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Region Neumarkt
Dienstag, 14. August 2018 24° 3

Schule

Wertekunde auf dem Stundenplan

Demokratie verstehen und leben – das sollen Flüchtlingskinder im Unterricht verstärkt lernen. Das sagen Neumarkts Lehrer dazu
Von Nicole Selendt

Kinder mit Fluchthintergrund werden in Bayern in Übergangsklassen unterrichtet. Machen sie dort schnelle Fortschritte, dürfen sie in die Regelklasse wechseln. Foto: Arno Burgi/dpa
Kinder mit Fluchthintergrund werden in Bayern in Übergangsklassen unterrichtet. Machen sie dort schnelle Fortschritte, dürfen sie in die Regelklasse wechseln. Foto: Arno Burgi/dpa

Neumarkt.Zehn Übergangsklassen für Flüchtlinge gibt es im Landkreis Neumarkt. Der Stundenplan ist dem für Regelklassen ähnlich – nur Deutsch haben die Kinder aus Syrien, dem Irak, vom Balkan und aus vielen anderen Ländern öfter. Tanja Kölbel, Rektorin der Grundschule in der Bräugasse, kann gut leben mit dem Prinzip der Übergangsklassen. Denn sie sieht bei den Schülern, die die Klassen besuchen, große Fortschritte im Erlernen der deutschen Sprache.

Wie das Kultusministerium nun auf Anfrage mitteilte, werde derzeit das Konzept der Ü-Klassen „qualitativ“ weiterentwickelt. Dabei geht es offenbar nicht nur um die Vermittlung von Deutschkenntnissen. Gleichzeitig werde eine „verstärkte kulturelle Bildung und Werte-Erziehung Teil des Konzeptes sein“, wie eine Sprecherin sagte. Damit ist die CSU schon weiter als ihre Schwesterpartei CDU:. Die hatte zuletzt erst einen bundesweit verbindlichen Wertekunde-Unterricht für Flüchtlingskinder gefordert.

Tanja Kölbel würde das begrüßen. Denn auch, wenn die meisten Schulen bereits viel Zeit in die Werteerziehung steckten: Stünden extra Lehrerstunden für Werteunterricht zur Verfügung, „wäre mehr Integration möglich“, und die Vermittlung von Werten liefe nicht nur „zwischendrin“, wie sie sagt.

Näheres bis spätestens August

Dieser Ansicht ist auch Schulamtsleiter Dieter Lang. Er hat aus dem Kultusministerium noch keine Informationen bekommen – weder darüber, ob es überhaupt zusätzliche Lehrerstunden für Werteunterricht geben soll, noch über deren Anzahl. Auch über Inhalte ist noch nichts bekannt. Lang ist sich aber sicher, dass er nicht mehr lange darauf warten muss. Denn wenn Ende Juli die neuen Klassen für das kommende Schuljahr geplant werden und Anfang August die entsprechende Personalzuteilung erfolgt, müsse auch die Stundenanzahl für die Flüchtlingsklassen feststehen, sagt Lang.

„Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.“

Artikel 131, Bayerische Verfassung

Zumindest lässt eine Aussage von Kultusminister Bernd Sibler den Schluss zu, dass es für die Vermittlung von Werten zusätzliche Lehrerstunden gibt. Dieser sagt: „Mit dem Konzept der Deutschklassen sorgen wir nach dem Prinzip des Förderns und Forderns dafür, dass die jungen Menschen mit Fluchthintergrund noch mehr Zeit als bisher für ihre Persönlichkeitsentwicklung, Wertebildung und Sprachsicherheit erhalten.“

Aber welche Werte sollen vermittelt werden, die nicht ohnehin schon Teil des Lehrplans sind? In Artikel 131 der Bayerischen Verfassung heißt es: „Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.“ Ursula Schroll, Bezirksvorsitzende des BLLV, bringt es auf einen Nenner. Es gehe um das Leben und Sozialverhalten in einem demokratischen System. Auch um vermeintlich einfache Dinge wie: „Ali muss lernen, dass er kein Mädchen schlagen darf.“

Profis im Umgang mit Traumata

Schroll stören allerdings zwei Aspekte beim Vorhaben der Staatsregierung zum Thema Werte-Unterricht: „Ich habe den Eindruck, dass alles, was im Augenblick diskutiert wird, sehr politisiert und mit Vorsicht zu genießen ist.“ Man könne die Pläne gut finden – „aber der Duktus, unter dem das erscheint, ist kompliziert“, sagt Schroll.

Darüber hinaus fehlt der Rektorin der Grund- und Mittelschule Mühlhausen im Umgang mit Flüchtlingskindern etwas aus ihrer Sicht viel Entscheidenderes: Traumatisierte Kinder bräuchten nicht nur Lehrer, die ihnen Werte beibringen – „das machen wir eh, das ist unser Job“. Sie bräuchten auch Profis, die mit ihren Traumata umgehen könnten: Sozialpädagogen, manchmal auch Psychotherapeuten.

Wie Werteunterricht in den Berufsschulen aussieht, lesen Sie hier.

Übergangsklassen im Landkreis Neumarkt

  • Übergangsklassen:

    Ü-Klassen werden für Schüler angeboten, die als Quereinsteiger in das bayerische Schulsystem eintreten und nur rudimentäre oder gar keine Deutschkenntnisse haben.

  • Regelklassen:

    Bei entsprechendem Lernfortschritt in Deutsch dürfen sie in die Regelklasse ihrer Jahrgangsstufe übertreten.

  • Neumarkt:

    Im Landkreis Neumarkt werden Flüchtlingskinder in derzeit zehn Übergangsklassen unterrichtet (Grundschule Bräugasse, Mittelschule West, Parsberg, Dietfurt, Freystadt). Deren Anzahl kann sich kurzfristig ändern. Meist werden die Kinder in jahrgangsstufenübergreifenden Klassen unterrichtet.

  • Alter:

    Auch kommt es vor, dass ältere Kinder, die altersmäßig eigentlich schon für die Mittelschule vorgesehen wären, in der Ü-Klasse einer Grundschule unterrichtet werden – je nach Bedarf.

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