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Region Neumarkt
Dienstag, 18. September 2018 26° 1

Ausblick

Welche Zukunft hat die Landwirtschaft?

Digitalisierung, Strukturwandel, ethische Ansprüche: Landwirte im Landkreis Neumarkt versuchen, ihren Weg zu finden.
Von Wolfgang Endlein

Neumarkt.Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen wird, stellt sich zwangsläufig eine andere: Hat die Landwirtschaft überhaupt noch eine Zukunft? Viel hört man von der sinkenden Zahl an Bauernhöfen, liest man über das schwindende Vertrauen der Verbraucher in die Produktionsmethoden der konventionellen Landwirtschaft und sieht man Bilder von Landwirten, die gegen zu niedrige Erzeugerpreise demonstrieren.

Die Rede ist oftmals von einer dreifachen Krise, in der die Landwirtschaft aktuell stecke. „Die Landwirtschaft in Deutschland befindet sich in einer tiefen Krise. In einer ökonomischen Krise, in einer Akzeptanzkrise gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern und in einer Umweltkrise“, bilanzierte die einstige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) Anfang 2017. Sie selbst und ihre einstiger Kollege im Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmid (CSU) standen zudem für die teils stark verhärteten Fronten, die bei der Diskussion über den Stand und die Zukunft der Landwirtschaft bestehen.

„In der bisherigen Form hat die Landwirtschaft keine Zukunft. Es muss anders werden, damit es besser wird“, sagte Hendricks, die zur Seite jener gehörte, die für eine große Agrarwende eintreten. Die andere Seite, zu der auch Schmidt zählte, sieht das als übertriebene Darstellung an. Die konventionelle Landwirtschaft sei schon weiter als viele glaubten und anhand von Einzelfällen schwarzer Schafe werde ein ganzer Berufsstand schlecht gemacht. Das hört man auch im Landkreis Neumarkt, beispielsweise von den Oberen des Bayerischen Bauernverbandes oder von Europa-Parlamentarier Albert Deß (CSU), der von einer „künstlich geschürten Akzeptanzkrise“ spricht. Es findet sich aber auch der Gegenpol. Menschen wie Erwin Ehemann, Bio-Pionier aus Oberndorf und Mann mit festen Überzeugungen. Eine davon lautet: „Die Zukunft der Landwirtschaft ist Bio“. Nur Bio.

Alle weiteren Serienteile zu unserer Themenwoche „Mit gutem Gewissen genießen“ finden Sie unter mittelbayerische.de/verbraucher.

Pragmatismus folgt auf Ideologie

„Wir haben es satt“ gegen „Wir machen Euch satt“: Die Slogans zweier gegensätzlicher Demonstrationen, die 2011 erstmals im Umfeld der „Grünen Woche“ stattfanden, bringen diese verhärteten Fronten zwischen den Kritikern und Verteidigern des aktuellen Agrarsystems auf den Punkt. Was bleibt, ist letztlich das Bild einer zerrütteten Landwirtschaft, die nach ihrem Weg sucht. Was wieder zur Ausgangsfrage nach der Zukunft der Landwirtschaft und, ob es eine solche überhaupt gibt, führt.

Weit weniger ideologisch, vielmehr pragmatisch und nichtsdestotrotz optimistisch sieht hingegen die nächste Generation an Landwirten aus dem Landkreis Neumarkt ihre Zukunft. Bauern wie Richard Götz aus dem Berchinger Ortsteil Thann. Der 27-Jährige pflügt gerade mit seinem Traktor ein Feld, während er durchs Smartphone erzählt, dass er Landwirtschaft studiert hat und seit zwei Jahren mit in den familieneigenen Betrieb mit Milchvieh, Mastbullen und Getreidesaatanbau eingestiegen ist. „Ich sehe für mich gute Voraussetzungen mit unserem Öko-Betrieb“, sagt Götz, der auf die höheren Preise für Bio-Milch und Getreide verweist.

Bio ist dabei für ihn aber nur ein Betriebszweig, einer von vielen Wegen in der Landwirtschaft. Vorbehalte gegen Kollegen, die konventionell wirtschaften, hat der 27-Jährige bei aller ideeller Überzeugung für sein Tun nicht.

„Ich sehe für mich gute Voraussetzungen mit unserem Öko-Betrieb.“

Richard Götz, Landwirt

Mit ihrer pragmatischen Haltung zu biologischer und konventioneller Landwirtschaft liegt die nächste Generation an Landwirten voll in dem Trend, den Alois Scheuerlein für die Zukunft prognostiziert. „Die ideologischen Lager werden sich annähern“, sagt der Professor für landwirtschaftliche Betriebslehre und Management an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Auf der einen Seite werde die konventionelle Landwirtschaft auf die Ansprüche der Gesellschaft verstärkt reagieren und sich bei Tierwohl, der Verwendung von Agrarchemie etc. der ökologischen Landwirtschaft annähern. Die Bio-Landwirtschaft werde sich auf der anderen Seite auch wegen der gesteigerten Nachfrage in der Größe konventionellen Betrieben anpassen müssen. Schon heute gebe es Bio-Betriebe, die große Flächen bewirtschafteten.

Künftig gibt es mehr Fremdarbeitskräfte.
Künftig gibt es mehr Fremdarbeitskräfte.

Damit dürfte die Entwicklung weiter gehen, die seit vielen Jahren zu sehen ist. Strukturwandel ist dabei das Schlagwort, das vom BBV-Funktionär über den Jungbauern und Politiker bis hin zum Wissenschaftler alle in den Mund nehmen. „Der Strukturwandel wird weitergehen“, sagt Richard Götz. „Eher noch stärker als zuvor“, ergänzt Professor Scheuerlein. Bedeutet: Die Zahl der Betriebe geht insgesamt zurück (1975: 6383; 2016: 2054). Und: Die Betriebe, die im Haupterwerb Landwirtschaft betreiben, werden ebenfalls weniger, werden dafür aber größere Flächen bewirtschaften. Schon heute entfallen auf fünf Prozent der Betriebe im Landkreis (98 Stück) 26 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche (15 132 Hektar).

„Landwirtschaft hat noch nie einfach so weiter gemacht wie bisher.“

Albert Dess, CSU-Abgeordneter im Europaparlament

Drohnen überwachen Äcker

Seinen Teil zum Strukturwandel beitragen wird auch der technische Wandel. Digitalisierung und Smart Farming sind dabei die Schlagwörter, hinter denen sich der mit dem Büro vernetzte Acker und Stall verbirgt. Computer gesteuerte Maschinen wie Drohnen, Traktoren und anderes Gerät werden den Landwirten künftig neue Möglichkeiten geben, effizient größere Betriebe zu bewirtschaften. So zumindest die Hoffnung vieler, etwa was einen reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln anbelangt. Die Technik hat aber ihren Preis.

Stefan Maget sieht mit 21 Jahren seine Zukunft in der Landwirtschaft.
Stefan Maget sieht mit 21 Jahren seine Zukunft in der Landwirtschaft.

„Technik rechnet sich erst ab einer gewissen Größe“, erklärt Scheuerlein, der in diesem Zusammenhang auch von einer Entwicklung hin zum „erweiterten Familienbetrieb“ spricht. Betriebe, die nur auf Arbeitskräfte aus der eigenen Familie fußen, wird es immer weniger geben. Es braucht Fremdarbeitskräfte – und davon mehrere. Kurzum, Landwirtschaft wird kapitalintensiver, technischer, in Verwaltung aufwendiger und damit insgesamt unternehmerischer, davon ist Scheuerlein überzeugt.

Damit aber einige wenige größer Betriebe werden können, müssen zwangsläufig – der Boden ist schließlich begrenzt – viele kleiner werden oder gar ganz verschwinden. Das könnten vor allem die Nebenerwerbslandwirte sein. Professor Scheuerlein hat wenig Illusionen über die Entwicklung in der Nebenerwerbslandwirtschaft. Langfristig gesehen sei die Nebenerwerbslandwirtschaft der Einstieg in den Ausstieg aus der Landwirtschaft für einen Betrieb, sagt der Agrar-Experte. Wie generell beim Strukturwandel in der Landwirtschaft sei das aber ein sehr langfristiger Prozess, betont Scheuerlein. Denn der limitierende Faktor bleibt der Boden. Dieser werde in der Regel nur über den Generationswechsel frei – und der braucht Zeit.

„Das wird immer mehr zum Hobby.“

Stefan Maget, Landwirt

Stefan Maget denkt nicht daran, einmal den Boden seines elterlichen Hofes zu verpachten oder gar zu verkaufen. Auch wenn der 21-Jährige ein angehender Nebenerwerbslandwirt ist. 1470 solcher landwirtschaftlicher Betriebe, die im Nebenerwerb bewirtschaftet werden, weißen die Statistiken des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) für den Landkreis Neumarkt aus. 30 Hektar hat der elterliche Hof der Magets im Velburger Ortsteil Dantersdorf – zu wenig, um davon allein zu leben, wie der 21-Jährige erklärt. „Das wird mehr zum Hobby“, sagt Maget über die Bewirtschaftung der 30 Hektar. Er meint das nicht despektierlich. Aber das Geld wird schlichtweg woanders verdient.

Hier sehen Sie eine Übersicht über die verschiedenen Ansichten zur Landwirtschaft:

Bei den Magets ist das immer noch in der Landwirtschaft, in der der Junior deswegen auch seine berufliche Zukunft sieht. Die Magets arbeiten für andere Landwirte mit ihren Häkxlern als Lohnunternehmer und verkaufen Melktechnik. Arbeitsteilung ist noch so ein Trend, den Professor Scheuerlein für die Landwirtschaft in der Zukunft sich verstärken sieht. Für Stefan Maget ist es eine Chance, in der Landwirtschaft zu arbeiten, über deren Zukunftsaussichten sagt: „Ich bin positiv gestimmt“. Als Vorsitzender der Jungbauernschaft im Kreis, einem Zusammenschluss landwirtschaftlich interessierter junger Menschen, will er diese Zukunft aktiv mitgestalten.

Bio oder konventionell: Welches Tier wird wie gehalten? Unsere Übersicht zeigt‘s:

Optimistisch geht auch der 21-jährige Jakob Ehemann in seine berufliche Zukunft als Landwirt. „Lebensmittel werden immer gebraucht“, sagt der Jungbauer aus dem Freystädter Ortsteil Oberndorf, der aber auch beklagt: „Die Wertschätzung für Lebensmittel muss in unserer Gesellschaft größer werden.“ Gute Produkte haben ihren Preis. Davon ist Ehemann überzeugt. Kunden, die diesen Preis für sein Bio-Gemüse und -Obst zahlen, findet er direkt. Direktvermarktung ist sein Weg. Der 21-Jährige hat lieber alles in eigener Hand, will sich nicht zu sehr abhängig machen von Vertriebsstrukturen Dritter und dem Preisdiktat des Weltmarktes. Noch so eine Nische in der komplexen Welt der Landwirtschaft.

Wohin geht es mit der Bio-Landwirtschaft?

Vom Labor auf den Acker: Was heute schon gilt, wird sich künftig noch verstärken.
Vom Labor auf den Acker: Was heute schon gilt, wird sich künftig noch verstärken.

Inwieweit Bio in der Zukunft eine Nische bleiben oder sich zu mehr entwickeln wird, darüber gehen die Ansichten auseinander. Für Jakob Ehemann ist – wie für seinen Vater Erwin – die Antwort klar: „Am Ökolandbau führt global gesehen kein Weg vorbei“. Eine andere Form der Landwirtschaft könne sich die Welt auf Dauer nicht leisten. Regional betrachtet, sieht Georg Stöckl „einen stabilen Trend nach oben“ bei der Zahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe im Landkreis. 158 Bio-Betriebe im Landkreis zählt der Fachberater für Ökolandbau am AELF in Neumarkt, der selbst Bio-Bauer ist. Dass einmal 100 Prozent aller Betriebe ökologisch wirtschaften werden, glaubt er indes nicht. „Der Einfluss der Industrie ist zu groß.“ Im Landkreis hält Stöckl in 20 Jahren aber einen Anteil der Bio-Betriebe von 30 bis 40 Prozent für möglich. An eine derartige Entwicklung glaubt Professor Scheuerlein deutschlandweit betrachtet nicht. Er geht von einem Verhältnis von bestenfalls 80 zu 20 Prozent zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft aus.

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Der Professor aus Weihenstephan sagt aber auch etwas Entscheidendes zur Verlässlichkeit der Prognosen für die Zukunft der Landwirtschaft generell: „Das ist alles unter dem Vorbehalt, dass die Trends so weiter gehen“. Wohin die Entwicklung geht, bestimmen die Landwirte nicht allein. Politik, Wirtschaft und Verbraucher sind ebenso entscheidend beteiligt– was es nicht einfacher macht.

Für Jungbauer Richard Götz ist daher die Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft klar: Es gibt eine. Aber: „Die Zukunft wird eine Herausforderung bleiben“.

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