menschen in die Stadt, die Hilfe benötigten. „Den Bedarf, der jetzt da ist, den können wir nicht decken. Da geht es um Jobs, um Wohnungen.“

Flüchtlingshelferin Marku kann das bestätigen. Täglich werde sie nach Wohnungen gefragt. „Viele meiner Zuwanderer fühlen sich dabei wegen Rassismus benachteiligt. Ich sage dann: Wenn man es schaffen will, schafft man es auch. Wer sich hier integrieren möchte, schafft es.“

Lesen Sie hier unser Interview mit Flüchtlingshelferin Mimoza Marku:

Interview

Sie hat sich erfolgreich integriert

Die Albanerin Mimoza Marku ist seit 2004 in Neumarkt. Sie fordert von Migranten, deutsch zu lernen und selbstständig zu sein.

Leider, das weiß auch Rainer Hortolani, ist aber nicht jeder bereit für Integration. „Es gibt einen kleinen Teil, der zieht den Großteil in Misskredit“, sagt er. Fuhrmann findet, ob Integration gelingt, hänge entscheidend daran, ob die Leute das Angebot annehmen möchten. „Viele sind sehr dankbar. Es gibt aber auch welche, die sich selbst aufgegeben haben, die ein Trauma oder fehlende Motivation haben. Und es gibt welche, die es ausnutzen wollen“, so Fuhrmann. Die Handlungsmaxime aber sei klar, sagt Hortolani: Integration funktioniere nur nach den Regeln des Grundgesetzes – und dabei stünden jedem die Türen offen.

Bürgerhaus bietet buntes Angebot

Am Bürgerhaus finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die Kulturen verbinden. Foto: Bürgerhaus/Lehrer
Am Bürgerhaus finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die Kulturen verbinden. Foto: Bürgerhaus/Lehrer

Die Angebotspalette in Neumarkt schätzt Fuhrmann als „sehr groß“ ein. „Gerade das Bürgerhaus fällt immer wieder positiv auf, das Ehrenamt ist hier wirklich sehr stark“, sagt er. „Auch Menschen von außerhalb bestätigen mir immer wieder, es sei ein Wahnsinn, was wir hier alles anbieten.“ Als Beispiel wird gerne der Neubürgerempfang genannt – lange Zeit ein „Alleinstellungsmerkmal“ Neumarkts, wie Hortolani betont. Die Deutschkurse, die von Ehrenamtlichen geleitet werden, die „Land & Leute“-Veranstaltungsreihe und die interkulturellen Projekttage sind weitere Beispiele für das bunte Spektrum.

Hilfe für Flüchtlinge und Migranten

  • Einrichtungen:

    In Neumarkt treffen viele Institutionen aufeinander, die sich um Integration kümmern. Das Bürgerhaus bietet verschiedene Veranstaltungen wie Deutschkurse und interkulturelle Tage. Der Verein „Chancen statt Grenzen“ fungiert hauptsächlich als Börse für Sach- oder Geldspenden und Dienstleistungen. In der Flüchtlingshilfe Neumarkt begleiten Ehrenamtliche Menschen, die hier ankommen.

  • FIB:

    Die Flüchtlings- und Integrationsberatung (FIB) Neumarkt ist die offizielle Beratungsstelle, die von der Regierung beauftragt und bezuschusst wird. Sabine Tzschabran ist die Teamleiterin der FIB und erklärt, dass die Stelle früher Asylberatung hieß und nun umbenannt wurde. Neu ist auch, dass jetzt alle Zuzügler, die in den letzten Jahren in Neumarkt angekommen sind, hier beraten werden, nicht nur Flüchtlinge.

  • Netzwerk:

    Die FIB arbeitet mit den anderen Institutionen des Landkreises Neumarkt eng zusammen. Anders als noch vor einigen Jahren sind die meisten Migranten bereits mitten im Integrationsprozess: „Wie baue ich mir Existenz hier auf?“ Diese Frage steht laut Tzschabran im Mittelpunkt. Die FIB ist dabei Ansprechpartner für Wohnungs- und Arbeitssuche, Asylfragen, Fragen zur Schule und andere soziale Themen.

Damit Integration in Neumarkt weiterhin so gut gelingt, braucht es Ehrenamtliche. Peter Fuhrmann erzählt, statt ständigem Stammtisch-Gerede habe er sich mit Freunden irgendwann aufgemacht, Flüchtlingsheime zu besuchen. „Das war nicht so prickelnd. Die Helfer vor Ort haben uns signalisiert, dass sie komplett überlastet sind.“ Daraus hat sich dann die Hauptaufgabe seines Vereins ergeben: Zwischen der Bürokratie in den Flüchtlingsheimen und den Leuten, die helfen wollten, wurde eine Brücke gebaut. „Ich kann nicht sagen, dass es in der Flüchtlingsthematik mal etwas Negatives vonseiten Neumarkter Bürgern gegeben hätte“, sagt Fuhrmann. Und bestätigt damit, wie gut Integration hier funktionieren kann.

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