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Streit

Wird Besuchern hier ein Bär aufgebunden?

Auf Plakaten in Neumarkt wirbt der Zirkus Alberti immer noch mit der Weltsensation Ben. Tierrechtler sprechen von Betrug.
Von Bernhard Neumayer

  • Bär Ben tritt seit März 2016 nicht mehr im Zirkus auf. Foto: Vier Pfoten/dpa
  • Dieses Plakat sorgt für Ärger. Foto: Neumayer

Neumarkt.Die Szenen in dem Video, das eine bundesweite Tierrechtsorganisation veröffentlicht hat, sind heftig. Als Tierrechtler und Mitarbeiter des Veterinäramts Deggendorf in Plattling im März 2016 Zirkus-Bär Ben beschlagnahmen wollen, fallen Beleidigungen. Menschen werden von Zirkusmitarbeitern getreten und geschubst. Dann rauscht der Zirkuswagen mit Ben quer über ein Feld. Die zuständige Amtstierärztin entkommt dem Wagen nur knapp.

Jener Zirkus Alberti, der damals noch Louis Knie hieß – gastiert von 2. bis 5. November in Neumarkt auf dem Sportplatz in der Pelchenhofener Straße. Ben, der auch schon in Filmen eine Statistenrolle spielte, tritt seit der Beschlagnahmung nicht mehr im Zirkus auf. Dennoch ist er Teil eines heftigen Streits zwischen Tierrechtlern und dem Zirkus.

So sieht das alte Plakat aus. Mit der Weltsensation Big Grizzly wird geworben. Foto: Neumayer
So sieht das alte Plakat aus. Mit der Weltsensation Big Grizzly wird geworben. Foto: Neumayer

Simon Fischer, Sprecher und Mitgründer der Aktionsgruppe „Tierrechte Bayern“ wirft dem Zirkus Betrug vor, weil er auf seinen Plakaten in Neumarkt immer noch mit dem Bären wirbt.

Auf dem farbenfrohen Plakat sind gemalte Tiere zu sehen: ein Elefant, eine Giraffe, ein weißes Pferd und ein brauner Bär. Der Zirkus wirbt darauf mit folgender Aufschrift: „Weltsensation – Europas größter Filmbär Big Grizzly.“ Ein Grizzly ist eine Braunbärenart. „Die Besucher werden durch das Plakat veräppelt“, sagt Tierrechtler Fischer. „Ich kann mir vorstellen, dass einige Besucher aufgrund dieser Bären-Ankündigung eine Karte kaufen und dann enttäuscht werden“, sagt der 20-Jährige.

Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt Anja Norchel, Pressesprecherin des Zirkus Alberti, dass Ben seit der Beschlagnahmung nicht mehr auftritt. „Wir haben aber noch Bären im Programm“, sagt sie. Doch in Bayern verzichte der Zirkus auf Wildtiere. In Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz aber würden im Zirkus Alberti Bären in der Manege stehen. Auf die Frage, warum der Zirkus auf den Plakaten noch mit dem Filmbären Zuschauer locken will, antwortet Norchel: „Wir haben schon immer mit Big Grizzly geworben, auch wenn es nicht Ben war.“ Jahrelang war er Teil der Show. „Vor Ben hatten wir auch schon Bären-Nummern.“ Filmbär Grizzly sei also nicht immer Ben gewesen.

In diesem Video sehen Sie die Beschlagnahmung des Bären Ben:

Auffällig ist aber, dass der Zirkus in Neumarkt mit zwei verschiedenen Ankündigungen wirbt. Laut Norchel hat die Stadt 40 Plakate auf städtischem Grund genehmigt. Der Pressesprecher der Stadt, Dr. Franz Janka, konnte sich dazu auf Nachfrage nicht äußern. Der Kollege, der diese Anträge bearbeite, sei nicht im Haus. Überwiegend an Straßenlaternen hängen die Plakate mit Filmbär Grizzly. Auf anderen Plakaten, die zum Beispiel an Zäunen von Privatgrundstücken hängen, wirbt der Zirkus mit einem Clown, zwei Pferden und drei Artisten. Eine Aufschrift, die Bären ankündigt, fehlt. „Das sind unsere neuen Plakate“, erklärt Norchel. Die Werbung mit dem Filmbären sei alt und müsse noch erneuert werden, was aber sehr kostenaufwendig sei.

So sieht das neue Plakat - ohne Bär - aus. Foto: Neumayer
So sieht das neue Plakat - ohne Bär - aus. Foto: Neumayer

„Wir wollen aber auch mit den alten Plakaten nicht aussagen, dass wir Giraffen, Elefanten und Bären auftreten lassen“, betont Norchel. Viele Zirkusse würden mit bemalten Plakaten, auf denen Tiere zu sehen sind, werben. Die Vorwürfe der Tierrechtler weist sie zurück. Dass es Menschen gibt, die sich über Tiere im Zirkus und deren Haltung aufregen, sei ihr bewusst.

Ins Krankenhaus geschlagen

Eine davon ist Mandy Hübner. Sie ist Vorsitzende des Regensburger Vereins „Tierrechte Aktiv“ und hat im Oktober 2016 schmerzhafte Erfahrungen mit dem Zirkus Alberti gemacht. „Ich bin von Mitarbeitern ins Krankenhaus geprügelt worden“, sagt sie. Bei einer Demonstration in Landshut sei sie mit einer Kamera um die Zirkuswagen geschlichen, um zu sehen, ob die Tiere artgerecht gehalten werden.

„Ein Zirkusmitarbeiter hat mir zuerst einen Wasserkübel über den Kopf geschüttet, als er mich gesehen hat“, erzählt Hübner. Ihr zu Hilfe eilender Mann habe Schläge ins Gesicht abbekommen, auch sie sei von dem Mitarbeiter getroffen und ihrer Kamera beraubt worden. „Im Krankenhaus haben die Ärzte bei mir Prellungen festgestellt“, sagt sie.

Hübner will sich vor dem Zirkus auch nach diesem handfesten Streit nicht verstecken – im Gegenteil. „Ich plane in Neumarkt für Sonntag eine Demonstration gegen den Zirkus.“ Auf die Frage, ob sie den Zirkus Alberti ruinieren will, antwortet sie: „Nein, wir wollen keine Hexenjagd betreiben!“ Jedes Tier, das im Zirkus gequält werde, sei zu viel. Ben sei ihr aber schon ganz besonders ans Herz gewachsen. „Wenn ich es schaffe, besuche ich ihn regelmäßig“, sagt Hübner.

Werden die Besucher betrogen?

  • Drei Auswirkungen:

    Der Neumarkter Rechtsanwalt
    Geedo Paprotta erklärt die drei rechtlichen Auswirkungen, wenn den Besuchern in diesem Fall wirklich ein Bär aufgebunden wird.

  • Betrug:

    „Wenn der Bär angekündigt wird, und ein Besucher aufgrund des Tieres eine Eintrittskarte gekauft hat, wäre das strafrechtlich ein Betrug“, sagt Paprotta. „Der Besucher wäre getäuscht worden und hat sich eine Karte gekauft.“

  • Vertragsbruch:

    Die zweite rechtliche Auswirkung wäre ein Vertragsbruch. „Dieser liegt in diesem Fall vor, wenn der Besucher ein Ticket gekauft hat und nicht mit dem angekündigten Bären unterhalten wurde“, sagt Paprotta. Der Verbraucher könnte den Teil des Geldes zurückverlangen, der für die Bären-Nummer bezahlt wurde.

  • Lockangebot:

    Die dritte Auswirkung wäre unerlaubter Wettbewerb. „Ein anderer Zirkus könnte sagen: ‘Durch die Bären-Ankündigung schnappt Alberti mir Besucher weg’“, sagt Paprotta. Von irreführender Werbung und von einem verbotenen Lockangebot ist die Rede. Der Verbraucher kann hier nichts geltend machen.

Ben lebt seit seiner Beschlagnahmung im „Gnadenhof für Bären“ in Bad Füssing. „Er kam damals in einem körperlich relativ guten Zustand zu uns“, sagt ein Tierpfleger der Bären-Auffangstation. Ein bisschen „überfettet“ sei er gewesen, weil er im Zirkuswagen zu wenig Bewegung hatte. „Ein Wildtier in einem Wagen unbeaufsichtigt zu lassen, ist nicht artgerecht“, sagt der Pfleger. In Bad Füssing lebe der Braunbär mit einer Bärendame im zweitgrößten Gehege des Gnadenhofs. Fast zwei Hektar habe Ben zur Verfügung, um Löcher zu buddeln und im Teich zu baden. „Er kann jetzt einfach Bär sein“, sagt der Tierpfleger.

Laut der offiziellen Mitteilung des Landratsamts Deggendorf konnte Ben das im Wagen des Zirkus Alberti nicht: „Die Behördenmitarbeiter fanden einen unter tierschutzwidrigen Bedingungen gehaltenen Bären ohne Betreuungsperson auf.“ Das Deggendorfer Veterinäramt hatte im März 2016 den Wagen in Plattling untersucht.

„Gegen einige Zirkusmitarbeiter laufen noch Strafverfahren“, sagt ein Sprecher des Landratsamtes Deggendorf. Die Amtsärztin habe sich damals glücklicherweise nicht verletzt. Trotzdem laufe derzeit am Amtsgericht Deggendorf ein Verfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Lesen Sie hier: Zirkus verzichtet auf Bär Ben.

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